Kim Gordon: „Ich will nicht geschniegelt werden oder wirken“
Kim Gordon rechnet im Interview mit Spotify ab, fordert eine Gehaltserhöhung & erklärt, warum „Play Me“ ihr bisher freiestes Album ist.
Kim Gordon ist die Kaiserin der Kanten. Weder das, was sie einst bei Sonic Youth beisteuerte, hatte etwas sonderlich Weich-Kompromissbereites an sich, noch ihre Solowerke. Auch ihre dritte Experimental-Noise-Platte, PLAY ME, klingt lediglich mit dem Titel nach einer Person, die sich auf einen Vergleich einlassen würde. Die 73-Jährige setzt Statement nach Statement – damit die Leute ihr zuhören und damit sie sich an dem einen oder anderen ambivalenten Augenblick heftig stoßen. Ein Gespräch über Aufmerksamkeit in der Streamingära, Gehaltserhöhungswünsche und Freiheit in miesen Zeiten.
Video-Schalte rüber nach Los Angeles. Da sitzt die gebürtige New Yorkerin mittlerweile – wobei sie eher thront. Mit übergroßer, nur halb durchlässiger Sonnenbrille, Bossinnen-Blick. Kim Gordon ist eine, die nicht zu leicht gibt, aber konzentriert bleibt und auch mal unbequem nachhakt – mit ihrer unverwechselbar tiefgelegten Rauchstimme. Manchmal wünscht man sich, Gordon würde ausufernder über ihre Kunst, die Zukunft, das Damals und das, was sie heute bewegt, sprechen. Aber so transparent macht sie sich nicht für ihr Gegenüber. Womöglich ist genau das der Punkt.
ME: Welches Gefühl verbindest du mit der Phase nach dem Album-Abschluss?
Kim Gordon: Ich fühle mich ein bisschen distanziert. Das Album habe ich im Mai 2025 fertiggestellt – wie soll man so lange die Begeisterung aufrechterhalten? Das soll keine Beschwerde sein, es geht nur darum, dass viel Zeit ins Land geht, die nichts mit Musikmachen zu tun hat.
Gespräche über die Musik und das Drumherum helfen dir also nicht, dich den Songs wieder zu nähern?
Nicht wirklich. Ich habe dann mehr damit zu tun, im Nachhinein darüber nachzudenken, was ich noch alles über die Platte hätte erzählen sollen – aber es sind Fakten, keine neue Nähe. Bei Interviews habe ich oft das Gefühl, dass ich immer genau wissen müsste, was alle Texte bedeuten. Dann muss ich mich an ein Zitat von Lou Reed erinnern, der mal sagte: „Ich weiß nicht, was irgendeiner dieser Texte bedeutet.“ Das ist natürlich ausweichend gemeint gewesen, aber ich kann ihn so gut nachvollziehen. Man sollte den Topf nicht komplett ausleeren, wenn du weißt, was ich meine.
Vor allem wäre es mein Horror gewesen, Lou Reed interviewen zu müssen.
Aber es ist doch eine essenzielle Sache an der Musik, dass Leute beim Zuhören auch ihre Geschichte mitbringen sollten. Eigene Erfahrungen einbringen dürfen. Das lässt Songs ganz anders genießen und ist besser als eine ausgedehnte Erklärung, die mich eher an einen zu langen Filmtrailer erinnert.
Der Filmtrailer-Vergleich ergibt für mich Sinn. Dieses Vorwegnehmen von dem, was da auf einen zukommt, stört massiv. Aber trotzdem …
Ich habe Journalist:innen gegenüber auch viel Empathie, so ist es ja nicht. Ich neige dazu, ihnen die Arbeit eher leichter als schwerer machen zu wollen. Nur gleichzeitig will ich nicht geschniegelt werden oder geschniegelt wirken. Ich will einfach sagen, was ich sagen will.
Du hast deinen Weg über die Kunst zur Musik gefunden. Sollte Kunst deiner Meinung nach immer auch herausfordern – und gilt das insbesondere für deine eigene Arbeit?
