Gepimpte Geschichte

Konzerte wurden abgesagt, Bars machten abends dicht, und selbst in Las Vegas gingen angeblich die Einnahmen zurück. Die TV-Familiensaga „Roots“ fesselte Ende Januar 1977 die gesamte amerikanische Nation. Die aufwändig gestaltete Box „Roots -The Complete Collection“ (Warner Bros, nnnn) beinhaltet auf neun DVDs, die teilweise beidseitig bespielt sind, neben der digital überarbeiteten über neunstündigen Original-Serie auch die zwölfstündige Fortsetzung, „Roots – Die nächsten Generationen“ (u.a. mit Marion Brando, Irene Cara, Henry Fonda und Pam Grier) sowie verschiedene Dokumentationen. Mit der Mini-Serie „Roots“ wurde das düstere Kapitel der Sklaverei erstmals massentauglich fürs US-Fernsehen aufbereitet und aus der Sicht der Schwarzen dargestellt. Die Geschichte von Kunta Kinte, der 1750 im Alter von 15 Jahren von Sklavenhändlern von Gambia nach Amerika verschleppt wird, und seinen Nachfahren brachte das brisante Thema hübsch zurechtgemacht in die heimischen Wohnzimmer. Heilewelt-TV-Helden wie Ralph Waite alias „Papa Walton“ als skrupelloser Sklavenhändler oder „Bonanza“-Star Lome Greene flimmerten neben afroamerikanischen Schauspielern wie John Arnos, O.J. Simpson oder LeVar Burton über den Schirm – und verhalfen dem Sender ABC zu Traumquoten. An acht aufeinanderfolgenden Abenden saßen über 130 Millionen US-Amerikaner vor ihren TV-Geräten. Verschiedene Regisseure setzten die auf dem mit einem Pulitzer-Preis prämierten Buch von Alex Haley basierende Story fürs Fernsehen um, beschönigten und dramatisierten aber hie und da. Doch auch wenn manche Charaktere aus heutiger Sicht stereotyp dargestellt sind, wirken einige Szenen authentisch und beklemmend, wie etwa die Überfahrt auf dem Sklavenschiff, in dessen Bauch die afrikanischen Männer und Frauen in ihrem eigenen Erbrochenen liegen. Wie ein Schauspieler in einem Kommentar erzählt, erschienen bei solchen brutalen Szenen zahlreiche Statisten am kommenden Tag nicht zu den Dreharbeiten. Ein geschichtsträchtiges Renzo Wellinger Thema – teilweise etwas verharmlost -, das aber nach wie vor berührt.

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