Boy George


Er oder Sie?? Sein Geschlecht gab Anlaß zu wilden Spekulationen. Darüber vergaß man zeitweise, daß Paradiesvogel Boy George eigentlich ein Sänger ist. Und ein guter obendrein. Im großen ME/Sounds - Interview sprach er daher nicht nur über Bisexualität, sondern auch über Culture Club, "Schmuse-Reggae", Erfolg und Medienrummel.

ME/Sounds: Warum die Hektik?

Boy George: „Versteh‘ mich nicht falsch, ich bin kein schwieriger Mensch, ganz und gar nicht, aber die Arbeit, diese Aufnahmen, muß nun einmal getan werden. Alles was ich dir erzähle, werde ich mit vollkommener Aufrichtigkeit tun. Ich werde nicht versuchen, um den heißen Brei herumzureden.

Die Situation ist für mich im Augenblick nur sehr schwierig. Denn wenn du erfolgreich bist – besonders in England, in Europa und an anderen Plätzen, ist es nicht so wichtig – aber in England – ist es sehr wichtig, daß du nicht andauernd in irgendeinem Magazin erscheinst. Dann wirst du zu einer Sache, die niemand mehr will. Leute interessieren sich nicht mehr für dich. Das passiert, wenn du eine Über-Ausbeutung deines Gesichtes und allem, was mit dir zu tun hat, zuläßt. Da muß immer etwas sein, was die Leute eben nicht über dich wissen.“

ME/Sounds: George, laß uns doch zuerst einmal über deinen persönlichen Background sprechen. Du bist irischer Abstammung. Wann ist deine Familie eigentlich nach England beziehungsweise London gekommen?

Boy George: „Ich selbst wurde nicht in Irland geboren, ich kam hier in England zur Welt. Meine Mutter kam hier herüber, als sie mit meinem ältesten Bruder schwanger ging. Er war ein uneheliches Kind, nicht von meinem Vater, sondern von einem anderen Mann. Sie kam nach London, weil es eine schreckliche, schreckliche Sünde war in jenen Tagen, ein Kind ohne einen Vater zu haben.“

ME/Sounds: Zumal in Irland.

Boy George: „Ja, in Irland ganz besonders, weil das ein katholisches Land ist. Meine Mutter kam hierher, weil sie ja praktisch aus ihrer Heimat verbannt worden war. In London angekommen hat sie dann einen Job als Barmädchen angenommen. Dann bekam sie das Kind, traf meinen Vater und die beiden verliebten sich ineinander.

Meine Eltern sind sehr liberale Leute, sind es immer gewesen. Und ich finde, wie sich mein Vater damals gegenüber meiner Mutter verhalten hat, ist ein Beweis dafür, was für ein liberaler Mann er ist. Wie ich schon sagte, war so etwas damals noch ein Riesenskandal. Mein Vater sagte ihr: .Weißt du, ich liebe dich, dann werde ich auch das Kind lieben. Das wird nun unser Kind sein.‘ Ich habe das bis vor einem Jahr überhaupt nicht gewußt, also auch für mich ist das noch ziemlich neu. Meine Mutter erzählte es mir und ich sagte;, Was soll’s?‘ Ich weiß nicht, was für eine Reaktion sie von mir erwartet hat, aber ich war nicht schockiert, ich war nicht überrascht.

Das ist also mehr oder weniger die Geschichte, warum wir hier in England leben. Ich bin das dritte Kind von insgesamt sechs, ich habe zwei ältere und zwei jüngere Brüder sowie eine Schwester.

Mein Vater ist ein sehr strenger Mann. Und so hatten wir, als wir noch sehr jung waren, eine halb-katholische Erziehung. Aber meine Eltern nahmen’s damit nicht so genau. Meine Eltern haben ungefähr dieselbe Meinung über Religion wie ich. Ich glaube, wenn du religiös werden willst, dann gibt es immer Wege, deine Religiosität zu beweisen. Ich glaube nur nicht, daß es ein Beweis ist, wenn du einen Rosenkranz trägst…“

ME/Sounds: Oder jeden Sonntag zur Messe zu gehen und eine Münze in den Klingelbeutel zu werfen.

