Kolumne

Julia Friese über CBK-Hype: Nichts begreifen, nur funktionieren

Haarreifen ausverkauft, Parfüm für 5.000 Euro – der CBK-Trend nach „Love Story“ zeigt, wie Reizüberflutung uns zu Konsummaschinen macht.

Drei Beobachtungen:

1. CBK

„Love Story“ ist eine Mini-Serie von Ryan Murphy und der Hype dieses Frühjahrs. Erzählt wird eine Version der Beziehungsgeschichte von Carolyn Bessette und John F. Kennedy Jr. unter besonderer Berücksichtigung des Umgangs mit Presse und Image: Sowohl die Kennedy-Familie als auch die bei Calvin Klein arbeitende Bessette arbeiten sich in der Serie vor allem an ihrer äußeren Darstellung ab – was dem Umstand geschuldet ist, dass die äußere Darstellung der einzige Inhalt ist, den man hier zu verstoffwechseln hatte.

Die eigentliche Lovestory, die den Zuschauenden erzählt wird, ist die zu den Neunzigern und zu jenem New York, wie man es aus „Seinfeld“ (1989–1998), „Harry & Sally“ (1989) und den ersten beiden Staffeln „Sex And The City“ (1998–1999) kennt: ein apolitisches, fiktives Sepia-New-York, getragen von Sportsocken, monochromen, sogenannten „zeitlosen“ Outfits an sehr schlanken Menschen, Asia-Nudeln aus weißen Boxen und Jogging zwischen diskursbestimmenden Zeitungskiosken.

Untermalt von Klängen, die zeitweilig als „KuschelRock“ verrufen waren: The Stone Roses „I Wanna Be Adored“ (1989), Mazzy Star „Fade Into You“ (1993), Madonna „Secret“ (1994). Es ist Musik wie aufsteigender Filterkaffeedampf über endloser Wendeltelefonschnur. Man schwelgt in dieser alten, allerbesten Illusion von westlichem, urbanem Leben, während Trump auf seiner eigenen Social-Media-Plattform postet, er wolle eine „ganze Zivilisation“, den Iran, noch „heute Nacht“ „ausrotten“.

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2. Ghost in the Shell

Carolyn Bessette Kennedy, kurz: CBK, wird zur sogenannten „Ghost Influencerin“. Ihr Stil wird in kaufempfehlende Links umgemünzt: Neunziger Sleekness. Eine klar begrenzte Farbpalette, schmale Silhouette. Kein Neon, keine Logos, keine Muster. Kleidung, die einer Person wirklich auch funktional als Bekleidung dient – nichts Nutzloses, rein Ornamentales. Leisestes Make-up. Kein Botox. Trocken geschüttelte Haare.

Der Haarreif, den CBK häufig trug, ist nun online ausverkauft. Ebenso das Coffee-Table-Buch „CBK. A Life in Fashion“ auf der Website des Fast-Fashion-Riesen Zara. In der ersten Folge von „Love Story“ wird das Parfüm-Öl erwähnt, das sie immer getragen haben soll: „Egyptian Musk Oil“. Es wird seit Jahren nicht mehr hergestellt, aber nun für rund 5.000 Dollar auf Ebay verkauft. Gekauft.

3. Äußerlicher Vollzug vs. innere Aneignung

Man müsste sich fragen, ob es CBKs Stil entspricht, abgelaufenes Parfüm-Öl zu kaufen – oder die Kleidungsstücke, die jemand in den Neunzigern in Manhattan trug, eins zu eins nachzubestellen, um sie dann in Kreuzberg oder Breckerfeld zu tragen. Hartmut Rosa schreibt in „Situation und Konstellation“ (Suhrkamp, 2026), dass wir zunehmend in Zusammenhängen agieren, in denen das innerliche Durchdringen einer Sache, um daraus eigenes Handeln abzuleiten, durch automatisiertes Vollziehen von Instruktionen ersetzt wird.

In vielen Arztpraxen kann man beispielsweise per Schnurtelefon niemanden mehr erreichen, sondern nur per Doctolib einen Termin buchen – und damit als Kassenpatient:in im Zweifel gar keinen Termin mehr bekommen. Die Maschine sagt: kein Kontingent. Aber kommen Sie doch gerne als Selbstzahler:in. Noch heute? Mit einer Sprechstundenhilfe hätte man sich am Telefon besprechen können – einen Termin nicht nur „buchen“, sondern wirklich „vereinbaren“. Man war einmal handlungsfähig, nun ist man einem vollautomatisierten, full-on-profit-orientierten System ausgeliefert. Mitunter sogar gerne. Stimmt doch, oder?

Rosa schreibt, der Bedarf daran liege am Überangebot von allem. Unser Spielraum sei durch unendliche Optionen nicht größer, sondern kleiner geworden. Wir sind so verwirrt, dass wir anfällig sind für klare Instruktionen: CBK, sag mir, welches Parfüm du vor dreißig Jahren getragen hast. Diese Reduktion deines Stils, diese Begrenzung – die gefällt mir so, CBK. Lass mich diese Begrenzung schnell kaufen. Auf Zara. Okay?

Die Kolumne erschien zuerst im ME 06/26.

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