Rocko Schamoni im Interview über Kreissägenunfall und 40 Jahre Bühne
Rocko Schamoni spricht im Interview über seinen Kreissägenunfall, Todesfälle im Umfeld und sein 40-jähriges Bühnenjubiläum – warum er trotz allem weiter macht.
Muss man alles machen, nur weil man es kann? Der berüchtigte Hamburger Entertainer Rocko Schamoni hat sich stets in alles hineingeworfen – und wieder herausgezogen. Ein üppiges Wirken zwischen den Stühlen. Anlässlich der Gala seines 40-jährigen Bühnenjubiläums sprechen wir mit ihm über die Wendepunkte einer multiplen Karriere.
Wie geht es dir gerade?
ROCKO SCHAMONI: Das Schicksal hat mich gerade ziemlich aufs Korn genommen. Im letzten Sommer habe ich mich schwer verletzt und mir mit der Kreissäge die linke Hand ruiniert. Es fehlt ein Teil des Daumens, und der Zeigefinger ist nicht mehr funktionsfähig. Dadurch hat sich mein ganzes Leben verändert, weil ich keine Gitarre mehr spielen kann. Auch das Scheibentöpfern als Keramiker ist nicht mehr möglich. Dazu kamen im nahen Umfeld Todesfälle und schwere Erkrankungen. Ich fühle mich, als hätte der liebe Gott mir gerade in den offenen Mund geschissen. Das Merkwürdige ist aber, dass es mir trotzdem irgendwie gut geht. Die Kunst drängt die ganze Zeit in mir, sagt: „Hör nicht auf, du hast so tolle Ideen!“ Und das stimmt. Ich habe wahnsinnig viele Vorhaben und bin in so tollen Prozessen drin, dass ich mich auch von den härtesten Schlägen nicht unterkriegen lassen kann und will. Verrückt – mir geht es ziemlich gut.
Du bist als Punk gestartet, hast dich aber schnell von Punkmusik als Ästhetik abgewandt. Warum nicht einfach einen Sound ein Leben lang durchknüppeln wie die Toten Hosen?
Es war schon früh klar – so ’84 oder ’85 –, dass ich kein Shouter bin. Ich habe versucht, so zu singen wie Schorsch Kamerun von den Goldenen Zitronen, aber ich bekam davon Hustenattacken. Außerdem war in den Debatten, die wir damals in Hamburg geführt haben, klar, dass man nicht an einem musikalischen Punkt verharren konnte. Frank Spilker von Die Sterne kam mit Funk an, auf einmal habe ich Sly Stone für mich entdeckt, und wir haben uns alte und neue Sounds nur so um die Ohren gehauen. Es war nicht möglich, beim Punkrock hängen zu bleiben. Zu diesem Zeitpunkt habe ich mich einfach von der Musik treiben lassen. In der heißen Phase Ende der 80er, Anfang der 90er kam das Selbstproduzieren von elektronischer Musik auf, der Musiker Hans Platzgumer zog nach Hamburg, und wir haben uns Sampler besorgt. Meine Neugier war ungebremst – ich wollte das Meer der Musik durchschwimmen, tauchen und sehen, was da alles so rumliegt.
Ein weiterer Wendepunkt war, als klar wurde: Musik ist nicht bloß Passion, sondern irgendwann auch ein Beruf.
Schon mit 14 oder 15 habe ich mir gewünscht, mit eigener Kunst Geld verdienen zu können. Leute, die das geschafft hatten, habe ich sehr verehrt – so wollte ich auch leben. Ich selber konnte von meiner Musik später kaum leben. Die Öffentlichkeit hat sich dann entschieden, einen anderen Bereich von mir zu wollen. Das Schicksal hat mir doppelt, dreifach, vierfach so viel Publikum zugewiesen, nachdem ich das Genre gewechselt habe. In Düsseldorf habe ich zum Beispiel immer im Zakk gespielt mit meiner Band – zu sechst, mit Bläsern. Wir traten im kleinen Saal des Zakk vor vielleicht 140 Leuten auf. Als dann mein zweites Buch „Dorfpunks“ rauskam, wurde endlich das große Zakk für mich aufgeschlossen, in das 450 Leute reinpassen und wo ich es so gerne mit meiner Band reingeschafft hätte.