Boy George: „Ach,ich glaube schon, du mußt irgend jemandem etwas Gutes tun.“

ME/Sounds: Aber deine Eltern waren nicht religiös auf eine unorthodoxe Weise 7 Boy George: „Sie glauben wirklich an Gott und all das. Eine typische katholische Familie. Meine Eltern glauben wirklich daran, und wir haben auch schon Auseinandersetzungen gehabt. Ich vermute, daß ich an einen Geist oder irgend etwas in der Art glaube, aber nicht an Gott. Ich glaube nicht, daß Gott eine Person ist, weil ich nicht glaube, daß irgendeine Person in der Lage ist, eine gute Situation zu schaffen, in der man leben kann, ganz gleich, ob diese Person nun ein Politiker ist oder Jesus Christus. Ich glaube nicht, daß irgendeiner diese Kraft hat.“

ME/Sounds: Es ist sehr naiv, an einen persönlichen Gott zu glauben.

Boy George: „Ich finde das auch naiv, aber… aber meine Eltern sind sehr liebevolle, herzliche Menschen. Sie tun niemandem etwas zuleide. Sie machen keine große Sache aus ihrem Glauben. Ich finde es wirklich nicht wert, ein Urteil über sie abzugeben. Das habe ich nicht nötig.

An meine Kindheit kann ich mich kaum erinnern. Es war eine ganz normale Kindheit. Ich hatte eine ganz reguläre Erziehung. Ich ging zur Schule…“

ME/Sounds: Du bist eine ziemlich exzentrische Persönlichkeit, und das hat gar nichts An ihrem Anfang, am Marble Aich gegenüber der Hyde Park Corner, ist die Edgware Road noch prospenerend, teuer und touristisch, aber schon ein paar hundert Meter weiter nördlich unterscheidet sie sich in ihrer schmuddeligen Armseligkeit kein bißchen von den meisten anderen der Londoner High Streets, Rechts und links von ihr breiten sich Sozial-Slums aus, in den 50er und 60er Jahren von der Stadtverwaltung hastig hochgezogene Wohnblocks, deren Fassaden fleckig geworden sind und in deren Vorgärten und Treppenhäusern Abfall rottet. Eine Gruppe von Jugendlichen schnüffelt aus Plastiktüten die Dämpfe von erhitztem Klebstoff.

Es ist sechs Uhr Nachmittag. Noch ist viel los m der Church Street, die Marktleute verpacken gerade ihre Waren, Müllcontamer werden hierhin und dorthin geschoben, aber dennoch ist in all diesem Trubel das Red Bus Studio, in dem Culture Club gerade ihr neues Album aufnehmen, nicht zu verfehlen. Eine ganze Traube von Mädchen drängt sich vor der Eingangstür, bunte Klamotten, gedreadlocktes Haar: Boy George kann nicht fern sein.

Er erscheint auch pünktlich, wie üblich mit der Kopfbedeckung orthodoxer Juden auf den schwarzen Locken und einer dunklen Toga um die Schultern, erklärt aber gleich, er habe wenig Zeit, 30 Minuten allenfalls. Das sei zu kurz, erwidere ich. George sieht das ein. Dann werde er eben das Interview nach Ende der Aufnahmen, um 9 Uhr, fortsetzen.

damit zu tun, daß du jetzt ein Popstar bist. Hat sich diese Exzentnk bei dir schon als Kind gezeigt?

Boy George: „Ich war ein abscheuliches Kind, sehr, sehr geradeheraus. Ich habe nie ein Blatt vor den Mund genommen und habe eine ganze Menge dafür einstecken müssen. Ich wurde ziemlich oft verprügelt. Für mein loses Mundwerk. Ich hab‘ Sachen gesagt, die ich besser nicht hätte sagen sollen.“

ME/Sounds: Zum Beispiel?

