Kolumne

Aidas Popkolumne: Let’s Talk About Money, Baby

Seit letzter Woche diskutiert die Kulturszene über Buchvorschüsse. Wie sieht es aber in der Musik aus? Und reden wir genug über Geld?

Keine Zahl wurde in der Kulturbubble letzte Woche öfter genannt als 160.000 Euro. Warum? Auf der Digital- und Medienkonferenz Re:publica sprachen die Sachbuchautor:innen Mareice Kaiser und Hanno Sauer über Klasse  – und Kaiser brachte Sauer dazu, seinen Verlagsvorschuss zu nennen, eben die besagten 160k, Kaiser dagegen hatte 15k erhalten. Und damit hatte sie im Gegensatz zu vielen anderen Nonfictionautor:innen sogar noch ganz gut abgeschnitten. Und ich hörte in meinen Gedanken DIY-Musiker:innen und -labels weinen: Vorschüsse?

Natürlich kann man die verschiedenen Sparten der Kulturwelt nicht ganz vergleichen: es läuft in der Kunst anders als in der Verlagswelt als in der Musik als im Film. Aber manches bleibt überall gleich: Erst im März veröffentlichte Verdi Zahlen, nach denen der Gender Pay Gap in der Kultur, ich zitiere, „weiterhin massiv“ sei, bei freiberuflichen Männern und Frauen (sie bleiben binär) bei durchschnittlich 25% bleibt, quer über alle Branchen hinweg. Hinzu kommt: die Spitze und die Mehrheit driften immer mehr auseinander.

Wer kann es sich noch leisten, Kunst zu machen?

Seit Jahren wird immer wieder darüber geschrieben, dass der künstlerische Mittelstand aussterben würde. Aber was heißt das eigentlich genau? In meinem Umfeld sehe ich immer mehr Musiker:innen zum Beispiel, die trotz vergangener Chartplatzierungen und stabiler Fanbase mittlerweile überlegen, andere Jobs anzunehmen. Ich sehe es an den abgesagten Touren internationaler Künstler:innen, weil die Vorverkäufe nicht ausreichen, um eine Europatour im Vorfeld zu finanzieren. Ich sehe es an den Diskussionen um Eintrittspreise, am Struggle jener, die sie unter 30 oder sogar 20 Euro halten wollen und dafür nicht sicher sind, ob sich das Konzert überhaupt tragen wird und jenen, die über die 30 Euro Grenze gehen und zittern, ob sie ihre Karten verkauft bekommen.

Und wir sehen es am ganzen Ökosystem drumherum: Am Wochenende fahre ich zum Beispiel auf das Festival Immergut, das letztes Jahr sein 25-Jähriges feierte und da schon um sein Weiterbestehen bangte. Dieses Jahr haben sie es offiziell verkündigt, dass ab nächstem Jahr das Festival anders aussehen wird. Wie viele Tage wird es lang sein? Wird es noch mehrere Bühnen und internationale Acts geben? Alles noch offen. Denn wirtschaftlich ist so ein Festival ein Balanceakt, die Preise für alles steigen, haben sich in den letzten Jahren teilweise verdoppelt – und gleichzeitig haben die meisten von uns, die nicht gerade Milliardäre sind, seit der Pandemie aufgrund von Inflation und Preissteigerungen einfach weniger Geld auf dem Konto, was sich natürlich auch auf Kartenkäufe und Planung auswirkt.

Abzocke als Businesspraxis

Gleichzeitig erleben wir einen Shift hin zu einer Eventkultur, bei der einige ausgewählte Künstler:innen und Veranstalter so ziemlich jeden Preis nehmen können – und das auch tun, wie es das Gerichtsverfahren Ticketmaster/Live Nation in den USA gezeigt hat. Da kamen zum Beispiel die Slack-Nachrichten von zwei Mitarbeitern ans Licht, die sich gegenseitig dafür abfeierten, wie frech sie Fans und Konzertbesucher:innen abzockten. Fans seien etwa „dumm“, weil sie ihre künstlich aufgeblähten Preise und Extra-Gebühren zahlen würden, und sie brüsteten sich damit, Fans faktisch „auszurauben“.

Nur: mit jedem Megakonzert, für dass wir uns abzocken lassen, ist das Budget schmaler für andere Konzerte. Nachhaltig ist diese Wirtschaftsweise also nicht. Aber denen, die gerade oben schwimmen, kann ja egal sein was morgen nachfolgt.

Aida Baghernejad schreibt freiberuflich unter anderem für MUSIKEXPRESS. Weitere Artikel und das Autorenprofil gibt es hier.