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10 deutsche HipHop-Acts, die die 90er geprägt haben

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Mehrere internationale Musikjournalisten*innen haben die These geäußert, dass 1991 das beste Jahr für Musik gewesen sein könnte. Erst im September veröffentlichte der britische Radiosender RadioX die Ergebnisse einer Umfrage, die besagten, dass Rockmusik nie wichtiger als in jenem Jahr gewesen sei. Ja, noch wichtiger als zum Beispiel das Woodstock-Jahr 1969 oder 1977, das mit dem „Summer of 77“ als Geburtsstunde des Punk gilt. Wenn man in die deutschen Charts blickt, dominieren heute vor allem HipHop-Künstler*innen. Capital Bra bricht Streaming-Rekorde, Rapper Apache 207 hat den Hit des Jahres 2019 geliefert. Doch schon in den 90ern hatte HipHop auch in Deutschland seine Blütezeit mit etlichen Charterfolgen. Grund genug von den Streaming-Erfolgen von heute, zurück in die Zeit der CDs und Walkmen zu blicken, auf 10 der prägendsten deutschen HipHop-Acts der 90er.

Absolute Beginner

Seit 2003 nur noch „Die Beginner“, aber aus Nostalgie-Gründen möchten wir noch einmal auf den ursprünglichen Bandnamen zurückgreifen. Die Gruppe aus dem Hamburger Bezirk Eimsbüttel bestand bei der Gründung aus vier Mitgliedern, mittlerweile aus Jan Delay, Dennis Lisk alias Denyo und Guido Weiß alias DJ Mad. Im Jahr 1994 erschien die erste EP GOTTING mit sozialkritischen Texten. Der Durchbruch gelang mit BAMBULE, das Album verkaufte sich über 250.000 Mal. Auch auf dem 18 Jahre später erschienenen Album ADVANCED CHEMISTRY haben die Beginner immer noch viel von ihren Stilmitteln aus den 90ern in ihren Tracks. Oder liegt das nur daran, dass Jan Delays Stimme immer noch so speziell-ulkig klingt?

Bester Track: „Danke“

Sabrina Setlur

Zwischen 1995 und 2007 verkaufte sie über zwei Millionen Tonträger. Ihr erstes Album S IST SOWEIT erschien noch unter dem Namen Schwester S. Mit ihrer souligen Stimme hat sie nicht nur die HipHop-Szene geprägt, sie war auch einer der großen Musik-Stars der 90er. Fünf Studioalben gab es, bis sie selbst ihre Karriere als Musikerin beendete. Inzwischen nimmt Sabrina Setlur an TV-Shows teil und wirkt als Schauspielerin in Filmproduktionen mit. Ihr Hit „Du liebst mich nicht“ wurde übrigens von Shirin David gecovert.

Bester Track: „Du liebst mich nicht“


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Freundeskreis

Von 1996 bis 2007 existierte der Freundeskreis, unter Fans auch „FK“ genannt. An Gründungsmitglied Max Herre und der politischen Message der Band schieden sich schon damals die Geister. Nachdem die Bravo Herre als „Jesus von Benzheim“ betitelte, gab er dem Blatt keine Interviews mehr. Die Band sah sich als Vertreter des Conscious Rap, einer Stilrichtung, die auf politische und sozialkritische Inhalte setzt. Die zweite Singleauskopplung „A-N-N-A (Immer Wenn Es Regnet)“ des Debütalbums QUADRATUR DES KREISES avancierte zum Sommerhit und machte Freundeskreis zum gefragten Live-Act. Ihr erfolgreichstes Album ESPERANTO verkauft sich mehr als 300.000 Mal. Nach Auflösung und Zusammenfindung und erneuter Auflösung spielten Freundeskreis 2007 ihr letztes Konzert in Stuttgart.

Bester Track: „A-N-N-A“

Blumentopf

Im Jahr 1992 in Freising gegründet, im Oktober 2015 aufgelöst. Blumentopf waren Kung Schu, Holunder, Specht und Master P, die mit Wortwitz über alltägliche Geschichten rappen und dabei von DJ Sepalot unterstützt wurden, der seine MCs mit Instrumentals versorgte. Wenn man heute mal reinhört, ist unverkennbar, dass diese Musik in einem anderen Jahrzehnt entstanden ist. Zeilen wie „Take That war ihr einziges Hobby“ und „Der CD-Player lief noch“, wirken heute aus der Zeit gefallen, sorgen aber für schöne Retro-Momente.

Bester Track: „6 Meter 90“

Massive Töne

Die Geschichte von Ju, Schwo, Wasi und Alex beginnt 1991 in Stuttgart. Mit ihrem Album KOPFNICKER und der gleichnamigen Single erlangten sie erste Bekanntheit in der deutschen HipHop-Szene. In den folgenden Jahren sind die Massiven Töne Gast auf jedem HipHop-Jam in Mitteleuropa. Sie touren unter anderem zusammen mit Fettes Brot und Absolute Beginner. Ihr größter kommerzieller Erfolg war das 1999 veröffentlichte Album ÜBERFALL, aus dem insgesamt vier Single-Auskopplungen erschienen. Zwar bestehen die Massiven Töne offiziell noch, ihren letzten öffentlichen Auftritt hatten sie allerdings 2015, ihre bisher letzte Album-Veröffentlichung ist 15 Jahre her.