Boy George: „Ich war ein vorlautes Kind, und als ich elf Jahre alt war, begann ich mich wirklich riesig für Musik zu interessieren. Glam-Rock, Marc Bolah und solche Sachen, The Sweet. Zu der Zeit hab‘ ich dann auch ein bißchen angefangen, mir verrückte Sachen anzuziehen, bestickte Jacken und so weiter. Außerdem trug ich das Haar sehr lang. Ich war sehr reif für mein Alter, vor allem vielleicht, weil ich mit Leuten befreundet war, die älter waren als ich.

Ich fing an, in Nightclubs zu gehen, als ich 14 war. Wir lebten damals auf einem Hügel, unser Haus grenzte an einen Wald. Auf der anderen Seite des Waldes lebte meine Freundin Laura. Ich war oft im Haus meiner Freundin, und freitags habe ich meistens meine Eltern angerufen und ihnen erzählt: ,Oh, es ist so unheimlich neblig.‘ Oder: ,Es ist schon so dunkel, ich kann allem nicht mehr nach Hause kommen.‘ Ich wußte, daß meine Mutter sich nachts nicht mehr traute, durch den Wald zu gehen. Und mein Vater würde nie kommen, um mich aufzusammeln. Der hatte einen schweren Arbeitstag hinter sich und wollte nichts anderes mehr tun, als vor dem Fernseher zu sitzen. Die Folge war, daß sie mir sagten; ,Na dann bleib‘,wo du bist.‘ Dabei haßten es meine Eltern, wenn ich über Nacht fortblieb. Aber ich bin mit meinen Freunden dann in die Stadt gefahren, in Nightclubs, das Global Village und so weiter. Ich putzte mich immer heraus, und mit der Zeit fand ich immer mehr Gefallen daran.

Je älter ich wurde, desto ernster nahm ich mein Äußeres. Ich bin nicht, wie die meisten Leute, aus dieser Phase herausgewachsen, denn ich finde es unheimlich stimulierend für mich. Ich fühle mich viel glücklicher deswegen.“

ME/Sounds: Wenn ich mich recht erinnere, hast du mit 14 dann ziemlich große Schwierigkeiten auf der Schule gehabt. Man hat dich schließlich zum Psychologen geschickt. Was lief ab?

Boy George: „Da war ich 14 und hatte beschlossen, nicht mehr weiter zu lernen. Ich wußte ganz genau, was ich wollte, aber ich wollte keinen Job. Ich hatte nicht den Wunsch, Karriere zu machen oder irgend etwas in der Art.

Ich wollte einfach raus. Ich war unverschämt und sehr aufsässig in der Schule. Ich tat nie das, was ich tun sollte. Ich war frech. Oft ging ich einfach nicht hm, ich blieb zu Hause.

Das konnte natürlich nicht ewig so weitergehen, und als das Ende des Schuljahres näherrückte, mußte ich irgendeinen Beweis dafür liefern, daß ich etwas gearbeitet hatte. Das konnte ich nicht. Also war ich ständig patzig den Lehrern gegenüber, weil ich fühlte, daß das die einzige Möglichkeit war, von der Schule loszukommen, herausgeworfen zu werden.

Schließlich schickte- man mich dann zu diesem Psychologen, der seine Klasse oben auf dem Dach der Schule hatte. Das war wie ein Gewächshaus, schön grün, Bäume.

Wenn du in der Klasse warst, konntest du machen, was du wolltest. Du wurdest zu nichts gezwungen. Wenn du zum Beispiel Lust hattest zu zeichnen, dann zeichnetest du, das war in Ordnung. Das tat ich denn auch, aber dann ging mir auch das auf die Nerven, es machte mich verrückt. Ich fing an, Streit zu suchen. Schließlich marschierte ich einfach raus. Ich ging einfach. Ich haute ab.“

ME/Sounds: Was sagten deine Eltern dazu? Wie ging’s weiter?

