App my Ass


Explosionen durch Sarah Connor und Biertrink-Apps: Harriet Köhler glaubt, iPod und Co. werden sich rächen. Der Kamikaze der Kleinelektronik hat bereits begonnen.

Kein Scheiß: In letzter Zeit sind in Japan immer wieder iPods explodiert. Zack, peng, das Gehäuse gesprengt. Neulich musste deshalb sogar mitten in der Tokioter Rushhour auf freier Strecke ein Pendelzug gestoppt werden – der Brandgeruch hatte die Fahrgäste alarmiert, und die Fahrt konnte erst weitergehen, als eine junge Dame die Wurzel des Übels in ihrer Handtasche fand: Ihr iPod nano hatte sich so stark erhitzt, dass er einfach geplatzt war. Apple leugnet natürlich, irgendwas damit zu tun zu haben und gibt den Lithium-Ionen-Akkus eines bestimmten Herstellers die Schuld – im Übrigen könne man das Teil jederzeit kostenlos austauschen lassen. Allerdings hat Apple in letzter Zeit ganz andere Sachen abgestritten, ich sage nur: iPhone-4-Antennenpanne.

Und eigentlich ist es am Ende ja auch völlig egal, was Apple sagt, denn mal ehrlich: Wahrscheinlich ist es doch so, dass das alles erst der Anfang ist.

Ich bin wirklich keine von denen, die kiffend alle drei Matrix-Teile hintereinander schauen und sich hinterher darin ergehen, sich in schönsten Aschtönen Endzeitszenarien auszumalen. Ich hab wenig für Cyberpunk-Romane und noch weniger für Künstliche-Intelligenz-Phantasmen übrig. Andererseits: Es gibt immerhin Philosophen, die sich sicher sind, dass Bewusstsein nicht unbedingt etwas rein Menschliches ist, sondern etwas, das jedes halbwegs komplexe rekurrente Netz entwickeln kann. Dass Bewusstsein eher so etwas wie ein Rückkopplungseffekt ist, eine Schleife, dass es dazu kein steuerndes Zentrum, keinen Speicherchip braucht.

Was wäre, wenn diese Leute recht haben? Was, wenn die moderne Unterhaltungselektronik inzwischen so komplex geworden ist, dass es dem Tokioter iPod einfach allmählich dämmerte, dass er rechnete? Und dass er, da er ja offensichtlich dachte, ergo auch war? Und dass er dann langsam merkte, dass etwas mit ihm passierte? Nämlich etwas völlig Falsches?

Ohne zu wissen, was der arme iPod abspielen musste, als er starb – kann es Zufall sein, dass die ersten iPods ausgerechnet in Japan explodieren? Dem Land, in dem J-Pop eine ernst genommene Musikrichtung ist? Dem Land, das Sandra und die Scorpions groß gemacht hat? Wo Bands wie Mister Big richtig richtig berühmt wurden? In dem die neue Single von Maroon 5 in den Charts ist?

Nein, keine Frage: Der kleine nano hat sich gewehrt. So, wie sich andere Geräte in Zukunft wehren werden. Der Kamikaze der Kleinelektronik, er hat bereits begonnen, und niemand weiß, wo er enden wird.

Bald werden auch die iPhones nicht länger ertragen, wozu man sie benutzt: Biertrink-Apps? Wasserwaagen? Flöten? Ich bin ein Handy, werden sie rufen, bis ein schönes Spinnennetz aus Haarrissen ihre Multitouch-Screens ziert. CD-Brenner werden wütende Drohbotschaften in den Scheiß löten, den sie vervielfältigen sollen. Fernbedienungen werden sich selbst in die Luft sprengen, sobald jemand die Tasten gewisser Privatsender betätigt. Und wenn das nächste Mal auch nur eine Haarsträhne von Sarah Connor zu sehen ist, implodieren die Fernseher gleich mit. Spielkonsolen werden sich mit einem Bersten zum Fall für den Staubsauger machen. Navigationsgeräte werden uns mit Karacho in tiefe Schluchten manövrierern, zur Strafe dafür, dass wir zu blöd sind, auf ihre Befehle auch nur einmal rechtzeitig zu reagieren. Und irgendwann machen dann auch die großen Brüder aus der Abteilung Küche und Haushalt mit: Mikrowellen werden bei der nächsten Roulade aus dem Erascorant explodieren. Kaffeevollautomaten werden uns unseren Nespresso in die Fresse spucken, Waschmaschinen werden überschäumen vor Wut … was auch immer. Jeder Fahrkartenautomat ein potenzieller Selbstmordattentäter, ICEs werden entgleisen, Flugzeuge kollidieren. Und wir werden uns fragen, was wir falsch gemacht haben, wenn die Geräte auf den Intensivstationen plötzlich höhnend Computerspiele spielen.

Es wird nicht sein wie in Matrix. Es wird noch viel, viel schlimmer. Wir werden davon träumen, ahnungslos in irgendeiner Nährflüssigkeit vor uns hin blubbern zu dürfen, während eine künstliche Intelligenz die Macht über uns übernimmt. Die Maschinenwelt wird alles vernichten, was an der Welt schlecht ist – J-Pop und Deutschrock, Castingshows und Diddlmaus, Dreistigkeit, Dummheit, und Fertigsaucenhersteller gleich mit. Mein Laptop läuft jetzt schon heiß und fängt an, verdächtig zu vibrieren.

Harriet Köhler

Die Schriftstellerin Harriet Köhler hat gerade ihren Roman „Und dann diese Stille“ bei Kiepenheuer & Witsch veröffentlicht. Bekannt wurde sie mit ihrem Debüt-Werk „Ostersonntag“.

In der nächsten Ausgabe schreibt an dieser Stelle Ariadne von Schirach.