Deutschrap-Reihe

5 politische Deutschrap-Alben (4): Nach Porno-Rap, vor Mainstream-Poesie – darum ist REBELL OHNE GRUND Prinz Pis stärkste Platte

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Deutschsprachiger Rap wird in der Öffentlichkeit oftmals als unpolitisch und affirmativ wahrgenommen. Dieser Wahrnehmung setzen wir eine fünfteilige Serie mit den besten politischen Alben der vergangenen Jahre entgegen und zeigen so, dass Deutschrap abseits der ganz großen Charthits durchaus auch als gesellschaftliches Korrektiv fungieren und eine präzise Kritik an den herrschenden Verhältnissen formulieren kann. Dieses Mal geht es um das 2011 erschienene Album REBELL OHNE GRUND von Prinz Pi.

Vom Porno-Rapper zum Mainstream-Poeten

So ein richtiger Rebell war Prinz Pi 2011, als sein Album REBELL OHNE GRUND erschien, auch schon nicht mehr. Zwar verkaufte er damals noch nicht zusammen mit einem Online-Optiker vom Prenzlauer-Berg-Publikum inspirierte Brillen und führte noch keine Reporter von Architektur-Magazinen mit hochtrabendem Vokabular durch seine Altbau-Wohnung, verkörperte also kurz gesagt noch nicht das absolute Klischee eines Hipsters, dennoch steckte er bereits mitten in der Transformation von Porno-Rapper zum Mainstream-Poeten. Seinen schon immer etwas skandalträchtigen Namen „Prinz Porno“ hatte er bereits abgelegt, und auch seine Lyrics wurden bereits zahmer und massentauglicher.

Sein Album REBELL OHNE GRUND ist aber dennoch das bis heute stärkste und reflektierteste seiner Alben, weil es die Kinderkrankheiten seiner ersten Releases, die sich oftmals noch krampfhaft einer bei dem Zehlendorfer Rapper schon damals etwas unglaubwürdig wirkenden Straßenrhetorik bedienten und unnötige Obszönitäten enthielten, ablegte – aber noch nicht so weichgespült und charakterlos wirkte wie seine späteren Platten. Thematisch wendet sich Prinz Pi auf REBELL OHNE GRUND unserer modernen Massengesellschaft zu, und findet, in – eventuell unbewusster – Anlehnung an die Frankfurter Schule, dann doch ganz gute Gründe zur Rebellion.

Von „Anti-Wahrheits-Drogen“ und Antidepressiva

Auf dem Song „Virus“ trauert Prinz Pi um das um seinen politischen Gehalt beraubten, als schlechtes T-Shirt-Motiv sein Dasein fristendes Che-Guevara-Bildnis, und erklärt sich kurzerhand selbst zum „lebensmüden Redelsführer“ und „Ausgewählten“. Als dieser diagnostiziert er der deutschen Gesellschaft eine um sich greifende Krankheit, deren Ursache in weitverbreiteter Armut und Perspektivlosigkeit liegt und deren Symptome klar erkenntlich sind: nackte Brüste im Nachmittagsprogramm, individuelle Verschuldung, Antidepressiva-Konsum und zunehmend verbreitete Abhängigkeiten von Benzodiazepinen. Das größte Problem: Weit und Breit ist keine wirksame Medizin für diesen Virus auszumachen. Stattdessen avancieren riesige Plasma-TVs, die Prinz Pi als „Anti-Wahrheits-Drogen“ betitelt, zum Verkaufsschlager.

Es mag Rapper geben, die in der Lage sind präzisere Gesellschaftskritiken zu formulieren, noch smartere Line zu droppen. Was Prinz Pi mit dem Song „Virus“ , wie auch mit dem gesamten Album, aber vorzüglich demonstriert, ist sein Gespür für eine gelungene, authentische Atmosphäre. Er versteht es die richtigen Wortfelder zu gebrauchen, um bei den Hörer*innen ein intensives Gefühl des Verstanden-Werdens zu erzeugen. Da fällt es nicht so sehr ins Gewicht, dass die Lyrics ein wenig kryptisch bleiben, ein bisschen nach Kiffer-Rebellion klingen und wenig Konkretes beinhalten. Das Album lebt, wie es der Titel ja auch bereits vorgibt, von seiner Anti-Haltung, die mit gesellschaftskritischen Akzenten untermauert wird.

