Aus dem großen Prince-Special – alle Alben im Überblick

1996: CHAOS & DISORDER (Warner)

★★★★

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Ein Titel als Motto: CHAOS & DISORDER wünscht Prince wahrscheinlich seiner ungeliebten Plattenfirma mit diesem weiteren Vertragserfüllungswerk an den Hals. Aber das hier ist nicht Lou Reeds METAL MACHINE MUSIC, sondern ein straight rockendes Album mit dem Flair einer unbehandelten Studiosession. Die Gitarre klingt nicht nach Brian May, sondern nach Jimi Hendrix, Mängel im Songwriting (Ausnahmen: „I Like lt There“, „Dinner With Delores“) werden durch eine gewaltige Spielfreude wett gemacht. (ko)

1996: EMANCIPATION (EMI)

★★ 1/2

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Prince hat den Vertrag mit Warner Brothers endlich erfüllt und feiert seinen Neuanfang mit einer Dreistunden-/Drei-CD-Box. Der Schönheitsfehler: Der Emanzipation folgt leider keine flächendeckende Erneuerung oder wenigstens Auffrischung, wie sie sich zum Beispiel im elektronischen „The Human Body“ andeutet. Besonders die schwülstige zweite CD, als Widmung an seine damalige Frau Mayte Garcia zu verstehen, ist eher für den Privatgebrauch des Musikers geeignet. Der Ehrgeiz des Prinzen kann nicht überdecken, dass viele Songs im Vergleich zu früheren Tagen einfach kraftlos und selbstplagiatorisch daherkommen. (tw)

1998: NEWPOWER SOUL (BMG)

★★

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Reiner Etikettenschwindel. Auf dem Cover steht New Power Generation, aber der vertraute Anblick des Funk-Rock-Adeligen offenbart den wahren Komponisten. Titel wie „Mad Sex“, „l Like Funky Music“ oder „Freaks On This Side“ sind vielversprechend, erweisen sich bei näherem Hinhören aber leider als ungefährlich. Fast hat man das Gefühl, Prince wolle seinem immer noch treu ausharrenden Publikum eine Sammlung mit verworfenen B-Seiten oder drittklassigen Session-Outtakes unterjubeln. (tw)

1999: THE VAULT … OLD FRIENDS 4 SALE (Warner)

★★★★ 1/2

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Prince ist raus aus dem Vertrag mit Warner, muss aber ein Album mit unveröffentlichten Songs liefern. Hier ist es. THE VAULT … OLD FRIENDS 4 SALE ist eine bläsergetriebene R’n’B-Funk-Blues-No-Bullshit-Platte, die trotz des großen Zeitraums, in dem die Songs entstanden sein sollen — laut Booklet zwischen Januar 1985 und Juni 1994 — einen homogeneren Eindruck hinterlässt als manche „reguläre“ aus den 90er-Jahren. (ko)

1999: RAVE UN2 THE JOY FANTASTIC (BMG)

★★★★

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Majestätsbeleidigung: Clive Davis, Chef von Arista Records, hat kein Vertrauen in die Alleinherrschaft des Prinzen und überzeugt diesen von der Notwendigkeit einer renommierten Hofgarde. Hier gastieren die Rapper Chuck D und Eve sowie Gwen Stefani und Ani DiFranco. Mit Sheryl Crow feiert Prince so fanatisch wie früher mit Sheila E, außerdem covert er ihr „Everyday Is A Winding Road“. Die Platte wird gerne verkannt. Einmal versucht sich Prince mit Erfolg an der Mischung aus jazzigen Breakbeats und Streichern. (tw)

1998: CRYSTAL BALL (NPG)

★★★★

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Nein, CRYSTAL BALL ist nicht das verschollene Dreifach-Album, aus dem schließlich SIGN O’ THE TIMES wurde‚ sondern eine Outtakes-Sammlung auf drei (für Fanclubmitglieder vier) CDs. Die Box (in runder, durchsichtiger Plastikschachtel) gibt eine Ahnung davon, welche Schätze im Prince-Archiv versteckt sind. Hier hat es eine Menge verschollener Hits wie das seltsame „Crystal Ball“, „Acknowledge Me“ und „Interactive“. Die Bonus- CD THE TRUTH: ein bluesgeschwängertes Akustikalbum. (ko)

2001: THE RAINBOW CHILDREN (NPG)

★★★★ 1/2

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Jazz not Jazz. Im Titelsong hallt sie wider, die Musik der großen Vorbilder, denen Prince (mit diesem Album heißt er wieder so) neuerdings wieder öffentlich Respekt bekundet: Miles Davis, Cannonball Adderley, Sly Stone, Herbie Hancock. Das fantastische Titelstück mit seinen freien Passagen, den Wendungen und Verschlingungen ist dem Prince-Fan, der nach Hits verlangt, eigentlich nicht zuzumuten. Der Rest des Albums: Soul’n’-Funk mit Psychedelik-Sperenzchen von einer tight spielenden und disziplinierten Band. Einziger Wermutstropfen: Die Vocoderstimme nervt. (ko)

2002: ONE NITE ALONE (NPG)

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Ein Album, das „Solo Piano And Voice By Prince“ verspricht? Könnte funktionieren. Oder auch nicht. Zwischen gelungenen, weil intimen Lesungen (z.B. „Avalanche“) gibt es immer wieder aufgesetzte vokale Manierismen, die im krassen Gegensatz zur ambienten Verhuschtheit stehen, die Prince mit seinem Piano erreichen will. Schön: das Joni-Mitchell-Cover „A Case Of U“. Ansonsten: maximales Kitschergebnis mit minimalem Aufwand. Das ist auch eine Kunst. (ko)

2002: ONE NITE ALONE LIVE! (NPG/MP Media)

★★★★

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Ein Dokument der damaligen Welttour, aber auch der künstlerischen Zerrissenheit auf drei CDs (plus die Piano-CD als Bonus). Prince gefällt sich in ausladenden Jams wie „The Rainbow Children“. Die Versionen seiner Hits dagegen wirken wahlweise halbherzig („Raspberry Beret“) oder selbstparodistisch („Nothing Compares 2 U“). Zum ersten Mal offiziell auf CD: Aufnahmen von den legendären Aftershow-Gigs mit ausgedehnten, bluesigen Jams über alte Prince-Hits. (ko)

2003: N.E.W.S. (NPG/MP Media)

★★★

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Vier Instrumentalstücke á 14 Minuten, zwei gut, zwei schlecht. Schmal ist der Grat, der schweißtreibenden jazzy Ethno- Funk von New-Age-Kitsch unterscheidet. Dass er weiß, wie es richtig geht, zeigt Prince mit „North“ und „East“. „West“ und „South“ gehen dagegen gar nicht. Zu viel Kenny-G.-Saxofone und Queen-Gitarren. Zwei sehr gute, zwei schlechte Tracks, macht: halbe Punktzahl. (ko)

2004: MUSICOLOGY (Sony Music)

★★★ 1/2

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Nach dem Qualitätsverfall in den zehn vorhergehenden Jahren bietet dieses Album immerhin Anlass zur Erleichterung. Prince wirkt endlich wieder konzentriert und dem Erfolg gegenüber nicht abgeneigt. Einiges erinnert an seine Glanzphase in den 80ern, „Cinnamon Girl“ klingt stark nach „Little Red Corvette“. Neben viel Nachschub für die Funk-Fete überzeugt vor allem „Dear Mr. Man“ mit der Botschaft Curtis Mayfields und dem Sound D’Angelos. (tw)

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