Interview

Sienna Spiro im Interview: „Es gibt keine Entschuldigungen mehr!“

Sienna Spiro spricht über ihren Weg zum Selbstbewusstsein, warum „Die On This Hill“ keine Entschuldigungen mehr enthält und wie der Song die Spotify-Charts stürmte.

Von Frank Ocean bis Amy Winehouse geprägt, gehört Sienna Spiro definitiv zu den spannendsten Newcomer:innen des britischen Pop. Mit dem Song „Die On This Hill“ stürmte die 20-jährige britische Singer-Songwriterin im Januar 2026 nun auch die globalen Spotify-Top-10. Ihre emotionalen Texte und ihre einmalige Stimme begeistern weltweit Millionen Hörer:innen, sie spielte live bei Jimmy Fallon und verkaufte ihre „The Visitor Tour“ 2026 innerhalb von Sekunden aus. Was will man mehr?

Ein Gespräch über den kreativen Prozess, über den Kampf mit der eigenen Weiblichkeit und über das Verinnerlichen, dass man sich nicht immer wieder entschuldigen muss.

ME: An „Die On This Hill“ kommt man aktuell nicht vorbei, der Track läuft gerade überall. Wie fühlt sich das für dich an?

Sienna Spiro: Ich bin einfach unglaublich dankbar. Und ich kann es immer noch nicht glauben. Aber ich bin wirklich froh, dass es dieser Song ist, weil er mir sehr am Herzen liegt und es mich sehr freut, dass sich die Leute damit identifizieren können.

Kannst du mehr zur Geschichte des Tracks erzählen?

„Die On This Hill“ ist eigentlich ein Titel, den ich schon ewig hatte. Es ist so eine Art Redewendung, die viele Leute benutzen, so nach dem Motto: „Ich würde bis zum Tod dafür kämpfen.“ Meine Mutter hat das oft gesagt, daher habe ich ihn mein ganzes Leben lang gefühlt. Eines Abends saß ich am Klavier und habe mir ein Video von Benson Boone angesehen, wie er „Bohemian Rhapsody“ spielt. Da dachte ich: „Ich muss lernen, Bohemian Rhapsody zu spielen.“ Also habe ich versucht, das Instrument zu lernen, obwohl ich echt schlecht Klavier spielte. Ich habe es direkt total falsch gemacht und bin dann auf verschiedene Akkorde gestoßen, die ich immer und immer wieder gespielt habe. Darauf entstand dann die erste Hälfte des Songs.

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Für etwas bis zum Tod zu kämpfen, ist ganz schön extrem und anstrengend. Hat dich das Songwriting auch unter Druck gesetzt?

Nein, absolut nicht. Am nächsten Tag habe ich meinen Anzug angezogen – ich hatte damals diese komische Angewohnheit, Anzüge zu tragen – bin ins Studio gefahren und wir haben den ganzen Song fertig geschrieben. Es ging leicht von der Hand, weil die Message eine ist, die ich schon mein ganzes Leben lang fühle. Es hat sich einfach angestaut und wollte endlich ausgesprochen werden. In den nächsten sechs Monaten ging es dann echt schnell. Ich war total dagegen, dass „Die on This Hill“ eine Ballade wird, also gab es Gitarre, Schlagzeug, Trompeten und bestimmt zehn Versionen des Songs. Aber dann habe ich mich überzeugen lassen, als die Producer zu mir sagten: „Versuch’s doch einfach mal nur am Klavier.“ Da war ich erst ziemlich widerwillig, denn ich bin stur. Aber tatsächlich hat das der Gesangsperformance total geholfen und ich habe gedacht: „Okay super, so schreibt man also Songs!“

Was ist dein Lieblingsaspekt am Musikerin-Sein? Ist es das kreative Schaffen, die Studioarbeit oder die Auftritte? Oder vielleicht der Fame?

