Im Gespräch

Themeninterview: Haim über das Wiederaufstehen

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Auf ihrem dritten Album WOMEN IN MUSIC, PT. III präsentieren sich die Geschwister Danielle, Alana und Este offener denn je – und unendlich schwermütig. Auch wenn ihre Popmelodien dabei so wohlig-warm wie Juni, Juli und August zusammen klingen. Die drei Kalifornierinnen erzählen von ihren Depressionen und von den Momenten, in denen Männer Scheißfragen stellen. Wie kommt man da bloß wieder raus? Haim verraten es uns.

Also, wie seid ihr aus eurem Tief herausgekommen, das immer wieder auf dem Album thematisiert wird? In „I Know Alone“ heißt es gar, dass sich nie etwas ändern wird.

Este Haim: Wir mussten uns aktiv dafür entscheiden, etwas zu ändern, und es war wirklich ein langwieriger Prozess. Manches konnten wir binnen Monaten hinbekommen, manche Veränderungen werden noch Jahre dauern.

Alana Haim: Wir konnten der Auseinandersetzung mit unseren Problemen nicht länger aus dem Weg gehen. Auf Tour ist das leicht. Da kannst du alles zurücklassen, aber danach hatten wir plötzlich Zeit, den Problemen ins Gesicht zu schauen. Wir wussten, dass wir uns an ihnen abarbeiten müssen, um weitermachen zu können.


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Wenn sich so ein Berg an emotionaler Arbeit vor einem auftürmt, ist es gar nicht leicht, einfach mit dem Kreativsein loszulegen, oder?

Alana: Es ist eine entmutigende Erfahrung. Da war erst mal diese völlige Leere, diese weiße Seite, auf die wir starrten, und wir wollten natürlich ganz motiviert sagen: „Lass uns was schaffen!“ Doch schon nach fünf Minuten kam das Gefühl auf, alles sei schlecht und müsse in den Müll.

Wie habt ihr dennoch ein Album auf die Beine gestellt?

Alana: Wir haben beschlossen, nicht so hart mit uns zu sein. Und nicht aufzugeben. Es mussten keine ganzen Songs am Stück geschrieben werden, sondern nur Teile. Nur eine Zeile. Wenn etwas nicht funktionierte, haben wir es verworfen, ohne uns dafür zu zerfleischen. Das half.

Wie konntet ihr Danielle motivieren? Immer wieder ist ihre Depression auf dem Album Thema. Und sie war auf Tour, als bei ihrem damaligen Partner Krebs diagnostiziert wurde.

Alana: Für Danielle war das eine richtig dunkle Zeit. Es war hart, sie so zu sehen. Wir rieten ihr als Erstes zu einer Therapie. Und als Zweites, dass sie sich in einem Raum zurückziehen und schreiben sollte. Denn das macht Danielle am glücklichsten. Die Arbeit am Album hat uns dann alle wieder aus unserem dunklen Loch herauskommen lassen.

Und Danielle ist gleichzeitig zur Therapie gegangen?

Este: Wir alle! Ist einer in der Familie depressiv, dann sind es bald alle – zumindest wenn man sich sehr nahe steht. Das habe ich in der Therapie gelernt, nachdem ich dort von Danielles schlimmer Zeit erzählte und dann von meinen eigenen Problemen. Danielles Abwärtsspirale hatte auf jeden von uns Auswirkungen und ließ uns mit unseren eigenen Dämonen kämpfen.

Aber so düster die Texte sind, so strahlend hell klingt dagegen euer Popsound.

Este: Was du da hörst, ist Katharsis. Wir haben uns mit dem Negativen auseinandergesetzt und auf diese Weise versucht, genau da herauszukommen.

Traurige Musik kann paradoxerweise ja die Stimmung heben.

Este: Stimmt. Wenn es mir schlecht geht, höre ich Joni Mitchells BLUE. Das gibt mir Trost. Ich bin dann nicht mehr so allein in meiner Einsamkeit.

Was ist die passende Musik für die Momente, die ihr in „Man From The Magazine“ beschreibt? Wenn ihr beim Gitarrenshopping gefragt werdet: „Hey girl, why don’t you play a few bars?“, oder im Interview: „Do you make the same faces in bed?“ Vielleicht Rage Against The Machine?