Bester Track: „Kopfnicker“

Cora E

Heute ist sie vielen nicht mehr bekannt, doch in den 90ern setzte ihre Hook aus „Schlüsselkind“ sich in den Köpfen fest. Überraschend alltäglich ist das Thema, das Rapperin Cora E in ihrem Hit besingt – das mittlere von drei Kindern zu sein. Doch ein paar Stilelemente aus der 1997 veröffentlichten Single findet man noch heute im deutschen Rap: Die Blocksiedlung, die die Kindheit trägt (Sido), die Bomberjacke aus dem Video zu Schlüsselkind könnten heute auch Juju tragen. Die autobiographische Single verdeutlicht die unkomplizierte Herangehensweise von deutschen Künstler*innen an das amerikanische Genre HipHop und zeigt gleichzeitig welche Entwicklung das Genre bis in Jahr 2020 zurückgelegt hat. Das 1998er CORAGE ist das einzige Album der aus Kiel stammenden Rapperin.

Bester Track: „Schlüsselkind“


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Die Fantastischen Vier

Man kann darüber streiten, muss man aber nicht: Die Fantastischen Vier gelten als Wegbereiter des deutschen HipHops. Sie waren eine der ersten kommerziell erfolgreichen Bands des Genres in Deutschland. Unter dem Namen „Terminal Team“ Mitte der 1980er-Jahre in Stuttgart wurden Fanta 4 von Michael Bernd Schmidt (Smudo) und Andreas Rieke (And.Ypsilon) gegründet. Nachdem Michael Beck und Thomas Dürr (Thomas D) 1989 hinzustießen, benannten sie ihr Projekt in Die Fantastischen Vier um und veröffentlichten 1991 den Song „Jetzt Geht’s Ab“ auf dem ersten deutschen HipHop-Sampler „Krauts With Attitude“. Bereits im Jahr darauf gelangten die Fanta 4 als erste deutschsprachige HipHop-Gruppe mit dem Song „Die Da!?“ an die Chartspitze und machten das deutsche Rap-Genre bundesweit populär. Das dazugehörige Album 4 GEWINNT verkaufte sich knapp 800.000 Mal – mehr als jedes ihrer ebenfalls erfolgreichen folgenden Alben. Inzwischen feiern Die Fantastischen Vier 30. Bandjubiläum. Die „30 Jahre Live“-Tour ist aufgrund der Covid-19-Pandemie in das Jahr 2021 verschoben.

Bester Track: „Die Da!?!“


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Advanced Chemistry

Gegründet 1987 in Heidelberg, gehört auch Advanced Chemistry zu den Pionieren der deutschen HipHop-Szene. Beeinflusst von der amerikanischen Strömung des Rap, formierten sich Toni-L, Linguist, Gee-One, DJ Mike MD und Torch zu einer politisch geleiteten Rap-Crew. Nachdem DJ Mike MD und Gee-One die Gruppe verließen, funktionierte AC weiter als Trio. Der Durchbrach gelang mit der 1992 erschienenen Single „Fremd im eigenen Land“. Die Formel, biographische Erlebnisse mit politischen Einstellungen zu paaren, funktioniert noch heute und macht Advanced Chemistry zu Wegbereitern für Künstler wie Samy Deluxe, Eko Fresh und Afrob.

Bester Track: „Fremd im eigenen Land“

Fettes Brot

1992 in Hamburg zu Gymnasium-Zeiten gegründet, wurde aus dieser Schulband eine der erfolgreichsten HipHop-Formationen Deutschlands. Boris Lauterbach, Martin Vandreier und Björn Warns sind seit der ersten EP MITSCHNACKER Fettes Brot und der 1996 veröffentlichte Track „Jein“ befindet sich noch heute im kollektiven Musikgedächtnis aller 90er-Kids. Es folgten weitere Ohrwürmer und Festival-Hits. Die Grenzen zwischen HipHop und Pop verlaufen hier fließend. 2019 erschien nach längerer Schaffenspause das Album LOVESTORY.

Bester Track: „Jein“

Afrob

Mit vielen hier bereits genannten Acts hat Afrob zu Beginn der 90er gejammed und Touren gespielt, unter anderem mit Freundeskreis, Massive Töne und Blumentopf. Afrob war als Feature-Artist gefragt. Erst 1999 kam sein eigenes Album ROLLE MIT HIPHOP heraus, das sich 25 Wochen in den deutschen Charts hielt. Aufmerksame Podcast-Hörer*innen werden sich erinnern, dass Afrob als Experte zu Gast war bei der 10. Folge von „NEVER FORGET – der 90er-Podcast“. 2019 ist Afrobs Album ABSCHIED VON GESTERN erschienen, auf dem er seine Erfahrungen in der HipHop-Welt musikalisch verarbeitet.

Bester Track: „Reimemonster“ feat. Ferris MC


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Willkommen in den Neunzigern: „Never Forget – der 90er-Podcast“ – alle Folgen im Überblick
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