Rap-Reihe

5 politische Deutschrap-Alben (1): Zugezogen Maskulin formulieren auf ALLE GEGEN ALLE eine präzise Zeitgeistkritik

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Deutschsprachiger Rap wird in der Öffentlichkeit oftmals als unpolitisch und affirmativ wahrgenommen. Dieser Wahrnehmung setzen wir eine fünfteilige Serie mit den besten politischen Alben der vergangenen Jahre entgegen und zeigen so, dass Deutschrap abseits der ganze großen Charthits durchaus auch als gesellschaftliches Korrektiv fungieren und eine präzise Kritik an den herrschenden Verhältnissen formulieren kann. Den Anfang macht Zugezogen Maskulin mit ihrer 2017 erschienenen Platte ALLE GEGEN ALLE.

Das politisch-philosophische Gewissen des Deutschraps

Wenn es um Deutschrap mit Message, um Musik in kritischer Auseinandersetzung mit dem Zeitgeist geht, dann ist die Berliner Band Zugezogen Maskulin nicht weit. Gleichwohl die Zecken-Rap-Ikonen auch immer wieder mit ihrem Standing als Feuilletonlieblinge hadern und auf keinem Fall als „Parolen-Rapper“ wahrgenommen werden wollen, sind sie doch das politisch-philosophische Gewissen des Deutschraps.

Kennengelernt haben sich die beiden Bandmitglieder grim104 und Testo 2010 bei einem Redaktionspraktikum bei rap.de. Damaliger Chefredakteur: Royal Bunker-Gründer Markus Staiger. Die beiden frisch Zugezogenen arbeiten zusammen, freunden sich an und beginnen mit eigener Musik. Denn: Beide wollen am liebsten die Seiten tauschen, nicht mehr über Hip-Hop schreiben, sondern selbst auf der Bühne stehen.  Als Bandname wählen die beiden Zugezogen Maskulin, eine Anspielung auf die in den 2000ern populäre Rapcrew Westberlin Maskulin.

ALLE GEGEN ALLE: Präzise Zeitgeistkritik mit Blick für historische Kontinuitäten

Ressentiments gegen Neu-Berliner sind in der Bundeshauptstadt – vor allem im Rapgame –  keine Seltenheit. Grim104 und Testo parodieren diesen Lokalpatriotismus nicht nur mit ihrem Bandnamen, sondern nehmen ihn auch in ironischer Überspitzung und in provokativer Anspielung auf den Judenboykott im Nationalsozialismus als Inspiration für ihren ersten Albumtitel. KAUFT NICHT BEI ZUGEZOGENEN erscheint 2011 als Gratis-Album und verhilft der frisch gegründeten Band zu erster Bekanntheit – und zu einem Labelsigning bei dem Hamburger Indie-Label Buback. 2015 veröffentlichen Zugezogen Maskulin ihr Album ALLES BRENNT, mit dem sie sich vor allem in der linksalternativen Szene einen Namen machen und das erste Mal beim „Rock im Ring“ spielen. Ein wahrer Kindheitstraum. Drei Jahre später erscheint ALLE GEGEN ALLE, das Album, um das es hier gehen soll. Denn obwohl sich Zugezogen Maskulin seit Beginn an durch gesellschaftskritische und provozierende Texte auszeichnen, formulieren sie auf ALLE GEGEN ALLE treffend wie nie zuvor eine präzise Zeitgeistkritik, die aber auch historische Kontinuitäten in den Blick nimmt.

Schon der erste Song des Albums, „Was für eine Zeit“, steht dafür exemplarisch. In aggressiver Resignation arbeiten sich grim104 und Testo an den popkulturellen Phänomenen einer orientierungslosen Massengesellschaft ab. Craftbeer, identitätspolitische Scheindebatten und hinter Clickbait-Titeln versteckte Influencer-Alltäglichkeiten: „Dafür gingen meine Großeltern ’89 auf die Straße“, resümiert Testo verzweifelt.

Damit ist das zentrale Thema des Albums genannt. Gegenwartskritik im Kontext der Nachwehen des mörderischen 20. Jahrhunderts. Während erstere auf Songs wie „Yeezy Christ Superstar“, „Stirb“ und „Steffi Graf“ ausbuchstabiert wird, findet letzterer auf den Tracks „Uwe & Heiko“, „Vor Adams Zeiten“ und „Steine & Draht“ Resonanz.

Auf „Steine & Draht“ stellen grim104 und Testo die Erfahrungen ihrer Elterngenerationen aus der BRD und DDR gegenüber. Grim104, in Niedersachsen aufgewachsen, rappt von traumatisierten Soldaten, den rauchenden Schloten der Wirtschaftswunderzeit, deren schwarzer Rauch sich in der Luft mit der Asche der im Holocaust ermordeten Juden vermischt, und dem hoffnungslosen Kampf der Roten-Armee-Fraktion. Ein ikonische Beschreibung der westdeutschen Nachkriegsjahrzehnte, die Testo, geboren in Leipzig und aufgewachsen in Stralsund, in der zweiten Strophe durch eine realsozialistische Perspektive ergänzt. Hier wird die DDR unter anderem als eifersüchtiger Liebhaber personifiziert:

„Ein Bier zu viel, ein Witz zu weit
Dann zeigt er sich der Klassenfeind
Den brech‘ ich klein, ich steh‘ dir bei, der Westen is‘ ’ne Hure
Und wenn du mich für sie verlassen willst
Dann fängst du dir ’ne Kugel“

Aufwachsen in der (ostdeutschen) Provinz

Das Scheitern der DDR und die auf sie folgenden Umbruchsjahre, in deren gesetzlosem Chaos Testo als Jugendlicher aufgewachsen ist, sind auf ALLE GEGEN ALLE ein wiederkehrendes Motiv. Der Song „Teenage Werwolf“ handelt vom Aufwachsen in der Provinz, von rechtsradikaler Gewalt und jugendlicher Zerstörungswut. Hier deutet sich schon jenes feines Gespür für die ostdeutsche Lebenswelt in den Jahren nach ´89 und ihre Implikationen fürs Heute an, die auch den 2022 veröffentlichten Roman „Nullerjahre“ von Testo zu einem der spannendsten Beiträge zum Post-Wende-Diskurs werden ließen.

ALLE GEGEN ALLE ist ein wahrer Rundumschlag. Das Album greift unzählige Debatten auf, legt hunderte Probleme offen und erscheint trotzdem, lyrisch wie musikalisch, aus einem Guss. Und: Trotz verschiedenster Meta-Ebenen, zahlreicher popkultureller Anspielungen und historischer Parallelen, wirkt es auch an keiner Stelle zu verkopft. Eine bemerkenswerte Leistung, die das Album zu einer der besten Deutschrap-Platten des vergangenen Jahrzehnts macht.

In Teil 2 unserer Reihe über politische Deutschrap-Alben werden wir uns Disarstars DEUTSCHER OKTOBER widmen.


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