Covervisionen


Raditude von Weezer fotografiert von Jason Neely

1: Der Hund

Der Coverstar von Raditude ist der dreijährige Mischling Sidney, der mit dem Bibliothekar und Hobbyfotografen Jason Neely, 34, und dessen Frau in Middletown, Connecticut lebt. Das offenbar recht lebensfrohe Tier entstammt dramatischen Verhältnissen: „Seine Mutter war ein Streuner und sollte eingeschläfert werden“, erzählt Jason Neely, „obwohl sie trächtig war. Aber ein paar Mädchen holten sie aus dem Tierheim.“ Die Neelys adoptierten einen der Welpen. Neely: „Sidneys Mutter war ein Labrador-Retriever-Mix, aber ich weiß nicht, was noch alles in ihm steckt. Auf jeden Fall etwas Muskulöses – er ist ein recht kräftiger, athletischer Hund. „

2: Die Action

„Sidney likes to fly“, sagt Neely über den Hund, den man in einer Bildgalerie auf Neelys flickr.com-Seite viel in der Luft hängen sieht. Der Raditude-Schnappschuss, den man spontan für einen Fotoshop-Gag halten könnte „da hatte ich auch erst Bedenken“, so Neely -, entstand, als die Neelys von einem Ausflug zurückkamen. „Wir hatten ein getrocknetes Schweineohr für Sidney gekauft er roch es und drehte vollkommen durch. Er kann sehr diszipliniert sein, aber wenn er aufgeregt ist, dreht er sich im Kreis, springt herum, fast wie so ein Mosh-Ding. Wir konnten nicht fassen, wie hoch er sprang, drum holte ich meine Kamera raus. Ich erwischte ein paar ganze witzige Bilder, nichts Besonderes. Aber dieser eine Schuss ragte heraus.“

Neely reichte das Bild beim Leser-Fotowettbewerb der Zeitschrift National Geographie ein und schaffte es in die Augustausgabe 2009 – über die dann die Band auf das Bild aufmerksam wurde. Hat Sidney eigentlich Schaden angerichtet beim Moshen im Wohnzimmer? „Nein, er ist kein destruktiver Hund. Rivers Cuomo hat ja gesagt, das Foto illustriere, wie er sich während eines Konzerts fühlt und ich denke, dass viel von Weezers Musik Sidneys Persönlichkeit sehr ähnlich ist. Lebendig, etwas durchgedreht – auf eine beherrschte Art und Weise.“

Dass Sidney Weezer-Fan ist, wie allenthalben kolportiert wird, will Neely nicht beschwören: „Ich weiß nicht, ob er explizit Weezer-Fan ist, aber er mag Rock. Ich hatte letztens Alice In Chains laufen, und er ging ziemlich ab.“

3: Der Contest

Nach gutem Abschneiden beim ehrwürdigen National Geographie, wo Authentizität _ alles ist, wird das Sidney-Foto jetzt durch die Samphng-Remix-Maschine des Web 2.0 gedreht: Nach der Enthüllung des Raditude-Artworks lief auf der Musik-Website spinner.com ein von Weezer angefeuerter und von Jason Neely amüsiert verfolgter Wettbewerb, bei dem User den springenden Hund per Photoshop in neue Umgebungen – etwa Parodien bekannter Plattencover – verpflanzten. Ein anderer Spitzenplatz dürfte Sidney sicher sein: Mit Raditude sollte er den hürdenspringenden Komondor-Hirtenhund auf Becks Odelay (1995) auf Platz zwei der craziesten Covertölen in rock verdrängt haben.

4: Der Titel

„Raditude“ – als Titel vorgeschlagen von dem Schauspieler Rainn Wilson (siehe S. 48) – ist ein so genanntes Portmanteau oder Kofferwort: ein Kunstwort, in dem zwei Begriffe zu einem neuen verschmelzen, z.B. Motel (Motor & Hotel), Smog (Smoke & Fog) und Teuro. Rad ist als Verkürzung von radical seit den 80ern ein in hipperen Kreisen beliebtes Slangwort für „großartig, toll“, quasi die verfeinerte Indie-Version des prolligen awesome und des beliebigen cool. Urban-Dictionary.com-User electric Jim erläutert: „‚rad‘ bedeutet ’sehr cool‘, aber auf subtile Art. Eines der höchsten Komplimente, die man machen kann. ‚Rad‘ sein ist wie ‚cool’sein, aber ohne, dass man sich drum bemühen muss.“ Wenn man diese radness nun als attitude begreift, kommt eben raditude dabei rum – was Weezer für sich zu beanspruchen scheinen.

5: Die Schrift

Die splitterige Type „Lower Westside“ wurde entworfen (oder zumindest revivalisiert und unter Copyright gestellt) von dem Schrift-Designer David Rakowski – im Hauptberuf klassischer Komponist und Extraordinarius für Komposition an der Brandeis University in Massachusetts – und ist als Gratis-Shareware erhältlich. Sie scheint sich speziell zu eignen, um elektrifizierende Coverbilder von Rockplatten mit dickhosigen Kofferwort-Titeln zu beschriften, unterstützte sie doch schon 1978 das hysterischüberdrehte Covermotiv von AC/DCs viertem Album Powerage. Ob das eine bewusst gesetzte Anspielung von Hardrock-Fan Rivers Cuomo ist, bleibt vorerst offen. In jedem Fall scheinen Angus Young und der moshende Sidney recht ähnliche Energielevel zu „fahren“.