„Albion sind wir“


Kein Popstar hat die Medien 2005 so beschäftigt wie Pete Doherty. Dabei kam der Ex-Libertine im Strudel der Stories um seine Liaison mit Kate Moss, geplatzte Konzerte und [seltener] seine Musik kaum selbst zu Wort. Jetzt traf ihn unser England korrespondent zum Exklusivgespräch.

In der Woche, in der unser Interview ursprünglich hätte stattfinden sollen, war Pete Doherty verschollen. Am Freitag schließlich kommt ein Anruf von der Plattenfirma. Man glaube mit einiger Sicherheit annehmen zu dürfen, Pete werde am Montag für ein Interview bereit sein. Dieses soll in einem Hotel in der Brick Lane stattfinden, einer ratteninfizierten Gasse in Ostlondon, wo sich trendige Clubs, Curry-Schuppen und islamische Reliquienshops aneinanderreihen.

Als sich montags der ME und ein Mitarbeiter von Dohertys Label auf den Weg dorthin machen, wird der Mann von der Plattenfirma ständig vom Handy gestört. Immer wieder geht es um Doherty. „Er hat einen neuen Floh im Ohr“, amüsiert sich der Label-Mann, als wir am Big Ben vorbeikurven. „Er hat gemerkt, daß sein Album schon im Web ist. Jetzt will er, daß wir was dagegen unternehmen. Er, der selber sofort jeden Ton ins Web stellt!“ Dann piepst das Handy wieder. Doherty. Er werde sich verspäten, nein, es habe kein Zweck, ihn erreichen zu wollen, sein Handy sei abgeschaltet. Zum Glück ist dem „City Hotel“ eine Cocktailbar angegliedert, perfekt fürs Warten auf kapriziöse Popstars. Dann stellt sich plötzlich heraus, daß sich Doherty in seinem Zimmer befindet. Die Plattenfirma geht nachschauen und bringt ihn schließlich zur Bar. Da sitzt er nun wie ein Fragezeichen, den Arm auf die Theke gestützt, das Pork-Pie-Hütchen schief über die Stirn gezogen. Er ist dünner als früher, seine Haut – einst ein käsiges Gelb – ist pergamentbleich, und seine Bambiaugen sind weit aufgerissen. Auffällig die Hände: Sie sehen aus, als hätte er in einem VW-Motor gewühlt. Doherty erscheint in der Gesellschaft von Nuha Razih, einer zierlichen Asiatin – quicklebendig, supercool gekleidet -, die jeden seiner Schritte auf Digitalkamera bannt. Sie seien dabei, einen Dokumentarfilm über Babyshambles zu produzieren. Die britische Boulevardpresse spekuliert bereits, Razih sei Dohertys Kate-Moss-Ersatz. Dann redet Doherty.

Warum wohnst du in diesem Hotel?

Pete Doherty: Das gute Schiff Albion hat im City Hotel, Brick Lane angedockt. Wir haben in meinem Zimmer ein Studio eingerichtet. Ich würde dich ja gern raufholen, aber Colin von der Plattenfirma ist dagegen. Es paßt ihm nicht, daß ich die Wörter „Rough Trade“ an die Wand geschmiert habe. Mit Blut. Ist eh eine ziemliche Schweineordnung da drin. Wir sind mitten in den Brick-Lane-Sessions. Die sind ähnlich wie die ersten Babyshambles-Sessions damals in New York, als wir 70 Songs ins Web stellten.

Die Geschichte von Babyshambles hat sich ja ziemlich turbulent angelassen. Hast du ab und an daran gezweifelt, daß die Band je ein Album fertigkriegt?

Ich hatte nie Zweifel. Es waren halt ein paar Hindernisse zu bewältigen. Adam und Pat verloren beide ihre Mütter, gerade als die Aufnahmen zum Album beginnen sollten. Dazu kamen so Nichtigkeiten wie Gerichtsauftritte, Ausgangssperren, Anti-Heroin-Implantate, Medienverfolgung und Speichellecker.

