2006 von A-Z: B


Bären, die; Von den -> Tieren um uns waren die Bären 2006 die vielleicht präsentesten. Aber sie hatten keinen leichten Stand in Deutschland. Dass Grizzly Bear aus Brooklyn von ihrem schön spinnerten Album yel-LOW HOUSE noch nicht so viel verkauft haben hierzulande: nun gut. Aber dass Werner Herzogs Doku „Grizzly Man“ über den größenwahnsinnigen Bärenschützer und eco warrior Timothy Treadwell – weltweit als Meisterwerk gepriesen und ausgezeichnet- im Heimatland des Regisseurs nicht ins Kino kam, sondern nur auf DVD erschien, ist schon sehr arm. Aber immer noch kein Vergleich zu der Schäbigkeit, die JJ1 alias Bruno widerfuhr, der im Mai als erster frei lebender Braunbär in Deutschland seit 170 nach Bayern einwanderte und an dem Bayerns ->

Gammelfleisch-Minister Schnapp auf seine Kompetenz als Bürgerbeschützer ausspielte. Flugs war der Rebell mit Migrationshintergrund, der auf die deutsche Leitkultur pfiff und anderer Leute Schafe riss, sich noch dazu weigerte, Deutsch zu lernen, zum Schad- bzw. Problembär erklärt. Und nach halbherzigen Versuchen, ihn lebend einzufangen, am Morgen des 26. Juni von „behördlich beauftragten Jägern“ erschossen, wobei geheimnisgekrämert wurde wie um den Kennedy-Mord. Weder Kaliber noch Schütze noch Entscheidungsträger wurden bekannt; entweder, die haben Schiss vor militanten Tierschützern oder es ist eine Verschwörung und Bruno wusste irgendwas. Bei der bayerischen Staatsregierung weiß man ja nie so genau (siehe: -*¿ Söllner, Hans), (jols) Bandwurmbandnamen, die; früher haben Bands ihre Geschichten in Songtexten verpackt, heute labern sie einem schon in ihren Namen die Hucke voll. Clap Your Hands Say Yeah, You Say Party! We Say Die!, Love You But I’ve Chosen Darkness, I’m From Barcelona, Someone Still Loves You Boris Yeltsin, The Aim Of Design ls To Define Space, Get Cape. WearCape.Fly, Cute Is What We Aim For und – man lese und staune -! Can Make A Mess Like Nobodys Business. Entschuldigung: WAS soll das heißen, WER soll sich den Kack merken und WEN versucht ihr damit zu beeindrucken? … Hey, warte mal: geiler Bandname! (jols)

Beatles, The; irgendwie wird die „Veröffentlichungspolitik“ der Firma Apple Corps. (-* Apple vs. Apple) immer eigenartiger. Noch immer liegen weite Teile des Beatles-Katalogs nicht in ordentlich remasterten CD-Fassungen vor, so etwa das epochale Revolver, das am 5. August seinen 40. Geburtstag hatte. Stattdessen bringt das Label das so eigenartige wie überflüssige Pseudo-„Mash-Up“-Album love heraus, eine Art Compilation für Leute mit Attention Deficit Syndrom. Immerhin kündigte Apple-Geschäftsführer Neil Aspinall inzwischen an, dass es demnächst endlich legale Downloads von Beatles-Songs in den einschlägigen Onlinestores geben wird, (cst)

Beck; 1) Hansen; Musiker; brachte nach dem Abschwäche in seines 2OO5er-Albums guero am 6. Oktober 2006 seine neue Platte the in Formation heraus und tourte zum Gaudium der Fanbasis mit einem Marionettentheater. 2) Kurt; Politiker; ist nach dem Abschwäche in seines 2005er-Vorgängers Matthias Platzeck seit 10. April 2006 Parteivorsitzender der SPD und hatte als solcher für seine Basis die Information parat: Bundeswehreinsatz in Nahost find ich gut! Riesentheater, (jols) Beinkleid, enges; 2006 gehörte dem Revival der Röhrenjeans; schöne und kostspielige Modelle kamen von den Designerlabels Acne und Tsubi. Auch mancher Mann komplettierte den Rockstar-Style mit der hautengen Röhre. Aber bitte nur tragen, wer spindeldürrer Gitarrist britischer Herkunft ist! Die Leggings hatten bereits 2005 ihr Comeback gefeiert und setzten es 2006 mit mäßigem Erfolg fort. Bevorzugt: Capri-Leggings zum (Mini-Jeans-)Rock. (vr)

