Highlight: 13 Acts, die wir auch nach ihrem Mainstream-Durchbruch gut finden

Alt-J am 1. Oktober in Berlin: Die feine britische Art der Live-Performance

Minimalismus ist anscheinend der rote Leitfaden, der sich durch diesen Abend im Berliner Lido zieht. Die Bühne, bereits mit Bandequipment und Instrumenten bestückt, wirkt erstaunlich übersichtlich und leer. Kein Schnickschnack, keine Bühnenshow, klassische Beleuchtung. Fashion-Statements sucht man bei dieser Band ebenso vergeblich. Sie bedienen sich vorwiegend der Nicht-Farben Schwarz und Weiß, die Hemden bis oben hin zugeknöpft, die Longsleeves verwaschen – nur Joe Newmans Schuhe passen farblich zu den mit Hanfblattssymbol verzierten Socken. So sehen also die Köpfe hinter der Musik aus, die seit 2012 die Indie-Gemeinde begeistern. Am 19. September 2014 veröffenlichten Alt-J ihr zweites Album THIS IS ALL YOURS, das Follow-Up ihres umjubelten Debüts AN AWESOME WAVE, und scheinen nahtlos an die Erfolge anzuknüpfen. Wenn man nämlich dem Publikum, das die Tickets für diesen Konzertabend ausschließlich gewinnen konnte, Glauben schenken darf, stehen die neuen Songs wie „Hunger Of The Pine“ oder „Left Hand Free“ den Erstlings-Werken in nichts nach.

Alt-J legen eine gute Mischung aus alten und neuen Songs hin und lassen sich sogar Zeit für ein Bill-Withers-Cover: „Lovely Day“ leitet gegen Ende des Auftritts die Zugabe ein. Frontmann Joe Newman ist offenbar nur textsicher, wenn es um seine eigenen Songs geht. Wie bereits bei einem Cover des Disclosure-Tracks „Latch“ im Rahmen der BBC1 Live Lounge, wird dem Sänger erneut ein Zettel mit Lyrics bereitgelegt. Der musikalischen Qualität tut dies keinerlei Abrruch. Ohnehin ist Qualität ein äußerst gutes Stichwort. Steht man als Zuschauer in den vorderen Reihen der Location, wird man regelrecht gefangen genommen im Alt-J-Kosmos, das wie ein präzises Uhrwerk funktioniert. Jeder Tempowechsel und jeder noch so hohe Ton scheint zu sitzen. Das zufriedene Lächeln und die Blicke zwischen Sänger Joe und Keyboarder Gus Unger-Hamilton sprechen eine deutliche Sprache: Heute Abend läuft’s richtig gut. Bis auf einen kleinen, aber durchaus sympathischen Patzer – Joe Newman kann einen kleinen Lachanfall nicht unterdrücken – bei ihrer Darbietung des Interludes „The Ripe & Ruin“, der auf der Setlist schlichtweg als „Shesheshe“ betitelt wird, gibt es an diesem Abend kaum etwas auszusetzen. Außer womöglich die nachdenklichen Gesichter mancher Konzertgäste. Diese komplexe und doch so eingängige Musik in weniger als 90 Minuten auf sich wirken zu lassen und diese letztendlich zu begreifen, mag für manchen kein leichtes Unterfangen sein. Denn was auf Platte im heimischen Wohnzimmer nicht auffiel, wird live umso klarer und deutlicher.



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