Die Aufnahmesessions in Wales waren bestimmt nicht einfach, mit deinem Ausgehverbot.

Und dazu kam noch unser inzwischen stillgelegter Manager, James Mullord. Der hatte vom ersten Tag an Hausverbot. Irgend etwas war passiert zwischen ihm und der weiblichen Hälfte des Paares, welches das Studio führte. Wir haben nie rausgefunden, was. Das war ein echtes Problem. Er durfte nicht ins Haus. Mullord hat dann in seinem verdammten Morgenrock draußen im Wald kampiert. Übrigens geht das Gerücht um, er sei heute ums Hotel geschlichen.

Muß man das Album tatsächlich als Konzeptalbum verstehen, wie das hier und da geschrieben wurde?

Doherty (zu Razih): Tu mir doch bitte einen Gefallen. Hol mir mein Notizbuch aus dem Zimmer. Das schwarze Moleskin-Buch, A4. (zum ME) Ich werde es dir zeigen. Nun, für mich steckt hinter dem Album nur ein Konzept: daß wir die Songs endlich eingespielt haben. Aber zum Aufnehmen eines konventionellen Albums braucht es eine Person, die gemeinhin Produzent genannt wird. In diesem Sinne ist es die höchste mir mögliche Respektbezeugung, daß ich unserem Produzenten Mick Jones totale Freiheit gab, mit den Songs anzustellen, was er wollte. Die Reihenfolge war ganz ihm überlassen. Dabei hat er sich auf eine Notiz bezogen, die ich dir gleich zeigen werde. Wäre das denn schlecht, ein Konzeptalbum?

Ich dachte nur – im Observer war eine Seite deines Notizbuchs abgebildet mit der Erklärung, es sei das Konzept fürs Album, 1) Girl trifft Boy, Liebe winkt, 2) Boy fucks up, 3) das Danach. So was in dem Stil.

Genau die Seite will ich dir zeigen. Die Story ist ja offensichtlich reine Fiktion. Außerdem kannst du mich nicht für ein Konzept verantwortlich machen, das gar nicht meines war.

Du hast noch nie ein Geheimnis daraus gemacht, daß deine Songs spontane Ergüsse sind, die direkt aus deinem Leben kommen.

Schon, ja. Aber den Briefen und Kommentaren nach zu schließen, die bei mir eintreffen, erkennen viele Menschen ihr eigenes Leben und ihre Erfahrungen in den Texten wieder. Trotzdem – ich gebe zu, es gibt viele konkrete Bezüge in den Songs. Zum Beispiel Track vier, das ist ja ein richtiges Datum.

Du meinst den 32sten Dezember?

Ich habe mindestens sechs Songs mit dem Titel geschrieben. Jahrelang habe ich Songs mit dem Titel geschrieben, bis ich endlich den richtigen gefunden habe. Ach, hier kommt das Buch, (beginnt durch die Seiten zu blättern, aus denen überall Photos, Zeichnungen, Zeitungsausschnitte, Tickets und sonstige Drucksachen quellen, über die Doherty Notizen. Gedichte und Zeichnungen gekritzelt hat) Hier, schau mal, dieses Photo haben sie auch abgedruckt im Observer. Wir hatten extra „fucked again“ an die Wand gesprayt, aber das haben sie airbrushmäßig entfernt, verdammt schade! Scheiße, wo ist es denn?

Vor einiger Zeit hieß es, ein Verlag werde eine Auswahl aus deinen legendären Tagebüchern – deinen „Books of Albion “ – veröffentlichen. Wie weit ist es damit?

Ich hab den Vertrag dann doch nicht unterschrieben. Ich hatte ein komisches Gefühl. Vieles hatte ich seit Jahren nicht mehr durchgelesen. Und dann fühlte ich mich plötzlich erpreßt. Lauter schreckliche Mißverständnisse. Scheiße, die Seite, die ich dir zeigen wollte, ist in einem anderen Buch.

