Kolumne

Paulas Popwoche: Reich war noch nie schön – Met-Gala-Kritik

Jeff Bezos als Ehrengast, Amazon-Arbeiter:innen auf der Straße – die Met Gala 2026 zeigte: Celebrity-Kultur verliert ihren Glanz. Paula Irmschlers Kolumne.

Es war mal wieder Met Gala. Das ist das, bei dem man, wenn man so tun will, als würde man sich mit US-amerikanischer Kultur auskennen, hierzulande sagt: Es war mal wieder Met Gala. Im Zuge dessen sieht man danach auf Fotos die Leute mit dem Geld und dem Fame auf diesen berühmten Treppen rumstehen, oder davor oder daneben. Sie haben alle sechsstellig Geld bezahlt, um dort zu sein – und das Geld ist, Achtung: für den guten Zweck. Der gute Zweck ist das Kostüminstitut des Metropolitan Museum of Art. Das lässt sich allerdings nur als guten Zweck empfinden, wenn man nicht in Frage stellt, warum Kunst überhaupt durch private Spenden finanziert wird, warum Leute überhaupt so viel Geld haben und warum nicht eigentlich eh allen alles gehört. Das ganze Ding ist also eh schon ausgedacht – das Problem sowie die Lösung reine Erfindung –, und die Großzügigkeit darum die Erzählung, die uns das gutfinden lassen soll.

Schönheit als Zumutung

Dazu kommt das Thema Schönheit, das am Tag darauf diskutiert werden soll. Nicht ob sie überhaupt vorliegt, sondern wie doll. Wer am schönsten war! Da geht es natürlich vor allem ums Outfit, aber auch um den Körper, das Gesicht, die Haare. Verteidiger:innen der Normschönheit und der teuren Klamotte tun immer so, als gäbe es für diese Dinge objektive Bewertungskriterien – die gibt es natürlich nicht wirklich, und das ahnen auch alle, wenn sie paar Minuten länger darüber nachdenken. Aber es darf auch irgendwie nicht umsonst gewesen sein, wie dolle einem eingehämmert wurde, dass teuer gleichbedeutend mit schön ist und somit die Roben und die Gesichter, die hier vorliegen, besonders schön sein sollen. Hier sind sie nun aus diesem Jahr:

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Die Kommentarleute unter diesen Fotos von Landon Nordeman haben sich sehr – durchaus hämisch – gefreut, hat er doch zur Abwechslung die Leute so gezeigt, wie sie nun mal aussehen: mit ihrer echten geschminkten Haut, reingepresst in die Klamotten, mit ihren sichtbaren Operationen und unentspannten Gesichtsausdrücken, ohne Filter, ohne der Normschönheit „schmeichelnde“ Beleuchtung. Aber diese Leute sahen schon immer so aus, wie sie hier aussehen. Nur konnte man uns zu lange verkaufen, dass Erwachsene die Haut und Haare von Kindern und dazu Pornokörper haben können und dass wir das gut zu finden haben. Die Nummer scheint aber ausgereizt. Diese Form der Celebrity-Kultur zieht nicht mehr so doll. Die Leute haben andere Probleme, sie wissen dank Internet besser Bescheid über die Vielfalt von Schönheit und darüber, wie es hinter den Kulissen von Promis aussieht. Da gab es #MeToo, das ständige Belogenwerden von den Kardashians, alles rund um Epstein, jetzt die Anbiederung so mancher Stars an Trump. Gezerrte Gesichter und Diamanten stehen Faschist:innen immer ganz besonders gut.

Die Unsichtbaren werden sichtbar

Die Leute, die diesen Reichtum wirklich erarbeiten, sind auch längst nicht mehr unsichtbar genug – gerade in den USA. So hatte man mit Jeff Bezos als Ehrenvorsitzenden der diesjährigen Met Gala sich wohl den Falschen einkaufen lassen. Denn sofort waren SEINE Arbeiter:innen zur Stelle und stellten – mal wieder – einen großen Protest auf die Beine. Unter anderem eine Anti-Met Gala:

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Die Arbeiter:innen übernehmen die Straße! Und mich dünkt, jetzt wo nicht mal mehr der Bürgermeister zu dieser vermaledeiten Gala gekommen ist, dass es vielleicht einfach vorbei ist – oder bald vorbei sein könnte. Dass die Städte so langsam wieder den Leuten gehören könnten, wenn sie so weitermachen. Oder wie es die absolut coolste Person der Welt, Mary Hill (die mit 72 immer noch bei Amazon arbeiten muss!), sagt: „If we built it, we can tear it down!“

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(Man kann übrigens unter dem Link unter dem Post dafür spenden, dass sie endlich in Rente gehen kann …)

Wie sich die Amazon-Arbeiterschaft organisiert hat, erzählt Mitbegründer der „Amazon Labor Union“ Derrick Palmer in diesem Podcast.

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Es lohnt sich wirklich anzuhören – auch weil er viele Tipps gibt, wie man sich an seinem eigenen Arbeitsplatz organisieren kann.

