Brett Anderson: Interview und signiertes Album „Black Rainbows“ gewinnen

von

„Ich muss wirklich verrückt gewesen sein!“

Die Reunion-Tour von Suede ist vorbei. Doch statt den Fans als nächsten Schritt endlich ein vernünftiges, letztes Album seiner alten Band zu schenken, hat Brett Anderson ein weiteres Solo-Album aufgenommen – mit einer neuen Band! Der ME traf den 43-Jährigen zum Gespräch in Berlin.

Suede waren eine der einflussreichsten Bands der Neunziger – doch seit Morrisseys Interpretation von „My Insatiable One“ wurde keines ihrer Stücke von jemand Namhaftem gecovert. Auf ihrem neuen Album Snapshots spielt Kim Wilde den Suede-Klassiker „Beautiful Ones“ neu ein. Konnten Sie das nicht verhindern?

Nein, so lange die Lyrics unangetastet bleiben, kannst du nichts gegen eine Coverversion machen. Die Musik, die Melodie, die Akkordabfolgen – alles kann verändert werden. Aber wenn auch nur ein Wort ausgetauscht werden soll, dann musst du den Urheber um Erlaubnis fragen. Da Frau Wilde meinen Text 1:1 nachgesungen hat, konnte ich nichts dagegen unternehmen – hätte ich aber auch nicht wollen. Es ist immer ein Kompliment, gecovert zu werden. Ich werde jetzt natürlich nichts über den künstlerischen Mehrwert dieser Version sagen. Aber schmeichelhaft ist so was immer.

Lassen wir Ihre Vergangenheit für einen Moment hinter uns und reden über Ihr neues Album Black Rainbows. Nach seinen sehr spartanisch instrumentierten Vorgängern ist es ein Rockalbum geworden – eingespielt von einer Band. Allerdings nicht von Suede, wobei Sie sich mit diesen parallel zu den Aufnahmen auf Reunion-Tour befanden. Warum wollten Sie andere Mitmusiker für diese Platte?

Den Plan, wieder ein Band-Album aufzunehmen, hatte ich bereits 2009. Ich war auf einem Konzert von The Horrors – das war gar nicht mal sooo überwältigend, aber ich sah dort diese Band und dachte mir: Das will ich auch wieder, diese Energie, wie es sie nur in Bands gibt. Und ich wollte diesen Weg in die Obskurität, den ich mit meinen ersten Soloplatten eingeschlagen hatte, vorerst nicht weitergehen. Ich liebe diese Alben, aber sie waren bestimmt nicht für die Massen gemacht. Eines Tages hätte ich Konzerte vor nur noch drei Menschen gegeben. Ich wollte aber wieder auf die große Bühne zurück und dazu brauchst du einfach einen eingängigeren Sound und eine Band. Dann rief mich mein Manager an und fragte mich, ob Suede nicht auf dieser Benefizveranstaltung der Teenage-Cancer-Trust-Stiftung in London spielen wollten. Wir sagten sofort zu und die Reunion von Suede war in vollem Gange. Meine Mitmusiker für Black Rainbows, Schlagzeuger Seb Rochford, Bassist Leo Ross und meinen Produzenten Leo Abrahams, hatte ich zu dem Zeitpunkt aber schon gefunden. 

Das letzte Album von Suede, A New Morning, war ein derartig künstlerisches und kommerzielles Desaster, dass sich die Band kurz nach Veröffentlichung trennte. Waren Sie nicht versucht, Ihre neuen Songs für eine weitere Suede-Platte aufzuheben, die vielleicht ein besseres letztes Kapitel der Bandgeschichte darstellen könnte als A New Morning

Die meisten der Songs auf Black Rainbows sind in Zusammenarbeit mit meinem Produzenten Leo Abrahams entstanden und da Leo kein Teil von Suede ist und es auch nie sein könnte, war klar, dass ich die Songs nur für meine Platte verwenden konnte. Aber es stimmt schon: A New Morning ist unser schwächstes Werk, das Album repräsentiert uns nicht. Es sollte wirklich eine andere letzte Suede-Platte geben. Aber die muss dann eben so erstaunlich gut wie unser Frühwerk sein. Und so lange wir nicht ausreichend passende Ideen für so eine Platte haben, werden wir auch nicht ins Studio gehen.

Mussten Sie Ihrer neuen, Ihrer Parallelband, beibringen, nicht wie Suede zu klingen?

Nein, die wussten auch gar nicht viel über mich und meine Vergangenheit. Leo Abrahams beispielsweise hat schon mit den bizarrsten Leuten gearbeitet – von Brian Eno bis Jarvis Cocker. Dem musst du nichts mehr erzählen. 

Bei unserem letzten Gespräch – kurz vor der ersten Comeback-Show von Suede in Deutschland, in der Berliner Columbiahalle – antworteten Sie auf meine Frage, ob man als Band bei Soundchecks nicht automatisch ins Jammen gerate und daher vielleicht schon neue Suede-Songs am Entstehen seien, dass Sie noch nie gejammt hätten. Dass man bei Suede immer schon mit fertigen Songs angekommen sei. Black Rainbows ist auf Wunsch von Leo Abrahams aus Improvisationen und Jams entstanden. Wie gewöhnt man sich nach zwanzig Jahren an eine so neue Arbeitsweise? 