Es stimmt schon, ich sehe mich vor allem als bildende Künstlerin, die Musik macht. Für mich steht bei Kunst eigentlich immer nur die Frage im Raum: Wie interessant ist etwas? Für meine Arbeit möchte ich das bejahen können. Und ich würde sagen, dass das, was ich mache, etwas Interventionistisches hat. Ich mag es, Menschen zum Nachdenken zu bringen oder ihre Erwartungen daran zu unterlaufen, was Musik sein sollte oder sein kann. Letztlich sollte Musik einfach frei sein. Mir geht es derzeit sehr viel um Freiheit.
Was bedeutet Freiheit in der Kunst für dich?
Es ist schwer, frei zu sein, und es ist schwer, das zu erklären. Aber PLAY ME macht das für mich. Die Platte ist frei. Sie ist selbstbewusst. Ich gehe darauf Risiken ein, ich habe es komplett genossen, sie zu machen – es war regelrechter Spaß –, weil ich überhaupt nicht gehemmt war. Und das merkt man doch, oder?
Gut, dass du das noch mal so ausführst. Als du davor vom „Interessanten“ in der Kunst sprachst, war ich leicht irritiert. Für mich klang das nicht gerade ausreichend erstrebenswert, aber du scheinst auf das Interessante eine andere Perspektive zu haben.
Klar, manchmal benutzen Leute das Wort „interessant“, wenn sie etwas eigentlich nicht mögen. Aber so meine ich es wirklich nicht. Ich spreche da wieder aus der Perspektive der bildenden Kunst. Da gibt es oft eine Oberfläche, auf der man Kunst betrachten und sofort etwas daraus ziehen kann. Viele Gemälde funktionieren so. Aber dann gibt es eben auch Kunst, die so viele Ebenen und Schichten hat. Und genau das macht sie richtig interessant. Und ja, Menschen dazu zu bringen, Dinge zu hinterfragen – ihre Erwartungen daran, was Kunst ist oder was eine Institution ist. Was macht diese Institution eigentlich mit der Kunst, die ich mir gerade anschaue?
Jetzt fühle ich mich gesehen. Die Songs auf PLAY ME leben für mein Hörgefühl genau von dieser Ambivalenz. Da gibt es auf der einen Seite meines Erachtens diese enorme Reduktionswand, die du anhand der Songkürze, Textverknappungen und Soundwahl hochziehst, und auf der anderen Seite erlauben mir die Tracks beim mehrmaligen Zuhören das Entzwiebeln – Schicht um Schicht kann ich etwas entdecken.
Ich weiß, was du meinst. Ich erzähle dir eigentlich nichts, was direkt „interessant“ ist. Ich gebe dir keine Informationen.
Das ist wie ein Spiel, bei dem man nur schwer den Ausgang vorhersehen kann – also voller Überraschungen. Kannst du beim Musikmachen mit deinem Produzentenpartner Justin Raisen diese Überraschungsmomente auch bei dir selbst hervorkitzeln?
Oh ja. Die ganze Zeit. Es fängt oft so an, dass Justin mir Beats mit Sounds schickt, bei denen ich sofort merke, dass ich damit etwas machen kann. Also schreibe ich Texte dazu, gehe ins Studio. Trotzdem weiß ich zu dem Zeitpunkt noch nicht unbedingt, wo die Lyrics landen werden. Manchmal ist es nur eine Idee für einen Text oder vielleicht vier oder fünf Zeilen, die es dann gilt zu platzieren. Im nächsten Schritt probiere ich mich am Singen der Zeilen, wobei oft genug etwas völlig anderes dabei herauskommen kann, als zunächst in meinem Kopf angenommen. Diese unerwarteten Melodien, die so entstehen, reißen mich gerne mal selbst aus meinem gesetzten Plan heraus. Und ja, das ist oft überraschend.
Trotz dieser Herangehensweise klingt dein inzwischen drittes Solowerk in sich geschlossener als alles zuvor. Ein netter Nebeneffekt deiner gut eingespielten Arbeitsweise mit Justin Raisen – oder doch genauestens geplant?
Mit jedem neu fertiggestellten Song haben wir festgestellt, dass wir besonders große Lust auf kurze Tracks haben, und mit der Zeit haben wir uns darauf umso mehr fokussiert. Justins wichtiger Part dabei ist, dass er nach meinen improvisierten Gitarrenparts und meinen zwei aufgenommenen Gesangsspuren das Ganze formt. Er findet dafür meistens etwas, das wie ein Hook klingt, aber keiner ist – und manchmal verdopple ich das dann, fertig ist der Song. Ich weiß selbst nicht genau, warum dieses Album so besonders kohärent geworden ist, aber tatsächlich ist es so.
