7 Erkenntnisse, die wir auf einer Dorfhochzeit gesammelt haben

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Die wenigsten von uns sind ja wahre Großstadtkids. Ja, auch ich bin ein zugezogener Berliner (wenigstens kein Schwabe) und mit Graus erinnere ich mich an den Geschmack von schalem Bier auf schlechten Abifeten. Oder das jährliche Schützenfest, wenn die Kameraden im Stechschritt völlig asynchron durchs Dorf marschieren und Hackebreit die Nationalhymne vorm Kriegsgefallenendenkmal singen: eine Symphonie! Ein Gemälde könnte diese absurde Schönheit nicht einfangen. Eigentlich hatte ich all das nicht so sehr vermisst, aber man muss auch dankbar sein für die seltenen, schönen Momente, deshalb heißt es, wenn die Verwandtschaft und die daheim gebliebenen Freunde beginnen zu heiraten: Club-Mate unter den Arm klemmen und mit dem Zug zurück in die Vergangenheit reisen.

Ich wurde also auf eine waschechte Dorfhochzeit eingeladen und bin mit sieben Erkenntnissen und ziemlich angetrunken ins Bett gefallen:

1. Das Bier entscheidet

 

Froth on beer

Provinz ist, wenn dich schon in der Regiobahn ein lattenstrammer Kegelclub begrüßt und dir zur Begrüßung eine halbe Flasche Bier über’s Hemd schüttet. Aber macht ja nix, „das Bier entscheidet“, wusste ja schließlich schon Die Partei. Auch im schmucken Festsaal der dörflichen Schankwirtschaft wird zum Anstoßen auf das Brautpaar lieber zum kühlen Gerstensaft gegriffen, als zum prickeligen Sekt. Wäre ja auch zu Etepetete.

2. Klatschen ist Trumpf

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Oh, eine Kindertanzgruppe, die dem Brautpaar ein Tänzchen tanzt. Auf geht’s, wie beim Musikantenstadl gelernt! Immer schön im 4/4-Takt mitklatschen, immer auf die Eins, immer schön gegen den Takt. So ist’s fein! Sind ja schließlich in Deutschland und hier wird keine Chance zum (a-)synchronen Klatschen verpasst. Was eine Gaudi! Aber mal ernsthaft? Warum ist Klatschen in diesem Land als Gradmesser der guten Laune anerkannt?

3. Nur umgetextete Lieder sind gute Lieder

Es gibt etwas zu feiern? Das heißt, Köpfe zusammenstecken und einen neuen kecken Text auf einen allseits beliebten Song dichten. Darüber freuen sich doch alt und jung! Ich habe gehört, „An Tagen wie diesen“ hat total den deepen Text, eignet sich doch sicher für so ein einmaliges Erlebnis wie eine Hochzeit. Und wenn die versammelte Clique/Familie/Belegschaft ihr (gerne dreistimmiges) Geträller vorträgt, nicht vergessen mitzuklatschen (siehe Punkt 2!).

4. Kreative Profifotografen sind ein Albtraum…

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…vor allen Dingen, wenn sie auch noch ein ganz übermotiviertes Exemplar sind, das für sein gut ein Meter langes, super teures, weil super gutes Objektiv einen Waffenschein benötigt. Fotos können etwas Schönes sein, erinnern sie uns doch schließlich an schöne Momente – und Hochzeiten sind in den meisten Fällen schöne, erinnerungswürdige Momente. Aber sich einfach gesittet nacheinander mit dem Brautpaar auf eine Bank setzen und Fotos machen? Wie langweilig! Es ist doch ein kreativer Profifotograf mit Marktschreier-Qualitäten vor Ort. Wie wäre es mit, „10-Sekunden-Fotos“? Noch nie was von gehört? Voll die lustige Idee: Man hat zehn Sekunden Zeit, eine Gruppe zu bilden und ein Foto mit dem Brautpaar zu arrangieren. Löst diese „kreative“ Idee Stress bei allen Beteiligten aus? Führt sie zu Chaos und versehentlichen Griffen an private Körperteile von älteren Mitmenschen? Die Antwort lautet: Ja, und es ist nicht annähernd so lustig, wie es der Sadisten-Fotograf erscheinen lassen will.

5. Schlager gibt es nie genug

Direkt nach dem Hochzeitstanz mit dem „Pur-Party-Mix“ die Tanzfläche eröffnen? Check! Helene Fischer in Andrea Berg faden? Check! Und dann eine gute Stunde die schlimmsten Ballermann-Kracher spielen und die betrunkenen Trauzeugen und Kumpels des Bräutigams zum Mitgrölen bitten? Na klar doch! Mallorca ist fern, aber man kann sich dem balearischen Ambiente doch wenigstens annähern. Jetzt hüpf‘ doch mal mit! Nicht? Dann tanz‘ wenigstens ’ne Runde Discofox mit mir! Nein? Spaßbremse!

6. Ja, auch Fun-Punk funktioniert

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Irre! Läuft da gerade allen ernstes „Basket Case“ von Green Day? Bin ich schon im Delirium? Nein? Dann nichts wie rauf auf die Tanzfläche. Ist zwar nicht Jamie xx, aber irgendwie wird man sich dazu noch bewegen können. Schöner Kontrast zu der Stunde Schlager (siehe Punk 5), die der milchbübige Hobby-Discjockey (ja, hier wird solch ein Wort noch benutzt) gespielt hat. Eine halbe Stunde stumpfer Pop-Punk mit Billy Talent, Blink-182 und The Offspring. So etwas wurde nicht einmal auf den Abifeten in der Festhalle früher gespielt.

7. „Macarena“ ist nicht totzukriegen

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Kurz nach 4, die Party hat ihren Zenit schon lange überschritten, einige Körper würden herausragende „The Walking Dead“-Statisten abgeben. Der DJ zieht seinen letzten Trumpf und reißt die menschlichen Ruinen noch einmal von den Stühlen. „Macarena“, dieses Nineties-Ungeheuer der spanischen Senioren Los Del Rio, erklingt. Die Tanzfläche ist voll mit verschwitzter Abendgarderobe, deren wankende Träger ihre Arme abspreizen, in die Hüften stemmen, mit selbiger wackeln, um sich schließlich um 90 Grad nach rechts zu drehen. Was ein Anblick! Aber warum erinnert mich das alles eher an die Choreo aus dem „Thriller“-Video? Puh, wird echt Zeit ins Bett zu gehen.

 

Ok, gut… andererseits: Das Essen war nicht übel, der Alkohol umsonst und die Gesellschaft überaus aufgeschlossen. Ich freue mich auch schon ein wenig auf die nächste Hochzeit, die in wenigen Wochen ansteht. Wirklich! Dann werde ich zumindest nicht in das Fettnäpfchen treten und mein Sakko vor dem Bräutigam ausziehen. Traditionen und Bräuche müssen schließlich erhalten werden; und Andrea-Berg-Songs kommen und gehen, hoffentlich.

Level1studio Getty Images
CC BY-SA 2.0 flickr.com/perspective/

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