Die Maschine läuft weiter

Unterdessen geben sich die REICHEN UND SCHÖNEN natürlich nicht geschlagen. Protestierende wurden von der Polizei verhaftet und aus dem Weg geräumt, und die Veranstaltung konnte ungestört stattfinden.

Auch kulturell läuft die Maschine weiter. So tauchten noch und nöcher KI-Fotos von Promis auf der Met Gala auf – man wusste teilweise gar nicht mehr, welches Foto nun eigentlich echt ist, was nur noch ein Argument gegen die Ästhetik dieser Leute ist. Es ist irgendwie alles egal. Und wenn man sich die Aufnahmen der Anti-Gala noch einmal ansieht, weiß man auch warum. Warum gute Kunst und Kultur nicht auf der Met Gala stattfinden KANN. Die Reichen sind allein und stoisch, und niemand hat wirklich Spaß. Sie wissen nicht, wie man feiert, ihre Körper wackeln nie, sie dürfen nicht hinfallen und nicht schwitzen, sich nicht ausbreiten – und können damit auch gar nichts beeinflussen. Nichts daran ist schön. Menschen machen Kultur, nicht Reichtum oder Macht.

„Melania“ vs. „The Devil Wears Prada“

Und: they are trying way too hard. Das zeigte sich auch deutlich wie nie in den beiden Kulturprodukten, die ich mir, themenverwandt, die Tage reingezogen habe. Und zwar die Dokumentation „Melania“ (Amazon!) und den alten „The Devil Wears Prada“ – Film von 2006. Den ersten, weil ich wissen wollte, warum anfangs nicht mal genug Rechte das Ding im Kino sehen wollten (am Veröffentlichungstag sah man leere Kinosäle in den sozialen Netzwerken, woraufhin er dann aber doch noch ziemlich erfolgreich wurde …) – und den zweiten, weil einen ja vielleicht jemand ins Kino ziehen will, um die vor kurzem erschienene Fortsetzung zu schauen.

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Und ich sag’s nicht gern. Ich sag’s sehr ungern. Aber ich muss es sagen: „Melania“ ist der bessere „The Devil Wears Prada“.

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WEIL, und jetzt hear me out: „The Devil Wears Prada“ einfach gar kein guter Film ist. Er ist total langweilig. Er funktioniert nicht als Satire, weil er nicht krass genug ist, er ist keine Parodie, weil er nicht witzig ist, die Lovestory ist öde, der Versuch des Moralapostelns geht völlig unter, weil man halt eigentlich doch diese Vorstellung von Reich und Schön aufrechterhalten will. Der Film will in jeder Sekunde irgendwas verkaufen – Schuhe, Taschen, Wohnungen, Aktien, Magazine, dieses ganze New-York-Ding –, und das macht ihn so unfassbar öde. Wenn mich also nicht jemand gegen Bezahlung in den Cinedom einlädt, mit Popcorn und 2 Litern Cola on top, dann werde ich mir das Fortsetzungsding wohl eher irgendwann zufällig an einem Sonntagnachmittag im Stream reinzimmern.

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„Melania“ hingegen ist natürlich rechts und faschistisch und falsch und gemacht von Schweinen für Schweine. ABER er ist erschreckend unterhaltsam.

Er ist aus Versehen eine Satire geworden – auf diese ganze vermeintliche Frauenrealitywelt, auf die Kardashians, die Real Housewives, Selling Sunset, diesen ganzen Kram. Auf diese Frauen, die angeblich authentisch sind und auch wieder, genau: reich und schön. Die ihr langweiliges Leben führen, das aus dem Hin- und Herschiebenlassen von Möbeln besteht, aus Ausgeleuchtetwerden, Kostüme anprobieren, irgendwas trinken, irgendwo rumsitzen, irgendein Event planen, von A nach B gefahren werden – während man niemals wirklich sieht, wer das alles baut, wer die Sachen näht, wer sie fährt, wer die Leute vor und hinter den Häusern sind und wo das ganze Geld (und die Macht) überhaupt herkommt. In Melania Trumps Fall ist das natürlich besonders perfide: Man sieht sie im Grunde von einem Gebäude zum nächsten hopsen wie eine Puppe, und man ahnt, dass vor all diesen Gebäuden Demonstrierende und arme Leute sind – aber die sieht man einfach nicht. Irgendwo las ich den Vergleich mit „Zone of Interest“, und das trifft es ziemlich genau. Nur dass es eben so amerikanisch ist, wie es nur geht. Inklusive Musik von den Rolling Stones, Michael Jackson oder Tears for Fears. Weil wirklich alles egal ist.

Umso einfacher, es endlich ein für alle Mal niederzureißen, oder?

Was bisher geschah? Hier alle Popkolumnentexte im Überblick.

ME

Paula Irmschler schreibt freiberuflich unter anderem für MUSIKEXPRESS. Weitere Artikel und das Autorenprofil gibt es hier.