Kritik

„Carmel: Wer hat Maria Marta umgebracht?“ auf Netflix: War es der Nachbar, die Mafia oder die Verwandtschaft?

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+++ Achtung, Spoiler! +++

Maria Marta wird am 27. Oktober 2002 von ihrem Ehemann tot in ihrer Badewanne aufgefunden. Der geht zunächst von einem Unfall aus, wie er behauptet. Maria soll ausgerutscht oder ohnmächtig geworden sein, und sich den Kopf an einer der Armaturen aufgeschlagen haben. Das ist die Version der Geschichte, die er Ersthelfer*innen und mittlerweile eingetroffenen Familienmitgliedern erzählt. Die beginnen daraufhin, ihr Blut zu beseitigen und verfrachten Marias Leiche auf ein Bett.

Ein gefundenes Stück Metall wird leichtsinnig die Toilette herunter gespült. Die Polizei wird zunächst nicht verständigt. Allerdings entkräftet eine gegen den Willen des Ehemannes durchgeführte Autopsie die Theorie eines Unfalltodes. Denn im Schädel der Toten findet der zuständige Gerichtsmediziner fünf Projektile einer Schusswaffe.

Wer war Maria Marta?

Warum wurde Maria Marta so brutal ermordet? Wie konnte der/die Mörder*in in ihr Haus eindringen? Mittlerweile ist die Boulevard-Presse auf den Fall aufmerksam geworden und der leidige Medien-Rummel, wie er bei Mordopfern aus der High Society keine Seltenheit ist, nimmt seinen Lauf.

Maria lebte in einer Gated-Community für reiche Argentinier*innen namens „Carmel“. In einem Ghetto für Menschen, die aufgrund ihres Vermögens Angst vor dem Rest der Gesellschaft haben. Sie sind beinahe wie Luxus-Gefängnisse aufgebaut, was bedeutet, dass an jeder Zufahrt zu ihrer Nachbarschaft am Tattag Wachpersonal positioniert war und jede Ankunft sowie Abfahrt dokumentiert wurde. Außerdem war das komplette Areal umzäunt und videoüberwacht.

Wer hatte welches Motiv?

Konnte es also nur einer ihrer Nachbar*innen gewesen sein? Schnell verdächtigt die Familie einen unbeliebten, zu Kriminalität neigenden Nachbarn, mit dem es zuvor bereits Probleme gab. Er hatte Marias Hund entführt, und versucht, Lösegeld zu erpressen.

Allerdings hat der zuständige Staatsanwalt eine andere Theorie: Maria war in mehreren Wohltätigkeitsorganisationen aktiv, die angeblich für das Waschen von mexikanischem Drogengeld genutzt wurden. Demnach soll sich ihre gesamte Verwandtschaft gegen sie verschworen haben, weil sie ihren Machenschaften innerhalb der Familienstiftung auf die Schliche gekommen war. Ihr Ehemann soll sie getötet haben, woraufhin der Rest der Familie den Tatort reinigte, um so die Tat zu verschleiern.

Für eine Beteiligung der Familie sprach auch das arglos weggespülte Metallstückchen, das sich als das sechste Projektil aus der Waffe der Täter*innen herausstellte. Es wurde einige Tage später im Abwassertank des Hauses gefunden. Auch das sehr schnelle und energische Drängen des Ehemannes auf eine Sterbeurkunde ohne Autopsie machte ihn verdächtig. Er versuchte die Urkunde kurz nach der Tat bei mehreren Bestattungsunternehmen unterschreiben zu lassen, was ihm nicht gelang. Für das Motiv der aufgedeckten Geldwäsche kann die Staatsanwaltschaft allerdings keine Beweise vorbringen.

Eine dritte Theorie, die des Ehemannes, besagt, dass sich Maria mächtige Feinde gemacht hatte, indem sie sich für die Aufklärung der „Missing Children“-Fälle in Argentinien einsetzte. Kinder wurden regelmäßig entführt und verschwanden, wogegen sich eine Organisation, der Maria angehörte, engagierte. Im Rahmen dieses Engagements gab sie Interviews und arbeitete mit Staatsanwält*innen und der Polizei zusammen. Allerdings werden keinerlei Spuren in diese Richtung gefunden oder verfolgt.

Keine neuen Erkenntnisse

Die Staatsanwaltschaft klagt Marias Ehemann wegen Mordes an seiner Frau an. Vor Gericht wird dieser allerdings von widersprüchlichen Zeug*innenaussagen, die den zeitlichen Ablauf des Tattages unterschiedlich schildern, sowohl be- als auch entlastet. Auch die DNA-Testergebnisse vom Tatort sowie forensische Beweise lassen unterschiedliche Schlüsse zu, weshalb er zunächst lediglich wegen Verschleierung einer Straftat und nicht wegen Mordes verurteilt wird.

Allerdings legt die Staatsanwaltschaft Revision gegen das Urteil ein und ein Richter verurteilt ihren Ehemann in einem zweiten Verfahren wegen Mordes. Durch neue kriminalistische Möglichkeiten und Untersuchungen wendet sich das Blatt für den verurteilten Mörder nach vielen Jahren allerdings wieder. Andere Optionen gewinnen an Bedeutung, doch neue Erkenntnisse liefert Netflix leider nicht.

Fazit: Die handwerklich gut gemachte True-Crime-Serie steht optisch und atmosphärisch auf Augenhöhe mit vergleichbaren Formaten, wobei der Spannungsbogen unter unnötigen Längen leidet. Die Faszination für die argentinische Upper Class mit ihren Gated Communities bedient eigentlich nur niedrige Sensationslust. Und nicht einmal die wird befriedigt, wenn man die beteiligten Akteur*innen, allen voran das Opfer Maria Marta, bereits seit Jahren aus Medien kennt. Wer nur seine Spanischkenntnisse auffrischen will, ist mit der Miniserie gut beraten. Alle anderen können beherzt weiterschalten.

Das Netflix-Original „Carmel: Wer hat Maria Marta umgebracht?“ ist seit 05. November 2020 bei Netflix verfügbar. Die Miniserie umfasst vier Folgen, die jeweils circa sechzig Minuten lang sind.

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