Este: Das wollte ich gerade sagen! „Sleep Now In The Fire“! (singt) Oder „Chop Suey!“ von System Of A Down, ein super Song.

Alana: Genau, Songs, mit denen man die Wut greifbar machen kann. Denn echt: Wir haben mit so vielen Frauen aus der Musikszene gesprochen und jede kennt diese Storys. Jede kennt Fragen wie: „Soll die Gitarre für deinen Freund sein?“, „Die ist ganz schön groß für dich, willst du nicht lieber eine kleinere Gitarre?“ Das ist so lächerlich, dass wir eigentlich nur die Augen verdrehen wollen. Aber das reicht nicht. Das kann man nicht auf sich sitzen lassen, weil es zum Kotzen ist. Also haben wir einen Song darüber geschrieben, weil wir jetzt älter sind und das Selbstbewusstsein haben, uns besser zu verteidigen. Stell dir eine junge Frau vor, die in so einen Shop geht und direkt eingeschüchtert wird. Gut möglich, dass sie vielleicht nie ein Instrument spielen wird.


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Was macht ihr in solchen Situationen?

Alana: Zum Glück hatten wir unterstützende Eltern, die meinten: „Scheiß auf diesen Typen! Der sagt euch nicht, was ihr tun könnt.“

Este: Aber wenn man in einer Situation alleine feststeckt, ist das gar nicht so leicht. Als ich in einem zunächst völlig normalen Interview die Frage „Macht ihr solche Gesichter auch im Bett?“ gestellt bekam, habe ich gar nichts dazu gesagt. Ich tat so, als wäre nichts. Als Frau wird dir von der Gesellschaft beigebracht, dass du immer die Fassung bewahren und charmant sein sollst, selbst wenn dir anders zumute ist.

Dass er eine derartige Frage stellt, sagt viel über den Gesprächspartner.

Este: Er wollte offensichtlich, dass ich mich unwohl fühle. Er wollte eine Reaktion provozieren, vielleicht, dass ich „Fuck you!“ brülle und weglaufe. Das habe ich ihm nicht gegeben. Aber ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, dass ich danach nicht vor und nach jedem Interview nervös war. Was, wenn noch jemand eine Bemerkung zu meinem Gesicht bei Konzerten machen würde? Ich wusste bis dahin nicht, dass es eine Gender-Sache ist, wie man sich auf der Bühne als Mann und als Frau zu geben hat. Wenn ich live spiele, fühle ich die Musik von der Spitze meines Kopfes bis in die Zehen. Ich erlaube mir, mich völlig gehen zu lassen. Die Freude an der Musik zeigt sich auch in meinem Gesicht. Wenn Männer sich so präsentieren, heißt es nur: „Oh, er fühlt das richtig!“, aber bei mir wurde das ins Groteske gezogen. Der Typ hat es so formuliert, dass es etwas Sexuelles hat. Das setzt sich fest.

Wie reagierst du heute auf solche Anmaßungen?

Este: Ich schalte nicht mehr auf Durchzug. Wenn ich etwas Blödes gefragt werde, reagiere ich. Wenn ich eine Sache im Musikbusiness gelernt habe, dann, dass man sich nicht alles gefallen lassen muss. Und dass man füreinander einstehen muss. Ich bin froh, dass ich Danielle und Alana habe. Ich umgebe mich generell gerne mit meinungsstarken, machtvollen Frauen. Zusammen sind wir ein Wolf Pack und können unangemessenes Verhalten sofort anprangern.


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Über Haim:

Die kalifornischen Schwestern Alana (Jahrgang 1991), Este (*1986) und Danielle Haim (*1989) veröffentlichten 2013 ihr Debüt DAYS ARE GONE, nachdem sie sich bereits durch ihre famose EP „Forever“ einen Namen gemacht hatten. Vier Jahre später folgte SOMETHING TO TELL YOU, auf dem wieder jede mal den Gesang übernahm, Este erneut für den Bass und Alana (neben Keyboard und Drums) zusammen mit Danielle für das Gitarrenspiel zuständig war. Die Produktion des neuen, dritten Albums, WOMEN IN MUSIC, PT. III., ist eine Zusammenarbeit von Haim mit Rostam Batmanglij und Ariel Rechtshaid.

Dieses Interview erschien erstmals im ME-07/2020.


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