Hitparaden-Kolumne „Die da oben“

Glass Animals: Wie die Indierocker uns zurück in die Mittelstufe transportieren

von
Julia Lorenz
Julia Lorenz

Frechheit eigentlich: Da hat man noch nicht mal eine private Rentenversicherung – und ist schon Vintage. Als mittelalter Millennial schaue ich relativ baff zu, in welchem Affenzahn meine eigene Jugend gerade historisiert wird, sogar – um Himmels Willen – immer neue Retro-Trends abwirft. Künstler*innen wie Willow und Machine Gun Kelly bringen die Emo-Ästhetik der Nullerjahre in all ihrer kajalumflorten Pracht zurück. Auf TikTok feiern Teens wahlweise Normie-Klamotten aus meiner Mittelstufenzeit oder die abenteuerlichen Low-Waist-Jeans- und Riesencreolen-Experimente der frühen Xtinas und Paris Hiltons als Look der Stunde. „Y2k“-Stil nennt sich das. Die Modebibel „Vogue“ verkündete neulich gar: „The 2014 Tumblr Girl Is Back“.

Die Gegenwart ist ein Cyborg aus Versatzstücken, die gestern noch der heißeste Scheiß waren. Irgendwie passend, dass gerade eine Gruppe ein irres Momentum hat, die klingt, als hätte sie eine Handvoll Musiktrends der letzten, sagen wir, 15 Jahre aufgesogen – und aus ihnen einen Sound geschustert, der irgendwie nach jetzt klingt, aber auch seltsam gesichtslos, wie eine Computersimulation des Zeitgeists.

Die Indie-Gruppe Glass Animals aus Oxford hatte schon mit „Gooey“ von ihrem 2014er-Debüt ZABA einen ordentlichen Hit in den USA. Mit ihrem schon im Juni 2020 veröffentlichten Song „Heat Waves“ aber erreichten sie kürzlich das Siegertreppchen der internationalen Spotify-Streamingcharts. Als erste britische Band überhaupt.

Vielleicht, weil der Song ein so geniales Kompromissstück ist: „Heat Waves“ verbindet den elektrifizierten Indie, mit dem Bands wie alt-J Ende der Nullerjahre die Ära der reinen Gitarrenrocklehre beendeten, mit den synthetischen Beats und der tropischen Leichtigkeit zeitgenössischer HipHop-Produktionen. Es ist ein Sound, der an gerade erst Vergangenes erinnert: an die Zukunftsversprechen des Millenniums – und die präpandemische jüngere Vergangenheit. Offenbar ist das die Erfolgsformel für die Gegenwart. Fragt sich nur, wie lange die noch dauert.

Diese Kolumne erschien zuerst in der Musikexpress-Ausgabe 04/2022.


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