Deutschrap-Reihe

5 politische Deutschrap-Alben (2): Disarstars radikaler Widerstand auf DEUTSCHER OKTOBER

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Deutschsprachiger Rap wird in der Öffentlichkeit oftmals als unpolitisch und affirmativ wahrgenommen. Dieser Wahrnehmung setzen wir eine fünfteilige Serie mit den besten politischen Alben der vergangenen Jahre entgegen und zeigen so, dass Deutschrap abseits der ganz großen Charthits durchaus auch als gesellschaftliches Korrektiv fungieren und eine präzise Kritik an den herrschenden Verhältnissen formulieren kann. Diese Mal geht es um Disarstar mit seinem 2021 erschienenen Album DEUTSCHER OKTOBER.

Radikaler Widerstand und RAF-Reminiszenz

Von allen Künstlern dieser Liste ist Disarstar sicherlich derjenige, der seinen politischen Anspruch am stärksten betont. Das beginnt schon bei dem Namen seines fünften Albums: DEUTSCHER OKTOBER. Eine Anspielung auf den sogenannten „Deutschen Herbst“, der die politische Atmosphäre im September und Oktober 1977, die von den Anschlägen der Roten Armee Funktion (RAF) geprägt war, beschreibt. Wenngleich die RAF auf dem Album nicht einmal konkret erwähnt wird, gibt es zwischen ihr und dem Hamburger Rapper doch ein verbindendes Element: das Motiv des radikalen Widerstands gegen die bestehenden Verhältnisse.

Auf dem Intro des Albums grenzt sich Disarstar – in klassischer HipHop-Manier – zunächst einmal von seinen Rap-Kollegen ab. Diese würden zwar ähnlich wie er selbst aus prekären Verhältnissen kommen, auf ihrem Weg zum Erfolg aber den neoliberalen Mythos des immer durch eigene Kraft erreichbaren Aufstieg übernehmen und in ihrer Musik promoten. Herauskommen würde ein unkritischer Straßenrap durchsetzt mit materialistischen Statussymbolen. Die Aufgabe von Rap erkennt Disarstar aber in der detaillierten Auseinandersetzung mit unserem kapitalistischen System, das eben nicht jedem den Aufstieg aus seiner Schicht ermöglicht:

„Du hast die Chance die Lage zu kritisieren, in der die Leute sind / Vielleicht erwarten sie das von dir /
Du schreibst Parts über ’ne Rolex / Anstatt dass du für dich behältst, was du für’n Idiot bist“

Disarstars Ablehnung des bürgerlichen Staates und seiner Institutionen

DEUTSCHER OKTOBER ist vor allem auch eine Milieustudie im Geiste des literarischen Naturalismus des 20. Jahrhunderts. Schon der erste Albumsong „Sick“ widmet sich intensiv einer ausgebeuteten und vernachlässigten Schicht, der sich Disarstar selbst zugehörig fühlt: „Dein Leben American Pie, unser Leben La Haine / Wenig Ideen, bleibt nur von Sonne zu träumen und zum Training zu gehen“, rappt Disarstar.

Die Analyse seine eigenen Umfelds, aber auch der politischen und medialen Debatten führt Disarstar zu der Diagnose, dass unsere Gesellschaft erkrankt ist. Sie leidet unter existenzbedrohender Armut, tödlichem Rassismus und einem nahezu religiös anmutenden Konsumkult. Disarstars Blick auf die Gesellschaft ist einer mit der Brille des Marxismus, allerdings frei von lähmender Dogmatik. Die bürgerliche Gesellschaft ist für ihn nicht in einer überwindbaren Krise, sondern muss selbst vollständig überwunden werden. Folgerichtig lehnt er auch ihre Rituale ab: „Sollen mal die anderen Wählen gehen, als ob die Misere sich ändert“, heißt es ebenfalls auf „Sick“.

Auf DEUTSCHER OKTOBER inszeniert sich Disarstar als kompromissloser Kämpfer für eine bessere Welt

Kontroverse Thesen, mit denen sich Disarstar, der sich selbst als „linksradikal“ bezeichnet, als knallharter Kämpfer der Gerechtigkeit inszeniert. Und hier gibt es dann vielleicht eine Parallele zur RAF: der Wille zum kompromisslosen Widerstand. Auf dem Song „Australien“, in dem er die Lebensrealität seines Umfelds gegen die jener privilegierten Mittelschichtskinder, die nach dem Abitur an Auslandsjahre denken um ihre „Träume“ zu leben, gegenschneidet, wird Disarstars fundamentale Verachtung für die Institutionen des bürgerlichen Staats deutlich:

„Hier ist, auch wenn ihr wegguckt, Verbitterung / Rechtsruck im Mittelpunkt, Nazis aufs Maul hauen / Richter erschießen, Rechtsschutzversicherung / Wir können uns nur selbst retten / Hier, wo Politiker Golfen gehen und Geld fressen“

Mit solchen Lines knüpft Disarstar an seinen Albumtitel an und glorifiziert ein Stück weit die terroristischen Aktivitäten der RAF. Künstlerische Überspitzung, gezielte Provokation oder gefährliche Gewaltfantasie?

DEUTSCHER OKTOBER ist eine präzise Systemkritik, vorgetragen mit einer Menge Wut auf atmosphärischen Beats. Musikalisch vereint Disarstar auf dem Album Drill-Elemente mit modernen Autotune-Anleihen und harten Straßenrap-Passagen. So gelingt Disarstar sein musikalisch bisher versiertestes Album, das nicht nur moderne Einflüsse gelungen aufgreift, sondern sie zu einem eigenen Hamburger Sound weiterspinnt. So wohlklingend wie Disarstar hat lange niemand mehr zum fundamentalen Rundumschlag gegen unser kapitalistisches System ausgeholt.

In Teil 1 dieser Serie beschäftigten wir uns mit Zugezogen Maskulins ALLE GEGEN ALLE. In Teil 3 wird es um EINE HAND BRICHT DIE ANDERE von Waving The Guns gehen.


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