Boy George: „Meine Mutter ging mit mir zurück zur Schule und machte eine Menge Geschrei. Aber schließlich akzeptierten meine Eltern, daß ich es nicht mehr tun konnte. Sie hätten für mich eine andere Schule finden sollen, aber das taten sie nicht. Also kam die ganze Sache, weil ich noch im schulpflichtigen Alter war, vor Gericht, und meine Eltern mußten 25 Pfund Strafe zahlen. Das war das Ende meiner Karriere als Schüler.“

ME/Sounds: Und dann ging’s auf Jobsuche 7 Boy George: „Ich fing an, in der King’s Road zu arbeiten. In verschiedenen Boutiquen, Second-Hand-Shops.“

ME/Sounds: Irgendwelche interessanten Leute?

Boy George: „Ich traf Bob Marley, für etwa zehn Minuten. Das war ziemlich aufregend. Marley war befreundet mit Roy, dem Typen, dem der Laden gehörte.

Im Grunde habe ich dort meinen Charakter weiterentwickelt, durch Reden, jede Form von Kommunikation. Das tat mir sehr gut, denn ich hatte vorher nie richtig mit Menschen zusammengearbeitet. Das ist so eine Sache mit der Schule; Sie bringen dir dort nicht bei, zu kommunizieren.

Mit 17 bin ich wieder abgehauen und rauf nach Birmingham gezogen. Ich hatte dort einige Freunde, mit denen ich zusammenleben wollte. Ich habe mein Zuhause nicht wegen meiner Eltern verlassen, sondern weil ich auf eigenen Beinen stehen wollte. Ich denke, daß mir das sehr gut getan tat“

ME/Sounds: Hast du irgendwas gearbeitet?

Boy George: „Nichts. Ich habe einfach gelebt, ging in Clubs, amüsierte mich.“

ME/Sounds: Wie amüsiert man sich in Birmingham 7 Ich hatte den Eindruck, daß die Stadt ziemlich trist ist.

Boy George: „Ich hatte eine großartige Zeit. Die Leute waren sehr nett zu mir, und ich verliebte mich einige Male. Kurz nach meinem 18. Geburtstag bin ich dann wieder zurück nach London und mußte mir Arbeit suchen.“

ME/Sounds: Das war die Zeit, wo du in der Hausbesetzer-Szene gelebt hast Boy George: „Ja. Als ich zurückkam, bin ich zusammen mit Jeremy, der jetzt bei Hayzi Fantayzee ist, aber den ich schon sehr lange kenne, in ein besetztes Haus in der Nähe der Tottenham Court Road gezogen.“

ME/Sounds: Zum Nulltarif im Stadtzentrum, das klingt nicht schlecht Boy George: „Es war sehr gut. Elektrizität und heißes Wasser frei. Das war reiner Luxus. Aber nach einiger Zeit machte ich mir Sorgen um meine Kleider, meinen Plattenspieler und die anderen Sachen, die ich besaß, weil dort unheimlich viel geklaut wurde. Also nahm ich mir zusammen mit .einem Mädchen namens’Jean eine Wohnung in Goodge Street.

Jean arbeitete bei der Royal Shakespeare Company (RSC).und sie verschaffte mir dort einen Job. Ich besorgte Kostüme und arbeitete als Maskenbildner. Es war fürchterlich langweilig und machte mir überhaupt keinen Spaß. Ich legte mir lieber selber Make-up auf I als anderen Leuten. Unter anderem mußte ich für die RSC auch Kleider organisieren, und zwar möglichst umsonst.