Definitiv das Songwriting und die Performance. Es ist so ein Zwischending, denn ich schreibe schon mein ganzes Leben lang. Ich muss es einfach, und es ist das Einzige, was man nie aufgeben kann. Man kann immer weitermachen, und es gibt so viel Musik da draußen, so viel zu erschaffen und so viel auszudrücken – es gibt keine Grenzen beim Songwriting. Man kann sein ganzes Leben damit verbringen, Musik zu entdecken. Es gibt Hunderte von Instrumenten, Hunderte von Klängen, Hunderte von Menschen, deshalb ist Songwriting so wichtig für mich und wird es immer sein. Und dann ist da noch das Performen, das ist so wichtig, weil man nur da wirklich präsent ist und nur da sein kann. Denn woher kommen Songs überhaupt? Man kommt rein, und da ist nichts, und dann geht man wieder raus, und da ist es. Es ist einfach total seltsam, und man weiß nicht, woher es kommt. Manchmal fühlt es sich gar nicht so ernst an. Man denkt erst, alles kommt aus dem Kopf, und dann tritt man plötzlich auf und sieht Leute, die den Song gehört haben und den Entstehungsprozess von der Idee über die Aufnahme und den Mix bis hin zur Musik mitverfolgt haben. Man sieht, wie all diese Leute verstehen, was man da geschaffen hat, und denkt: Wow, das ist tatsächlich Realität! Man sieht, wie sie sich damit identifizieren, und denkt nur: Wahnsinn! Diese beiden Dinge.

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Aber ist es für dich eine Herausforderung, wenn du so viele Möglichkeiten beim Musikmachen hast, so viele Sounds, Melodien und Rhythmen, die du kombinieren kannst?

Ich denke, es ist schwierig, weil ich nie etwas Unehrliches machen würde. Ich kann keine Worte schreiben, die ich nicht fühle. Selbst wenn ich die richtigen Worte finde, die funktionieren, aber nichts in mir auslösen, suche ich einfach weiter. Aber ehrlich gesagt, meiner Meinung nach entstehen Songs nicht einfach so. Sie kommen aus etwas anderem und du bist sozusagen nur ein Gefäß, eine Übersetzerin, um das nach außen zu tragen.

Fällt es dir leicht, ehrlich mit dir zu sein und auch diese Ehrlichkeit offen in deiner Musik in die Welt zu tragen?

Es ist schwer, ehrlich zu sich selbst zu sein, aber ich denke, mit dem Alter wird man besser. Ich glaube, der Grund dafür ist, dass ich mit der Zeit einfach besser im Musikmachen geworden bin, weil ich ehrlicher zu mir selbst und zu anderen bin und selbstbewusst sagen kann, was ich wirklich denke. Aber das ist erstmal für jeden schwer. Es ist so, als würde man Dinge erkennen, die nicht sehr schön sind oder sich komisch anfühlen – das kennen alle. Und ich denke, es in einem Song zu verarbeiten, ist eine Möglichkeit, etwas wirklich Schwieriges etwas leichter zu machen.

Was hat dich und deine Musik am meisten beeinflusst, sodass deine Musik heute so ist, wie sie ist?

Ich habe so viele Einflüsse. Emotionen, Lebenserfahrung, Menschen und so vieles mehr beeinflussen mich, um ehrlich zu sein.

Auch das Thema Weiblichkeit ist Thema in deinen Texten. Wie definierst du Weiblichkeit für dich und wie drückst du sie in deiner Musik aus?

Das ist eine wirklich gute Frage. Nun, ich versuche, sie in meiner Musik zum Ausdruck zu bringen, indem ich mich nicht ständig entschuldige. Ich denke, „Die On This Hill“ ist ein gutes Beispiel dafür, denn es ist ein Song darüber, stark zu bleiben, sich selbst treu zu bleiben und selbstbewusst zu sein. Ich hatte selbst lange mit meiner Weiblichkeit zu kämpfen, und es ist ja eine wirklich seltsame Sache. Es gibt viele gesellschaftliche Regeln dazu und viele Darstellungsweisen, vor allem von männlichen Künstlern. Ich habe angefangen, das in meiner Musik zu verarbeiten, indem ich mich in meinen Songs nicht mehr entschuldige. Das merkt man schon an meinem ersten Song „Need Me“, da habe ich mich ständig entschuldigt, aber in „Die On This Hill“ gibt es keine Entschuldigungen mehr!

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Das ist sehr inspirierend. Was sind deine Pläne für 2026?

2026 werde ich viel schreiben. Ich schreibe wieder, bin inspiriert und freue mich riesig aufs Performen! Es ist einfach unglaublich, dass das mein Job ist, und die Realität ist einfach verrückt. Ja, ich bin wirklich, wirklich, wirklich, wirklich aufgeregt.

Du bist die einzige Künstlerin in den britischen Top 10, die noch kein Album veröffentlicht hat. Soweit ich weiß, hast du noch nichts öffentlich angekündigt – können wir 2026 mit neuer Musik rechnen?

Mal sehen!

Und wer sie nun live erleben will: Am 21. März tritt Sienna Spiro in Die Kantine in Köln live auf.