Labrinth
COSMIC OPERA ACT I
Columbia/Sony (VÖ: 30.1.)
Wie weit können Ambitionen gehen? Labrinth produziert eine expansive HipHop-Oper und geht dabei zurück in die Zukunft.
Labrinth ist mir ja seit Beginn seiner Karriere ein Mysterium: So viel Talent, aber das Ergebnis dieses Talents sind sehr oft überproduzierte Werke, die zwischen Experiment und Mainstreambühne nicht genau wissen, wo sie hinwollen und eher zerfasern, als die Welten zusammenzubringen. Dem Karriereaufstieg des als Timothy Lee McKenzie 1989 in London geborenen Musikers hat das aber keinen Abbruch getan, im Gegenteil: Erst schrieb und produzierte der Londoner für andere wie etwa Tinie Tempah oder Professor Green, später auch für Rihanna, The Weeknd, Beyoncé oder auch Kanye West oder Nicki Minaj.
Sein eigener Aufstieg begann mit dem ersten Soloalbum ELECTRONIC EARTH (2012), 2018 gründete er eine Supergroup mit Diplo und Sia (das resultierende Album war eher egal, aber selbst das war egal). 2019 folgte IMAGINATION & THE MISFIT KID und vor allem der vielleicht größte Auftrag seines Lebens: Er wurde Komponist für die auch international irre erfolgreiche HBO Serie „Euphoria“. 2023 folgte das dritte Album ENDS & BEGINS, er trat beim Coachella Festival auf, bastelte weitere Soundtracks, letztes Jahr folgte ein Feature mit Billie Eilish.
Dieser erste Akt von Labrinths kosmischer Oper hält nichts zurück
Läuft also bei ihm. Der Kritikererfolg aber, der blieb ihm bislang eher versagt – vielleicht, weil bei allem Talent trotzdem irgendwie nie so richtig klar wurde, wo Labrinth hinstrebt. In den Mainstream Pop? Oder doch zum Experiment? Beides müsste eigentlich kein Widerspruch sein, wie in den letzten Jahren ja unter anderem Charli XCX oder Rosalía zeigten. Aber bei Labrinth wollte das Paket nicht so richtig aufgehen.
Jetzt also der vierte Streich: COSMIC OPERA ACT I. Allein der Titel lässt riesige Ambitionen vermuten. Und tatsächlich: Dieser erste Akt von Labrinths kosmischer Oper hält nichts zurück, wie es die EP PRELUDE aus dem letzten September schon hat ahnen lassen. R’n’B, Soul, Gospel, Rap, Trap und Dubstep, elektronische Musik und natürlich auch Opernelemente schaffen ein fast schon überforderndes Ganzes. Aber eben nur fast: Denn irgendwie funktioniert diesmal die musikalische Grenzenlosigkeit wesentlich besser als zuvor. Geradezu barock könnte man das Album bezeichnen, würde es Labrinths Rap Parts nicht immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholen. Auf „God Spoke“ heißt es: „Rescue me from myself.“ Und vielleicht hat sich Labrinth das auch zu Herzen genommen und sich ein wenig vor seiner eigenen Tendenz, im Größenwahn abzurutschen gerettet.
Auch die große Mainstreamsause schützt vor Selbstzweifel und Enttäuschungen nicht
Das heißt nicht, das COSMIC OPERA ACT I ein perfektes Album ist. Nein, auch hier gibt es immer wieder Momente, in denen der Manierismus des Genremix in Kitsch endet, gerade zum Ende des Albums hin. Aber Songs wie das düstere, vor Selbsthass und Hybris triefende „Implosion“ funktionieren gerade, weil der Brite hemmungslos gigantisch denkt. Es ginge ihm in diesem Song und dem Album allgemein um die Perspektive eines Künstlers mit psychischen Krankheiten, der eine Karriere in der Musikindustrie irgendwie zu navigieren versucht, erzählt er zum Album, um Paranoia, Drohungen, und die verzweifelte und unbefriedigende Jagd nach Erfolg.
Tja, auch die große Mainstreamsause schützt vor Selbstzweifel und Enttäuschungen nicht. Ein großer Auftritt auf dem Coachella Festival ist ihm für 2026 jedenfalls trotzdem schon sicher. Dieser erste Akt seiner kosmischen Oper zeigt schon mal, dass er seine Richtung gefunden haben könnte. Es bleibt zu hoffen, dass er sich dabei nicht verhebt.
Diese Review erscheint im Musikexpress 2/2026.



