Deutschrap-Reihe

5 politische Deutschrap-Alben (5): Takt32 stellt seine GANG gegen die bürgerliche Scheinwelt

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Deutschsprachiger Rap wird in der Öffentlichkeit oftmals als unpolitisch und affirmativ wahrgenommen. Dieser Wahrnehmung setzen wir eine fünfteilige Serie mit den besten politischen Alben der vergangenen Jahre entgegen und zeigen so, dass Deutschrap abseits der ganz großen Charthits durchaus auch als gesellschaftliches Korrektiv fungieren und eine präzise Kritik an den herrschenden Verhältnissen formulieren kann. Dieses Mal geht es um GANG, das Debütalbum des Berliner Rappers Takt32.

GANG: Straßenkriminalität als Form des zivilen Ungehorsams

Auf dem 2015 erschienenen Debütalbum des im Berliner Osten aufgewachsenen Rappers Takt32 geht es auf den ersten Blick genau darum, was auch draufsteht: um die GANG. Doch bei genauerem Hören wird schnell klar, dass sich hier die Gang, also der im Idealfall unzertrennliche, füreinander einstehende engste Freundeskreis, im Gegenüber zur Mehrheitsgesellschaft konstituiert. Sie allein vermag dabei zu helfen, den nicht eingelösten Versprechungen des Kapitalismus näherzukommen – auch wenn nicht auf dem von ihm vorgesehenen Weg.

Denn Armut und Perspektivlosigkeit sind die Geburtshelfer des kriminellen Aufstands. Frei nach Brecht, der fragte, ob der Banker oder der Bankräuber der größere Verbrecher ist und dabei selbst zu letzterem tendierte, wird Straßenkriminalität auf GANG als Form des zivilen Ungehorsams betrachtet. Genauso wie Graffiti und HipHop. Als einziger Ausweg aus dem menschenfeindlichen Niedriglohnsektor in einem Land, das bei Vergleichsstudien zur Bildungsungerechtigkeit in den Industrieländern im hinteren Mittelfeld liegt und das fast nur Akademikerkinder zu einem erfolgreichen Hochschulabschluss ermächtigt. Nur der Zusammenhalt der Gang befähigt zum Spiel gegen die Regeln, die von den anderen gemacht wurden.

Gegen die bürgerliche Scheinwelt

Das hat Schattenseiten, denn Regeln haben ja durchaus einen Grund. Die Gang unterscheidet nicht zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Akteuren. Für sie gibt es nur sich selbst und die anderen. Das erscheint zunächst egoistisch, ist eventuell aber eine konsequente Antwort auf unsere Ellbogengesellschaft. Daher crasht die Gang Partys, sucht sinnlos Stress und will Touris am liebsten aus der Stadt vertreiben. Das ist nicht heldenhaft, aber auch ein Eingeständnis, dass es überhaupt keine Helden geben kann. Es ist die Entscheidung, seine Fehler und Schwächen offenzulegen, anstatt hinter einer brüchigen Fassade zu verstecken. Denn wenig verabscheut die Gang so sehr wie die bürgerliche Scheinwelt, die auf dem Song „Keiner von Uns“ als konträres Gegenüber konstruiert wird:

„Nicht vom Alk, von euch hab‘ ich nen Kater
Von wegen: werd‘ doch Banker, Zahnarzt – nada
Ich geb‘ n fick auf eure Scheinwelt
Auch wenn meine dafür einfällt“

In Teil 1 dieser Serie beschäftigten wir uns mit Zugezogen Maskulins ALLE GEGEN ALLE, in Teil 2 mit Disarstars DEUTSCHER OKTOBER, in Teil 3 mit Waving The Guns‘ EINE HAND BRICHT DIE ANDERE. In Teil 4 ging es um Prinz Pis REBELL OHNE GRUND.


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