Afghanistan-Krieg: Bunte Stecker fürs Morden

Im Song „Drei Kreuze für Deutschland“ widmet sich Prinz Pi dem Afghanistan-Krieg zu und beschreibt die Geschichte einer deutschen Soldatenfamilie, in der die Familienmutter mit ansehen muss, wie der Krieg ihren Ehemann und ihre beiden Söhne zerstört. Ihr Mann, der als Kapitän bei der Marine ist, geht in einer Nacht bei einem Umfall über Bord. Währenddessen kämpfen seine Söhne in Afghanistan und kehren eines Tages zurück.

Vom Krieg gezeichnet, von den Schreien seiner Kameraden, dem Krach der Gewehre und der ständigen Gefahr, bringt sich der älteste Sohn um. Sein jüngerer Bruder hat Mühe sich nach seinem Auslandseinsatz in Deutschland wieder einzufinden, hat keine Lust auf Partys und Alkohol. Seine Bekannten wollen „quatschen“, nicht „reden“, niemand möchte mit seinen Erlebnissen im Krieg konfrontiert werden. Eines Tages greift er, als Neonazis ein wehrloses Opfer verprügeln, ein – und stirbt anschließend an den Verletzungen, die er dabei davonträgt. Die Mutter, die ihre ganze Familie an die Armee und den Krieg verloren hat, konfrontiert den Admiral der nahegelegenen Kaserne in einer Szene, die stark an Wolfgang Borcherts Theaterstück „Draußen vor der Tür“ erinnert, mit ihrem Familienschicksal und mustert seine Uniform: „So viele bunte Stecker kriegt man fürs Morden.“

Inzwischen gibt es weitere deutschsprachige Rap-Songs, die sich mit der Kriegsthematik auseinandersetzen. In besonders gelungener Weise tat das zuletzt Casper mit „Billie Joe“ auf seinem aktuellen Album ALLES WAR SCHÖN UND NICHTS TAT WEH. Damals aber war Prinz Pi mit dem Song einer der ersten deutschen HipHop-Artists, die sich an das Thema ran wagten, und das obwohl deutsche Soldaten seit 2002 in Afghanistan kämpfen – und starben. In dieser Hinsicht gelang Prinz Pi mit „Drei Kreuze für Deutschland“ ein wegweisender Song, wenngleich die amerikanischen Einflüsse des Tracks unüberhörbar sind.

Prinz Pi auf REBELL OHNE GRUND: Authentische Außenseiterperspektive

Prinz Pi sucht auf REBELL OHNE GRUND aber nicht nur nach Gründen zur Rebellion. Auf einigen sentimentalen Liebesliedern wie „Laura“ und „Eifer & Sucht“ zeigte der Rapper bereits damals sein großes Talent für nostalgisch-romantische Liedtexte, die er zwei Jahre später auf KOMPASS OHNE NORDEN perfektionieren sollte. REBELL OHNE GRUND klingt mit der späteren Platte im Vergleich schroffer und skizzenhafter, bietet dafür aber noch die authentische Außenseiterperspektive mit Blick für gesellschaftliche Verfallserscheinungen, die auf späteren Platten von Prinz Pi verloren geht. Daher ist REBELL OHNE GRUND das politisch aussagekräftigste Album eines Rappers, der sich lange als „Studentenrapper“ titulieren lassen musste, und eines, das trotzdem wichtige Themen erstmals angesprochen und neue Akzente gesetzt hat.

In Teil 1 dieser Serie beschäftigten wir uns mit Zugezogen Maskulins ALLE GEGEN ALLE, in Teil 2 mit Disarstars DEUTSCHER OKTOBER, in Teil 3 mit Waving The Guns‘ EINE HAND BRICHT DIE ANDERE. In Teil 5 wird es um Takt32 mit GANG gehen.


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