Seit deinen frühesten Tagen redest du immer wieder von „Albion „. „Albion “ ist eines der besten Stücke auf dem Babyshambles-Album. Es soll auch das erste sein, das du je geschrieben hast. Was bedeutet das Wort für dich -ein altes Wort für „England“?

Es ist der Sammelbegriff für meine Identität und die einer kleinen Gruppe von Menschen um mich herum – einer Gruppe, die lange Zeit ein Duo war. Eines Tages tauften wir dieses unser Lebensschiff, so, wie die Queen ein Schiff tauft, indem sie eine Flasche Champagner am Bug zerschellen läßt. Unsere Böllerschüsse kamen aus der Steinschleuder, unser Champagner war eine Büchse Newcastle Brown Ale. So ist die Albion in die hohe See gestochen. Albion ist ein Schiff und auch alles, was sich auf dem Schiff befindet. Albion ist England. Albion sind wir.

Ist deine Beziehung zu Albion Liebe oder Haßliebe?

Die Albion kann ganz schön falsch sein. Ach, es gibt so viele Mißverständnisse, und Mißverständnisse sind so oft die Wurzel der Zerstörung. Besonders mit Ausländern. So vieles geht in der Übersetzung verloren. Oder wird hinzugefügt. Wie bei der Bibel. Es ist schwierig, eine Haßliebesbeziehung mit einer ganzen Nation von Menschen zu pflegen.

Es ist doch aber möglich, manche Dinge an einem Ort und einer Haltung zu schätzen und andere zu hassen. Ich denke etwa an die Art, wie die britische Boulevardpresse dich und Kate hochgespielt hat, nur um euch dann fertigzumachen.

Ich weiß. Ich wünschte, meine Mutter würde den Quatsch nicht lesen. Ich glaube, die Menschen haben es gern, wenn sie sich entsetzen können. Warum nur? (Doherty holt zu einem langen geschichtlichen Exkurs aus, der mit William Gladstone anfängt, einem Premierminister, der sich einst selbst ausgepeitscht habe, um sich für falsche Gedanken zu strafen; er endet mit der Feststellung, Politiker seien sowieso alle gleich, das sei ja auch das Thema von „Fuck Forever“).

Du hast kürzlich mal gesagt, du und deine Band seien von den Boulevardmedien zur Karikatur hochstilisiert worden. Wie hat sich das auf dich und die Band denn ausgewirkt?

Die Frage bringt mich in die Schulzeit zurück, die Zeit, als ich das Lied „Albion“ schrieb. Auf dem Pausenhof schimpfen sie dich „schwul“ und „weirdo“, nur weil du andere Kleider trägst. Zur Antwort kann man alle paar Tage einen linken Haken austeilen, was ja auch für Journalisten gilt. Oder man kann sich seine eigene kleine Welt aufbauen, sein Arkadien, und sich im guten Schiff Albion auf die Reise dorthin machen. So weit wie möglich weg fahren, daß es einem nichts mehr anhaben kann! Das habe ich damals getan, und das tue ich heute.

Zu Zeiten des ersten Libertines-Albums hatte ich den Eindruck, daß das Spiel mit den Klatschspalten dir sogar Spaß macht. Falscher Verdacht?

Ich weiß nicht. Die Medien haben mich ins Gefängnis gebracht und mir manch eine Leibesvisitation eingetragen. Aber nichts ist so schlimm wie der erste Tag in einer neuen Schule, wo dir einer aus zehn Zentimetern mit voller Wucht eine faule Orange ins Gesicht knallt.

Dir ist dein direkter Kontakt zu den Fans immer sehr wichtig gewesen. Durch den Rummel ist er sicher erschwert worden, oder?

Nein. Es bedeutet bloß, daß wir alles noch heimlicher machen müssen. So kann ich nicht mehr einfach alles ins Internet stellen, denn das lockt die falschen Leute an. Jetzt ist alles nur noch word-of-mouth. In den letzten zwei Wochen haben wir Gigs in einem Garten und in einem Auto gespielt.