Deine Lesungen tragen dich – die Musik musstest du Ende der Nullerjahre hinten anstellen.
Das war sehr frustrierend. Musik ist das bedeutendste Erlebnis meines Lebens. Allein aus ökonomischen Gründen konnte ich das nicht mehr aufrechterhalten, und mir war klar: Wenn ich meinen Lebensstandard halten will, muss ich mit Büchern auf Tournee gehen. Natürlich genieße ich meine Lesungen und bin dem Publikum dankbar, dass die Hallen so voll waren und sind – wundervoll! Aber ich sitze immer noch backstage und warte auf die anderen von der Band, doch die kommen nicht mehr.
Bei all den Veränderungen – was sind für dich die Konstanten?
Es ist vielleicht die einzige Konstante meines Lebens, dass ich immer, wenn ich mit etwas fertig bin, sofort wieder zwischen die Stühle springe. Ich habe gerade Regie geführt bei einem Theaterstück in Basel, „Die Ritter des Mutterkorns“ – ein Stück über das Leben von Albert Hofmann, dem Erfinder von LSD. Als ich zurückkam, habe ich mich mal wieder gefragt: „Bin ich jetzt Theaterregisseur?“ Das kann ich ganz gut, und es ist ein tolles Stück geworden. Doch dann habe ich angefangen, zu Hause Musik zu machen und einen Song aufzunehmen, der den Titel „Der Geist von Fritz Teufel“ trägt. Sofort dachte ich wieder: „Musiker – das bin ich eigentlich!“ Aber vor drei Tagen begann ich, ein neues Buch zu schreiben, und es durchzuckte mich: „Alter, ist das geil! Das Thema ist fantastisch, ich muss offensichtlich Schriftsteller sein!“ Da fiel mir auf: Ich lebe konsequent zwischen allen Stühlen. Das ist Vor- und Nachteil zugleich. Denn so erreiche ich nirgends ein Plateau, auf dem ich zu Hause sein kann – und so behandelt mich auch die Welt. Ich gehöre zu keinem dieser Lager, werde zu keinem Schriftstellerkongress eingeladen, mir wurde noch nie ein Musikpreis zugesprochen. Ich tauche nicht mal auf der Frankfurter Buchmesse auf, obwohl sich meine Bücher gut verkaufen. Ich lebe in einer Parallelwelt.
Einen Wendepunkt möchte ich noch ansprechen: die Pandemie 2020 und was daraus gefolgt ist.
Ich empfand das als eine maximale Zäsur – für mich, aber auch für die Welt, für die Gesellschaft und nicht zuletzt für die Künstler:innenschaft dieses Landes. Das ist etwas extrem Dramatisches, was uns noch lange verfolgen wird und sich auch in den politischen Wahlergebnissen zeigt. Mit der Pandemie hat, wenn man so will, das Unheil seinen Lauf genommen – zumal das nicht der letzte Riss dieser Art gewesen sein wird. Denn was seitdem passiert ist, überfordert uns alle gerade. The Helter Skelter started with that.
Anpassungsfähigkeit war immer zentral für Künstler:innen, aber der aktuelle Umbruch im Kultursegment ist vor allem Regress.
Ja, in dieser Dekade wurde ein Vernichtungsprozess losgetreten, der unglaublich viel Geld, Kraft und Leidenschaft aus der Kultur herausgezogen hat. Vor allem durch die amerikanische Big Tech.
Mit diesen positiven Worten: Was hast du dir für die Jubiläumsshows ausgedacht?
Ich spiele meine größten Hits, aber auch Songs, die ich seit ewigen Zeiten nicht mehr angefasst habe – mitunter seit 35 Jahren, wie zum Beispiel „Der Tiger in der Nacht“ von meiner ersten Platte. Ich habe eine kleine Band zusammengestellt, und es macht Spaß, meine Musik mit ihr neu zu interpretieren. Am Ende soll es aber vor allem eine Werkschau sein. Dazu lese ich auch Geschichten, die ich mit 19 geschrieben und noch nie vorgetragen habe. Eine große Entertainment-Gala, die von den letzten 40 Jahren erzählt.







