Spezial-Abo
Highlight: Musiker erzählen von den Abenteuern, die sie erlebt haben als die Berliner Mauer fiel

Interview

Im Gespräch mit Disarstar: „Ich bin Teil des Systems, das ich kritisiere“

Disarstar redet schnell. Er verfolgt einen Gedanken, lässt ihn wieder los, ändert rasant die Richtung. Sein Energielevel ist hoch, der Blick gleitet oft durch den Raum, als suche er eine Idee in den Stuckverzierungen an der Decke. Zeitweise unterbricht er seinen Redefluss und wirft ein, man dürfe ihn gerne stoppen, wenn er zu weit aushole. Das tut er, aber es ist unumgänglich. Denn Gerrit Falius, alias Disarstar, hat viel zu sagen.

Der Hamburger Rapper begann bereits als Jugendlicher mit Streetrap und hatte jegliche Voraussetzung dazu, in dem Genre zu bleiben: Falius wuchs in schwierigen familiären Verhältnissen auf, wurde bereits als Kind mit ADHS diagnostiziert. Einem frühen Schulabgang folgten Alkohol- und Drogenprobleme, erste Straftaten. Erst als Disarstar wegen gefährlicher Körperverletzung zu einer Bewährungsstrafe verurteilt wurde, kam der Sinneswandel. Mit der Unterstützung seines Sozialarbeiters ließ Gerrit Falius seine Vergangenheit hinter sich und erweiterte stattdessen sein Interesse an Philosophie, Politik und Gesellschaftskritik.

Kaufe die Limitierte Fanbox von „Klassenkampf & Kitsch“ auf amazon.de

Nach einigen kostenlosen Mixtapes und zwei Touren als Support Act von Kontra K erschien im Jahr 2015 Disarstars Debütalbum KONTRASTE, das es auf Platz 19 der deutschen Albumcharts schaffte. Seine Musik ist deutlich dem linken Spektrum zuzuordnen, seit Jahren bekennt sich Disarstar als Marxist. Er rappt über seine eigene Fehlbarkeit, die Entwicklung, die er als Mensch durchmacht und bezieht Stellung zu gesellschaftspolitischen Themen wie Frauendiskriminierung, Seenotrettung und der AFD. Zum Release seines vierten Studioalbums KLASSENKAMPF & KITSCH,das am 6. März 2020 erschienen ist, trafen wir den 26-Jährigen zum Interview.

Musikexpress.de: Der Titel deines neuen Albums lautet KLASSENKAMPF & KITSCH. Was bedeutet der Begriff Klassenkampf für dich?

Disarstar: Ich hatte schon immer eine politische Komponente in meiner Musik und ich finde, es wird immer relevanter, Haltung zu zeigen. Marx hat gesagt: „Alle Geschichte ist die Geschichte von Klassenkämpfen“. Das sehe ich auch so. Ich glaube nicht daran, dass Migration das Grundproblem unserer Zeit ist, sondern die Verteilung zwischen Arm und Reich. Der bürgerliche Parlamentarismus handelt mit solch einer Selbstgefälligkeit, als sei das kapitalistische System in dem wir leben das Maß aller Dinge. Daran glaube ich nicht. Der Kapitalismus ist nicht das Ende der Geschichte. Das ist die Klassenkampf-Komponente in dem Titel.

ME: Und wie kommt da Kitsch mit ins Spiel?

Disarstar: Meine Musik war schon immer emotional – den Vorwurf „Kitsch“ musste ich mir schon das ein oder andere Mal anhören. Wenn man so will, ist der Begriff „Kitsch“ eine Art ironischer Antagonist zu der politischen Komponente meiner Musik. Es ist selbstironisch.

ME: In dem Track „Jetzt & für immer“ rappst du: „Ich hab so Bock auf weg von der Straße, noch mehr Ekstase, (…) die doppelte Gage und sonnige Jahre“. Kannst du dich mit so einer Aussage trotzdem noch als Antikapitalist bezeichnen?



Drin und weg: The Strokes spielen ein zeitlos altmodisches Konzert in Berlin
Weiterlesen