Gerade mal zwei der zwölf Stücke packen die Drei-Minuten-Marke. „Black Out“ läuft lediglich eine Minute und 39 Sekunden. Provokativ formuliert: In ihrer Knackigkeit eigentlich ideale Songs für das Streamingzeitalter und für das Einfügen in Spotify-Playlisten.
Ich bin dagegen. Ich habe tatsächlich darüber nachgedacht, meine Musik aus verschiedenen Gründen von Spotify zu nehmen. Keiner der Streamingdienste zahlt besonders gut. Es gibt diesen Typen bei Universal, der Universal leitet und 49 Prozent des Musikgeschäfts besitzt – Lucian Grainge. Er war derjenige, der ursprünglich die Tantiemen festgelegt hat, und alle anderen sind ihm gefolgt. Insofern ist er irgendwie mein Arbeitgeber. Und ich will eine Gehaltserhöhung!
Was lässt dich momentan noch hadern beim Nutzen beziehungsweise Nichtnutzen von Spotify?
Meine Musik ist unkonventionell – ich brauche im Moment so viel Aufmerksamkeit wie möglich.
Das klingt dringlich.
Es gibt unfassbar viel Musik da draußen. Wenn man etwas veröffentlicht, ist es vielleicht eine Woche lang in den Köpfen der Leute. Das war es dann aber auch.
Und deshalb hängst du doch an Spotify?
Naja, mein eigenes Spotify-Abo habe ich bereits gekündigt. Als ich es noch hatte, wurde es kaum genutzt. Wenn ich einen Song hören will, mache ich das bei Apple Music oder so. Aber Playlists sind nicht mein Ding. Ich lege selbst keine an. Ich hasse, wofür sie stehen und was sie zeigen sollen. Das ist Teil dieser Convenience-Culture, zu der gehört, dass die Menschen am liebsten keine Entscheidungen mehr treffen wollen. Das schlägt sich auch beim Musikhören nieder. Dann heißt es nur noch: „Oh, lass uns diese Playlist hier hören, sie heißt ‚Chill Vibes‘.“ Musik ist das Hintergrundrauschen, das nicht weh tun soll.
Für mich ist das zu sehr in Schwarz-Weiß gedacht.
Aber das hat doch Spotify so populär gemacht – sie haben alles gebrandet. Sie haben all unsere verdammten Emotionen gebrandet.
Hattest du je einen Moment, in dem du das Gefühl hattest, der Algorithmus sei schneller als der Gedanke, der sich gerade erst in deinem Kopf bildet?
Ja. Und das ist nichts Positives. Ich will nicht, dass mir jemand sagt, was ich denke. Es ist nicht okay, etwas gänzlich Vorgefertigtes hingelegt zu bekommen – ganz ohne Leitplanken und ohne Auswahlmöglichkeiten.
Eine KI als Sparringpartner ist dann wohl keine Option für dich.
KG: Nein. Man kann immer einen Freund fragen: „Was hörst du gerade? Hast du guten Hip-Hop, Underground, Experimentelles gehört? Kannst du mir eine Playlist machen?“ Alles andere ist Bequemlichkeit. Deshalb mögen die Leute es ja. Es fördert eine gewisse Trägheit, und Menschen suchen weniger die Kommunikation mit ihren Freunden, mit anderen Menschen. Stattdessen sehen alle demselben großen Popstar auf Instagram zu und machen, was der sagt. Oder sie klicken auf die Spotify-App, weil es so schön leicht ist.
Das ist einfach düster.
Die Welt ist verdammt düster. Findest du nicht? Du wirst mich nie davon überzeugen können, dass sie es nicht ist.
Ich denke nur gerade daran, dass ich ganz gerne den Inspirationsanstößen in deinen Instagram-Stories nachgehe. Ist das so schlimm?
Ich habe nichts gegen Instagram. Wenn ich an eine eher obskure Band aus den 90ern denke, versuche ich schon, sie dort zu posten. Das ist dann so ein Ding nach dem Motto: Wenn du Bescheid weißt, weißt du eben Bescheid.
Entspricht die Musikindustrie heute den Erwartungen, die du hattest, als du angefangen hast, Songs herauszubringen?