Dabei lernte ich Peter Small kennen, der eine punky Bouticfue betrieb. Er mochte mich auf Anhieb, weil ihm mein vorlautes Mundwerk gefiel, und als ich ihn danach fragte, gab er mir einen Job als Schaufenster-Dekorateur. Dafür bekam ich 15 Pfund (ca. 60 Mark) am Tag. Ihm gefiel, wie ich mich kleidete. Und zu der Zeit zog ich mich wirklich verrückt an.“

ME/Sounds: Wir sprechen nun von einer Zeit, da in London eine ganz neue Scene entstand, aus der Modeschöpfer, Designer, Multimedia-Leute, Musiker kamen, die die britische Pop-Szene, für eine Zeitlang zumindest, nachhaltig beeinflußten, Gruppen wie Visage, beispielsweise, und Spandau Ballet. Du warst Teil dieser Szene…

Boy George: „Nein, war ich nicht. Ich war immer sehr selbstsüchtig, unabhängig. Ich bin daran nicht interessiert. Ich gehe überhaupt nicht mehr in Clubs.“

ME/Sounds: Komm, du warst doch damals ein fester Bestandteil der Londoner Clubszene.

Boy George: „Das war ich. Aber meines Wissens gibt es Leute, die sich herausputzen, weil sie sich herausputzen wollen; und dann gibt es Leute, die sich herausputzen, weil sie gesehen werden wollen. Ich habe mich immer yerrückt angezogen, ganz gleich,ob ich nun in einen Club ging oder nicht.

Ich habe mich zu jeder Zeit toll angezogen, und das tue ich immer noch. Ich tat es, als ich bei meinen Eltern lebte, ich tue es, wenn ich einkaufen gehe. Zu der Zeit, von der wir sprechen, habe ‚ch es mehr getan als jeder andere. Ich war viel ausgestiegener als die anderen.

Ich war damals sehr interessiert, Kleider zu entwerfen, und als Peter Small mich fragte, ob ich nicht meinen eigenen Laden haben möchte, sagte ich sofort: ,Na klar, das ist toll.‘ Ich tat mich mit einer Modeschöpfenn, Sue Klaus, zusammen, und damit fing mehr oder weniger der Culture Club Look an. Wir hatten großartige Ideen, und Sue arbeitete wirklich hart.“

MEJSounds: Fehlte nur noch die Musik. Also McLaren, Bow Wow Wow.

Boy George: „Mit Malcolm McLaren und Matthew Ashman freundete ich mich in unserem Laden, The Foundry, an. Matthew wollte, daß ich bei Bow Wow Wow mit einsteige, die zu der Zeit gerade herauskamen, ziemlich populär waren und trendy. Ich ging zu einer Probe mit ßow Wow Wow – und sie haßten mich. Bis auf den Gitarristen, der mochte mich.“

ME/Sounds: Hast du irgendeine Ahnung, warum du Bow Wow Wow so bitter aufgestossen bist 7 Boy George: „Die Stimme war’s nicht. Sie mochten mich einfach nicht. Ich war ihnen zu exzentrisch, besonders für Dave Barbarosa und diesen anderen Typen, Lee Gorman.

Nach der Probe war die Sache für mich gestorben, aber nach ein paar Wochen riefen sie mich an und fragten, ob ich nicht zusammen mit ihnen im Rainbow singen wollte. Na klar wollte ich singen.

Ich war gerade dabei, meine eigene Band aufzubauen, hatte aber bis dahin noch nicht, Jon (Moss),sondern lediglich Mikey (Bassist Michael Craig) kennengelernt.

Ich ging also hin und sang im Rainbow mit Bow Wow Wow eine Rock-’n‘-Roll-Nummer. Das war mein Debüt als Sänger, vor 3000 Leuten. Ich habe mit ihnen noch einmal in Manchester gespielt, aber das war’s dann, es klappte einfach nicht. Sie mochten mich nicht, und ich konnte sie nicht ausstehen.