Du hast es dir manchmal nicht leicht gemacht, etwa mit all den Gigs, zu denen du nicht aufgetaucht bist. Im Astona zum Beispiel, wo es dann zu einem Krawall kam. Trotzdem hast du nie eine Erklärung abgegeben.

Es gibt Situationen, wo man schlicht nicht imstande ist, den Leuten die wahren Gründe zu erklären. Physisch nicht imstande. Eigentlich sollte ich darüber ja nicht reden. Also, nehmen wir mal an, zum Beispiel, dein eigener Manager hätte dich an einen Heizkörper gefesselt, um zu verhindern, daß du ins Astoria gehst. Nehmen wir an, er hätte dich zwei Tage lang gefangengehalten, bis deine Schwester gekommen wäre, um dich zu befreien. Wobei da noch Details dazukämen wie eine klaffende Platzwunde am Kopf und posttraumatischer Streß. So Dinge halt. Da hat man dann nicht wirklich Lust, zu erklären, was passiert ist. Aber ich denke, wir haben die Fans nicht oft hängen lassen. Jedenfalls kann ich kategorisch versichern, daß es mir an dem Abend viel mieser ging als allen, die das Gefühl hatten, sie seien zu kurz gekommen oder geprellt worden. Ihr müßt lernen, mir mehr Vertrauen zu schenken!

Wie mir euer Drummer Adam Ficek erzählt hat, ist die Band während dem Abmischen des Albums und der nachfolgenden Tournee endlich richtig zusammengewachsen.

Ja, Gott sei Dank! Die Band ist wahnsinnig loyal gewesen. Adam und Drew haben viel hingenommen. Wenn man mich und Pat ertragen kann, erträgt man alles. Dagegen ist jede Medienattacke ein Zuckerschlecken. Wir waren schlimm dran in den düsteren Tagen von Wales, Pat und ich.

Angesichts des Rummels erstaunt es mich, daß du Kate Moss auch auf dem Album ins Rampenlicht…

Ach was, wo denn?

Sie singt zum Beispiel. Und dann der Song „What Katy Did Next“.

„Katy handelt nicht von ihr. Auch „La Belle Et Le Bete“ war vor Kate da. Kate war halt im Studio, und Mick ist es gelungen, sie beim Singen aufzunehmen. Das ist ihm nicht immer gelungen. Leider nur singt sie „beau-dy-ful“ statt „beautiful“. Ziemlich amerikanisch. So was stört mich. Wir haben’s dann doch so gelassen. Der Moment ist der Moment.

Seid ihr beiden immer noch zusammen ?

Darüber sollte ich nicht reden. Aber… nein. Ich weiß, was sie zu mir gesagt hat, und sie weiß, was ich zu ihr gesagt habe. Das hat nichts zu tun mit der Scheiße, die man über uns sagt. Zu meinem Schrecken – pardon, zu meiner Freude – hat sie sich ein kleines „P“ tätowieren lassen. Und ich habe ein „K“ auf dem Hintern. Das besiegelt unser Schicksal. Neun Kinder! So steht’s geschrieben.

Es scheint dir körperlich besser zu gehen als zuletzt.

Naja, ich weiß nicht. Diese Brick-Lane-Sessions nehmen mich ganz schön mit. Von Schlaf kann keine Rede sein. Vor lauter Mikrophonen, Banjos und der ganzen restlichen Scheiße komme ich gar nicht mehr ans Bett ran. Mein Motorroller steht auch da drin. Ich mußte ihn an der Rezeption vorbei schmuggeln. Ich hab versucht, ihn zu reparieren. Deshalb die schwarzen Finger.

Wie viele Lärmbeschwerden hat’s gegeben von den Zimmernachbarn?

Wie sollte ich denn bei dem Lärm in dem Zimmer Beschwerden hören?

www.babyshambles.net