Als ich mit der Musik losgelegt habe, wurde überhaupt nicht an die Industrie gedacht. An der Ostküste, in New York, ging es mehr um Kunst und weniger ums Geschäft. L.A. – wo ich jetzt wohne – ist da ganz anders. Es ist eine extrem industrieorientierte Stadt. Und ich glaube, junge Bands kennen dieses Musikmachen ohne businessgerichtete Ambition heutzutage gar nicht mehr. Mit Sonic Youth ging es uns damals höchstens darum, eine bessere Distribution zu bekommen, weshalb wir überhaupt bei Geffen unterschrieben hatten. Von da aus hat sich das organisch weiterentwickelt. Und klar, es war nie so, dass Touren leicht gewesen wäre oder dass man damit gut Geld verdienen konnte. Aber wir sind trotzdem einfach in einen Van gestiegen und haben so unsere Tourneen durchgezogen – selbst in Europa. Irgendwann wurde das Musikmachen tragfähig. Das meiste Geld, das ich verdient habe, kam dennoch eher durch Dinge wie den Verkauf von X-Girl oder heute durch einen H&M-Werbespot. In der Musikindustrie ist es schwer, Geld zu verdienen, es sei denn, man ist wirklich ein großer Fisch.
Trotzdem nutzt du die Veröffentlichung des neuen Albums zunächst nicht, um auf ausgedehnte Tour zu gehen – warum?
Ich bin mit der letzten Platte sehr viel getourt, und ich bin sicher, dass ich in Europa wieder mehr unterwegs sein werde. Aber es ist kompliziert. Man braucht heutzutage Festivals – und von denen habe ich nun zwei geplant –, um genug Geld zu verdienen und um dann eigene Clubshows zu spielen. Für mich sind Clubs der Ort, an dem man Musik sehen und hören sollte. Gerade in Berlin möchte ich auch unbedingt spielen. Ich liebe das Publikum da! Aber da kommen wir wieder zum Geld.
Hast du einen Plan B, falls mal etwas nicht so läuft, wie angedacht?
Ich habe keinen Plan B.
Gibt es etwas, das du in Zukunft neu erlernen möchtest?
Oh, ich würde gern besser Spanisch lernen. Ich lebe in Kalifornien – es ist eigentlich ein Verbrechen, dass ich kein Spanisch spreche.
Was lässt dich mit Zuversicht in die Zukunft blicken?
KG: Ich hoffe, dass die Demokraten sich zusammenreißen, die alte Garde loswerden und dass die Republikaner bei der Wahl schlecht abschneiden. Wobei das Ganze mit Trumps Wahlmanipulation, die sich abzeichnet, schon ziemlich düster ist. Aber wir werden sehen – Daumen drücken.
Also doch kein durchgängiger Pessimismus bei dir.
Da ist Hoffnung. Hope-ium.
Mehr zu Kim Gordon
Bevor Musik ihr Leben bestimmte, studierte die 1953 in Rochester geborene Kim Gordon Kunst, arbeitete in Galerien und verstand sich primär als bildende Künstlerin. Mit der Sonic-Youth-Gründung Anfang der 80er wurde sie als deren Bassistin, Gitarristin und Sängerin zu einer Schlüsselfigur des US-Undergrounds. Bald schwappte der Rock nicht nur in die Kunst, sondern auch in den Mainstream über. Sie wurde zum weiblichen Role Model und prägte Generationen weit über Indie-Kreise hinaus. Mit dem Ehe-Schluss mit Kollege Thurston Moore war 2011 auch das Ende von Sonic Youth besiegelt. Vier Jahre danach erschien mit „Girl in a Band“ ihre Autobiografie. Sie wirkt immer wieder in Filmen mit (u. a. Gus Van Sants „Last Days“), realisiert Ausstellungen, Performances und Modeprojekte wie früher X-Girl. Solo hat sie ihre erste LP 2019 herausgebracht, fünf Jahre später wurde die zweite releast, und nun ist mit PLAY ME das nächste Werk da, das sich laut gegen Erwartungshaltungen positioniert. Wieder mit dabei: US-Produzent Justin Raisen, der auch mit Charli xcx, Theophilus London und Sky Ferreira zusammenarbeitet.
Das Interview erschien zuerst im ME 04/26.