Ich suchte dann für meine eigene Band nach einem Schlagzeuger. Ein Bekannter erzählte mir von Jon Moss, sagte aber gleich, der würde wohl nicht zu mir passen, weil der bisher hauptsächlich in Punkbands gespielt hat. Ich dachte mir:, Was soll’s? Probier‘ ich’s halt.‘ Dann traf ich Jon und verstand mich auf Anhieb unwahrscheinlich gut mit ihm. Und das war’s. Die Basis von Culture Club ist wirklich meine Beziehung mit Jon, die Tatsache, daß ich ihn sofort unheimlich mochte.

Ich mochte auch Mikey, aber der hatte keinen so richtigen Drive Jon dagegen war sehr entschlossen. Er war schon in so vielen Bands gewesen, daß er jetzt wirklich den Erfolg wollte. Ich denke, das war das richtige Rezept. Alles was wir jetzt noch brauchten, war Roy (Hay, Gitarrist) – und der Culture Club war fertig. Wir haben eine Unmenge zusammen gelernt. Wie man sieht, läuft es jetzt sehr gut.“

ME/Sounds: Ja, dann kam der Erfolg, der Medienrummel und all das. Daß du soviel Aufmerksamkeit erregt hast, hat ja nicht nur was mit deiner Stimme zu tun, sondern mit deinem Aussehen, so wie du dich kleidest. Hast du deswegen jemals, so im alltäglichen Leben, Schwierigkeiten gehabt?

Boy George: „Nein. Weil ich so großmäulig war, hatten die Leute, glaube ich, vor mir Angst. Eine Zeitlang habe ich Stilettos getragen, wirklich feminin. Aber ich war kein Transvestit, ich bin niemals einer gewesen. Ich wünsche mir nicht, eine Frau zu sein, in keiner Beziehung. Ich fühle mich ganz glücklich als Mann und finde es viel aufregender.“

ME/Sounds: Das ist vermutlich das Irritierende an dir Sieht man ein Bild von dir, dann denkt man sich: Ah ja, ein Transvestit Trifft man dich persönlich, erscheint einem dieser Gedanke völlig absurd.

Boy George: „Mich interessiert es nicht, was andere, Leute von mir halten. Mich interessiert lediglich, wie gut ich als Sänger bin, aber nicht was Leute über meine Kleidung denken. Denn ich bin ein Sänger und damit hat sich’s. Unser nächstes Album wird zeigen, daß wir auch ganz anders spielen können.“

ME/Sounds: Die neue Single „Church Of The Poison Mmd“ mit ihrem Motown-Sound war ja schon ein bißchen anders.

Boy George: „Aber das neue Album wird sich noch mehr von unseren alten Sachen unterscheiden. Es ist viel erwachsener und wird, glaube ich, nicht so einen großen Markt haben.“

ME/Sounds: Was ihr bisher gemacht habt, spricht ja wohl hauptsächlich sehr, sehr junge Leute an.

Boy George: „Du meinst „Kissing To Be Clever“? „Do You Really Want To Hurt Me“ ist kein Lied nur für junge Leute. Das gilt für Menschen jeden Alters.“

ME/Sounds: Das gilt vielleicht für den Inhalt, was ich meine, ist die Verpackung, die Musik.

Boy George: „Nein. Ich glaube, unsere Musik ist sehr traditionell, die spricht jeden an.“

ME/Sounds: Ein Blick auf die Charts scheint dir recht zu geben. Was mich erstaunt hat, war euer Erfolg in den USA. Nicht eurer Musik wegen, sondern weil man nicht von vornherein erwarten konnte, daß die Amerikaner so leicht Verständnis für deinen exzentrischen Look aufbringen würden.

Boy George: „Musikalisch gesehen ist Amerika vermutlich der sicherste Markt für uns. Europa ist sehr pop-onentiert, dasselbe gilt für England In Amerika sieht man uns mit anderen Augen an, und darüber bin ich froh.