Ab und zu musst du eben über deinen Schatten springen. Natürlich war mir zunächst unwohl dabei und natürlich klang auch vieles am Anfang echt scheiße. Aber ich vertraue Leo und ich wusste, dass das Jammen trotz all meiner Skepsis eine gute Idee war. Ich brachte also einen Stapel CDs von Künstlern mit, die mich aktuell beeinflussten und in deren Richtung die Platte gehen sollte: Da waren Public Image Ltd. dabei, Iggy Pop, Interpol, Nico. Und dann versuchst du, in den Spirit dieser Musik zu kommen, selbstverständlich ohne sie zu kopieren. 15 Minuten später spielst du auf einmal etwas Interessantes und darauf baut sich dann der Song auf. Ich weiß nicht, ob ich diese Methode künftig beibehalten möchte, aber für diese Platte war sie genau richtig.

Auf dem Album klingen Sie so selbstsicher wie seit Jahren nicht mehr. Als sie Suede auflösten, sagten Sie, Sie hätten Ihre „Dämonen“ verloren und müssten Sie wiederfinden. Sind diese „Dämonen“ jetzt wieder da?

Ich glaube ja. Zumindest bin ich so glücklich wie vielleicht noch nie zuvor und ich spüre diese Energie wieder in mir, die absolut notwendig für mein Songwriting ist. Und ich mag meine Stimme momentan sehr gern, ich kann sie heute besser steuern als früher. Wenn ich mir heute die Suede-Sachen aus den frühen Neunzigern anhöre, denke ich mir schon: Mein Gott, das würde ich heute echt anders singen! Aber andererseits liegt in all unserer Unerfahrenheit von damals auch nach wie vor ein großer Reiz: dieses Ungestüme, dieses Unfertige. Ich würde nichts davon ändern wollen. Vielleicht gefällt mir heute ein Song wie „Stay Together“ nicht mehr so gut, dafür erkenne ich erst heute, wie großartig unsere B-Seite „To The Birds“ von 1992 war. Das gleicht sich alles aus. Ich bin im Reinen mit meiner Gegenwart und meiner Vergangenheit.

Es wird keine große Tour zu Ihrem neuen Album geben. Und die meisten der überschaubaren Dates finden in nicht unbedingt erwartungsgemäßen Ländern wie Luxemburg, Belgien und der Türkei statt. Warum lassen Sie die typischen Orte diesmal aus?

Es ist ein generelles, romantisches Missverständnis, dass man als Künstler auf eine Weltkarte schaut und sich aussucht, wo man spielen möchte. Man bekommt Angebote, prüft, ob diese sich finanziell lohnen würden und entscheidet dann. Ich würde an jedem Ort der Welt spielen, wenn ich dafür ausreichend bezahlt werde. Das muss man ganz nüchtern so sehen: Ich habe persönlich viel Geld in diese neue Platte gesteckt und jetzt will ich es zurückhaben. Und wenn mir das in der Türkei gelingt, dann gehe ich natürlich dorthin. Plattenverkäufe sind tot, da ist mit keinem Geld mehr zu rechnen. Ich würde wahnsinnig gern in Berlin spielen, in Berlin hatte ich zuletzt immer die besten Auftritte, aber das Angebot muss eben stimmen. Ich habe eine Familie zu ernähren. So einfach ist das.  

Als Sie Anfang der Neunziger mit Suede anfingen, gelobten Sie, nie Kompromisse einzugehen. Ist Ihnen das gelungen?

Ironischerweise verhält es sich so, dass du mehr mit Kompromissen konfrontiert wirst, je erfolgreicher du wirst. Der Erfolg korrumpiert dich, redet dir ein, dass du dein Level halten willst. Dass deine nächste Single genauso radiotauglich und erfolgreich wie die davor sein muss. Diese Mechanik lässt niemanden unberührt. Aber ich denke schon, dass ich immer sehr stur war und kaum Kompromisse eingegangen bin – wobei das oft auch dumm war. 

Zum Beispiel, als Sie 1994 gegen den Willen ihrer Plattenfirma „We Are The Pigs“ statt dem glatteren „New Generation“ als Leadsingle ihres Albums Dog Man Star veröffentlichten und die Single dann floppte?

Ich hätte heute in jedem Fall mehr Geld, wenn ich damals nicht so fest an meiner künstlerischen Vision festgehalten hätte. Rückblickend weiß ich nicht, ob das nicht einfach nur dämlich von mir war. Aber das war auch einfach die Zeit: 1994 hatte ich vor Erfolg und Drogen sicherlich zeitweise den Verstand verloren.

Wenn Sie gestatten – diese Vermutung hatte ich neulich auch: Ich fand in einem englischen Second-Hand-Plattenladen eine alte Schallfolie, die dem britischen „NME“ damals anlässlich der Veröffentlichung von Dog Man Star beilag. Auf dieser Flexidisc behaupten Sie allen Ernstes, dass das neue Album optimistisch und simpel gestrickt sei.

(lacht) Das habe ich gesagt? Mein Gott, ich muss wirklich verrückt gewesen sein! Dog Man Star ist vermutlich das düsterste, melancholischste und komplexeste Album, das ich je gehört habe – das ist ja wie The Wall. Das war aber auch eine schwere Phase für uns: Unser Gitarrist und Co-Songwriter Bernard Butler hatte gerade nach einer langen Zeit voller Streits und Verletzungen die Band verlassen und wir hatten da dieses schwere, verzweifelte Album zu promoten. Wir mussten uns eine Maske aufsetzen und eine heile Welt vorspielen, die längst zerstört war. Bitte legen Sie mich auf nichts fest, was ich in dieser Zeit von mir gegeben habe!

Wir verlosen zwei von Brett Anderson signierte Exemplare seines neuen Albums Black Rainbows. Einfach bis zum 14.10. Mail mit Name, Telefonnummer und Adresse schicken, Betreff: Beautiful One.


5 nützliche Musik-Apps für Android und iOS
Weiterlesen