Berlusconi, Silvio; Der Ex-Ministerpräsident Italiens drehte vor und nach knapper Niederlage bei den Parlamentswahlen im April am Rad, beschimpfte Widersacher und chinesische Kommunisten, ließ TV-Journalisten einfach im Studio stehen, kaufte beinahe ProSieben Sat1, was zu heftigem Baumwipfelgewackel in der deutschen Medienlandschaft sorgte. Zudem verbrachte der Medienmogul einige Zeit vor Gericht (Wahlfälschung, Geldwäsche, Zeugenbestechung usw.; das Übliche). (OGÖ)

Bluntisierung des Pop, die; der aus 2005 herübersuppende Erfolg des singenden Panzerfahrers (James Blunt zog 2006 ein kleines Männleinwunder in Sachen Mainstream-Songwriter-Pop nach sich. Paolo Nurini, Daniel Powter, Chris Stills (der Sohn von Stephen), James Morrison (nicht der Sohn von Jim) schmeichelten sich als Newcomer ein. Da wollten dann auch die Altvordern, die Doyens des cremigen Songwriter-Pops nicht hintanstehen: Chris de Burgh und Yusuf a.k.a. Yusuf Islam f.k.a. Cat Stevens kamen mit — >

Comebacks gerade recht zum Nachmittagstee, (jols)

Bond, James Bond; an das flächendeckende Walten augefuchster clever-Marketingkampagnen gewöhnte Beobachter des Unterhaltungsgeschäftes mögen sich gewundert haben: Da wurde der neue Bond (casino royale) mit dem neuen Bond (Daniel Craig) noch schnell zum Kinoherbst 2006 rausgekloppt – wo man sie doch schon vor sich gesehen hatte, die gewitzten Anzeigen und Trailer des wie die Faust f. aufs Auge passenden „Bond 007“-Werbefeldzugs für den Film zum Jubeljahr. Was? Entweder, die Familie Broccoli hat da noch einen Film als Nachschlag in der Hinterhand, oder die haben sich 007 für die Vermarktung einer „ultimativen“ f (oder so) DVD-Editon aufgespart, (jols)

Brechtjahr, das; neben dem -> Mozart2 und dem Beckett- war 2006 auch noch das Brechtjahr. Drei Tage vor dem 50. Todestag des Dramatikers hatte am 11. August in Berlin Klaus Maria Brandauers Inszenierung der „Dreigroschenoper“ Premiere, mit Schauspiel-Debütant Campino als Mackie Messer. Ob der Hosen-Chef viele Punker ins Theater locken konnte, weiß man nicht. Die Kritiken: sehr durchwachsen. Eher geeignet, junge Menschen für Brecht zu erwärmen, schien die Dreigroschen-lnszenierung am Theater Ingolstadt am Jahresanfang, für die die Indierocker Slut die Musik einer kongenialen Neuintepretation unterzogen. Als später ein Album kommen sollte, machten die Nachlassverwalter Kurt Weills der Band einen Strich durch die Rechnung: Sie gaben nur für eine EP mit fünf Stücken die Rechte frei, (iols)

Bush, der, 43. Präsident der USA; engl. für Schamhaar. Im Sommer forderte Skandal-Elektro-Rockerin™ Peaches im Titel ihres Albums die Amtsenthebung von US-Präsident George W. Bush: IMPEACH MY BUSH. Das wäre gar nicht nötig gewesen. Bei den Wahlen im Herbst verloren die Republikaner die Mehrheit im Repräsentantenhaus und im Senat. Es sieht so aus, als ob sich Bush durch seine Außen- und Kriegspolitik selber des Amtes enthebt. Trotzdem: Schamhaare wird man leichter los als geistig herausgeforderte Präsidenten, (ko)