Und mein Aussehen‘ Was Journalisten über uns schreiben, berührt die normalen Leute überhaupt nicht. Wenn irgendeiner in der Zeitung liest, Boy George ist eine schwule Sau, dann glaubt er es vielleicht. Aber wenn sich jemand die Zeit nimmt und mir zuhört, dann wird er bald begreifen, daß ich das nicht bin. Es sind die Ansichten von Journalisten, die den Gedanken der Menschen immer wieder in die Quere kommen. Gewöhnliche Menschen kümmern sich einen feuchten Kehricht darum. Ich komme aus der Arbeiterklasse und spreche sehr gewöhnliche Menschen an, obwohl ich vielleicht wie eine sehr seltsame Substanz aussehe. Aber ich muß jetztwirklich hinunter ins Studio, wir sehen uns später.“

Um 9 Uhr abends blitzt vor dem Red-Bus-Haus das Blau eines Polizei-Blinklichts. Die immer noch ausharrenden Boy-George-Fans drücken sich verstört in eine Ecke -, und in der Studio-Lounge ist dem Quartett von Culture Club, das gerade beim Abendmahl sitzt, ein wenig der Appetit vergangen.

Folgendes war passiert: Ein paar Rabauken machten ihrem Unmut über Boy Georges

femininen Look dadurch Luft, indem sie ein paar Steine durchs Fenster des Studios schmissen. Sie hatten sich offensichtlich nicht die Mühe gemacht, Boy George zuzuhören; ich bezweifle allerdings, daß in diesem Fall Journalisten die geistigen Urheber der Tat waren. Zumindest in der britischen Presse ist der Boy nicht als „schwule Sau“ denunziert worden.

Doch von diesem Vorfall abgesehen ist Mr. O 1 Dowd bester Laune. Er hat gerade einen schwierigen Gesangspart mit Erfolg aufgenommen, es wird die „neue Single sein, ein wirklich schwieriger Song, eine Art Rockballade, sehr erwachsen“.

Im Fernsehen lauft ein Programm über die amerikanische Musikszene. „Vielleicht ist etwas über uns drin“, meint George, aber statt Culture Club gibt’s U 2, deren Sänger Bono George gut findet, und Divine, ein wirklicher Transvestit, den George nicht mag. „Ich bin einfach zu puritanisch“, sagt er und fragt, ob ich Rod Stewart heute im Radio gehört hätte. Der habe Culture Club als seine Lieblingsband bezeichnet.

Nein, antworte ich, das Programm hätte ich nicht mitbekommen, mich dafür aber mit Steve Winwood unterhalten, und der habe ihn – George – gleich zweimal einen „sehr guten Sänger“ genannt.

Boy George: „Weißt du noch, wo wir stehengeblieben sind?“

ME/Sounds: Wir sprachen über Amerika und…

Boy George: ….. deren Einstellung dort mir gegenüber? Nun, wie ich dir schon vorhin gesagt habe: Was wir machen, ist sehr traditionell Schau dir Leute an wie Liberace, oder sogar Mick Jagger, das waren, für ihre Zeit zumindest, sehr exzentrische Leute. Amerika war immer irgendwie sehr aufrecht und moralisch, aber ich bin auch sehr moralistisch.

Ich war mir schon bewußt, daß es in Amerika Grenzen gibt in bezug auf das, was man sagt. Aber wenn ich’s nicht auf die eine Art sagen kann, dann tu ich’s auf eine andere. Wenn sie mich bei Interviews in den USA fragten:,Hey George, bist du bisexuell?,dann habe ich geantwortet: Wenn ich Sex will, muß ich dafür zahlen. (Der Wortwitz kommt nur im Englischen herüber: George are you bisexual? When I want sex I have to buy it. -Red.) Oder wenn sie fragten: Schläfst du mit Jungs? dann sagte ich: Wenn ich Sex habe, dann schlafe ich nicht: ich versuche wach zu bleiben, sonst verpasse ich doch was. Ich finde es eigentlich fürchterlich, über Sex zu reden.“

ME/Sounds: Reste einer katholischen Erziehung 7 Boy George: „Nein, das hat überhaupt nichts damit zu tun. Ich finde nur, wenn du jemanden liebst, dann ist das etwas Wertvolles, etwas, das dir gehört, etwas ganz besonderes. Wenn man älter wird, lernt man das vielleicht mehr schätzen.

