Alles fügt sich von selbst


Wie es John Vanderslice gelang, inmitten von Gefühlsstürmen, Chaos und Ideologie zum Stubenhocker zu werden.

John Vanderslice ist ständig unterwegs. „Ich liebe es, zu touren“, sagt er. „Es ist so schön, Leute zu treffen. Das ist viel direkter, als sich einfach vorzustellen, dass da irgendwo Menschen sitzen und sich meine Musik anhören. Außerdem habe ich mich auf Tour verliebt. Dummerweise wohnte sie in Paris. Ziemlich blöde Distanz für eine Fernbeziehung.“ So grübelte er die letzten beiden Jahre, ob er nicht umziehen sollte. „Ich habe mir das sogar ideologisch zurechtgelegt“, erinnert er sich. „Die Nachteile Amerikas und seiner Politik und ob das nicht ein Grund ist, einfach wegzuziehen. Aber dann habe ich gemerkt, wie sehr ich an San Francisco hänge und dass ich nur Gründe suche, um näher bei meiner Freundin zu sein. Hier ist mein Zuhause, mein Studio, die Stadt ist fantastisch. Es ist traurig, dass so viele Musiker wegziehen, beispielsweise nach Portland. Dort ist es viel billiger zu wohnen.“

Seine französische Freundin ist mittlerweile seine Frau und nach San Francisco gezogen.

„Wir haben eine befristete Greencard und warten auf die unbegrenzte. Meine Frau hebt San Francisco. Aber sie hat meinetwegen alles zurückgelassen. Freunde, Familie, Heimat. Das ist ein großes Opfer. Außerdem war es sehr schwierig, sich mit den US-Einwanderungsgesetzen zu arrangieren.“ Diese Erfahrung beschreibt er in „Central Booking“. Obwohl sein sechstes Album emerald city hauptsächlich die Geschichte eines Attentäters erzählt, der das Chrysler-Gebäude in die Luft sprengt und immer wieder von seiner Vergangenheit eingeholt wird, findet der Sänger viele Nischen für Autobiografisches. Vanderslice ist ein politischer Mensch, auch in seinen Songs, aber vor allem ist der Sänger mit den teils recht kryptischen Texten ein hoffnungsloser Romantiker. „Ich bin manchmal so voller Gefühle, dass ich überwältigt bin“, lacht er. „Und ich kann Ideologie und Liebe und Emotion gar nicht richtig trennen, das ist irgendwie alles dasselbe. Mein neues Album ist insgesamt schon gefühliger ausgefallen; ich schätze, das liegt daran, dass ich so verliebt bin. Es gibt mehr Gesangsharmonien zwischen dem ganzen Chaos und Feedback. Irgendwie fügt sich alles zusammen. Ganz von selbst.“

Nun will emerald city betourt werden, und John Vanderslice fühlt sich damit erstmalig nicht so ganz wohl: „Meine Frau hat sich zwar schon mit meinem Freundeskreis angefreundet, aber ich habe auch ein schlechtes Gewissen, sie zurückzulassen. Glücklicherweise will sie zur selben Zeit nach Europa, um ihre Familie zu besuchen. So wird sie bei einigen Shows dabei sein. Sonst würde ich mich wohl irgendwann zum Stubenhocker entwickeln.“

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