Solange du jung bist, mußt du eine Menge Sachen ausprobieren, ob sie nun den Versuch wert sind oder nicht. Du experimentierst. Eine Menge Leute machen das. Nur bin ich viel schneller erwachsen geworden als die meisten Kinder.

Wenn auf der Schule Jungs geprahlt haben; ‚Oh, ich hab die gebumst und den gefickt‘.dann habe ich mich nie daran beteiligt. So denke ich einfach nicht. Ich kann nicht finden, daß das relevant ist. Ich wollte niemals so sein wie solche Leute. Ich habe immer dagegen angekämpft, auch wenn es in manchen Situationen schwer war, sich da herauszuhalten.

Ich finde, man muß Menschen so behandeln, wie du selbst behandelt werden möchtest. Ich kann böse zu Leuten sein, aber ich bin nicht nachtragend. Wenn jemand mich eine Schwuchtel schimpft, dann regt mich ‚ das nicht weiter auf.

Auch auf der Schule hat mich das nie gestört Na ja, vielleicht für ein paar Monate. Aber dann dachte ich mir auf einmal: Warum eigentlich?’Warum rege ich mich eigentlich so auf? Das ist doch gar nicht so wichtig.‘ Ich habe dann Psychologie benutzt. Mit Worten kann man jemanden viel leichter zerstören als mit Fäusten. Ich habe das während meiner Schulzeit gelernt, weil ich körperlich nicht so stark war. Ich weiß, wie leicht es ist, Menschen zu verletzen, und deswegen möchte ich es nicht tun.

Es gibt nur wenige Menschen, denen ich vertraue, und nur sehr wenige, an denen mir etwas liegt, die ich liebe.“

ME/Sounds: Deine Fans zum Beispiel, jene, die tagaus, tagein vorder Tür stehen?

Boy George: „Mir liegt viel an meinen Fans. Ich kümmere mich um sie. Am liebsten würde ich selbst meinen eigenen Fan-Club leiten, aber ich verbringe auch so sehr viel Zeit damit. Ich möchte, daß diese Sachen ordentlich gemacht werden. Ich schreibe auch für unseren englischen Fan-Club meine eigene Zeitung, die ist sehr lustig und humorvoll. Ich möchte versuchen, daß das Verhältnis zwischen mir und den Fans liebevoll und herzlich bleibt.

Ich glaube, du bist, was du gibst, und du gibst, was du bekommst. Wenn du ein bestimmtes Maß an Zärtlichkeit gibst, dann wirst du es auch zurückbekommen.

Hier vor dem Studio sind täglich etwa SO Mädchen. Die sind hier, weil ich zu ihnen herauskomme und mit ihnen rede. Du magst finden, daß das idiotisch ist, aber ich finde es nicht. Es gibt nun mal bestimmte Sachen im Leben. Popstars zum Beispiel und Leute, die Popstars mögen.“

ME/Sounds: Nun gut, aber man muß Popstars ja nun nicht gerade anbeten, oder?

Boy George: „Deine Meinung hat was für sich, aber ich teile sie nicht.“

ME/Sounds: Hast du Popstars verehrt?

Boy George: „Aber ja. Ich verehrte Marc Bolan. Das habe ich jahrelang getan. Ich ging zu dem Haus, wo Marc Bolan gewohnt hat, und noch vor drei Jahren pilgerte ich zu der Stelle, wo er umgekommen ist. Es gibt so wenige Menschen, zu denen du eine Beziehung hast. Zu Marc Bolan hatte ich eine, ob du das nun blöd findest oder nicht.“