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Nachruf

Der Mann, der zum Himmel stürzte

„Oh, I’ll be free / Just like a bluebird / Ain’t that just like me“, singt David Bowie in den letzten Zeilen von „Lazarus“, dem dritten Song auf seinem neuen – und wie wir jetzt schmerzlich realisieren müssen – letzten Album BLACKSTAR. Alles, was es spontan zu seinem Tod im Alter von 69 Jahren, bekannt gegeben auf seinem offiziellen Kanal auf Facebook um 7 Uhr 55 am Montagmorgen, zu sagen gibt, findet sich in diesem Songzyklus, der im Bewusstsein um den nahenden Tod entstanden sein muss. Und der in der Tat gerade einmal drei Tage vor dem Ableben des wichtigsten Künstlers der Siebzigerjahre veröffentlicht wurde, am 8. Januar, dem 69. Geburtstag Bowies.

Wie muss es sich angefühlt haben, bei den Aufnahmen dabei gewesen zu sein? Wussten die Musiker, wusste sein genialer Produzent Tony Visconti, wie es um Bowie stand? (Ja, wusste er). Wusste er es selbst? Welche Stimmung herrschte, als er Zeilen sang wie „Somebody happened on the day he died / Spirit rose a metre and stepped aside / Somebody else took his place, and bravely cried“ oder „I’m in heaven / I’ve got scars that can’t be seen“? Näher war Bowie nie dran an Scott Walker, dem anderen großen Unangepassten der britischen Popmusik, der sich irgendwann der Öffentlichkeit und Berühmtheit entzog, um nur noch die Musik zu machen, die in ihm drin ist, die raus muss. Es ist sein Vermächtnis. BLACKSTAR ist Lied für Lied, Ton für Ton, Stimmung für Stimmung, das Album, das er machen wollte. Die Sammlung, mit der er Abschied nimmt. Teilweise klingt es, als wäre er gar nicht mehr richtig da, als würde er uns schon verlassen und winken und weinen und ein schwarzer Stern werden. Der Mann, der zum Himmel stürzte. Und das ist auch irgendwie tröstlich und schön und wunderbar.

David Bowie ist tot.

Kooperation

Da fehlen einem erst einmal die Worte. Dann fallen einem Lieder ein, Bilder, Platten, Geschichten, die man mit ihm verbindet. Man denkt daran, was einem Bowie bedeutet, der einen sein ganzes Leben lang begleitet hat und der einem immer so nah zu stehen schien, obwohl man ihn natürlich nicht kannte und es natürlich auch gar nicht möglich wäre, weil Bowie auch gar nicht gekannt werden wollte: Wenn man glaubte, seiner habhaft zu sein, war er schon wieder ganz woanders. Man könnte die Ecksteine seiner Karriere abklappern. Dandy in den Sixties. Novelty-Star mit „Space Oddity“. Und dann nur noch Superstar, Erneuerer, Chamäleon, Träger von Masken, Erfinder von Identitäten. Unberührbar. Unerreichbar. Ziggy Stardust. Thin White Duke. Dann sind wir Helden. Glam-Rock, Black Music, Maschinenmusik, Tanzmusik. „Starman“, „Young Americans“, „Sound And Vision“, „China Girl“. Ein unvergleichlicher Run, der 1971 mit HUNKY DORY beginnt und bis LET’S DANCE anhält. Und dann ab Mitte der Achtziger langsam etwas, was man nicht als Abstieg bezeichnen möchte, sondern ein Entziehen, ein sich Entwinden, ein Abschied auf Raten, immer wieder unterbrochen von lichten musikalischen Momenten, bis Bowie irgendwann zu Beginn des neuen Jahrtausends, das nicht das seine ist, nicht mehr da ist. Und schmerzlich vermisst wird. Bis er sich 2013 ohne Ankündigung zurückmeldete mit dem wunderbaren Album THE NEXT DAY, als hätte er zehn Jahre gebraucht, um wieder ganz oben auf der Welle reiten und den Ton angeben zu können.

Das künstlerische Leben von David Bowie war geprägt von Abschieden

Es schießen einem Anekdoten und Petitessen durch den Kopf, die unweigerlich mit Bowie verbunden sind. Ich muss spontan an die Geschichte denken, wie Bowie Mitte der Siebziger in die USA geht, um schwarze Musik zu machen und dann verblüfft feststellen muss, dass viele der Studiomusiker in Philadelphia weiß waren. Oder an die Produktion von RAW POWER von Iggy & The Stooges, als es Bowie völlig entseelt auf Koks für eine gute Idee hält, alle Bässe aus den wild tobenden Bass rauszudrehen, dass es bisweilen klingt wie mutwillige Sabotage. Oder das blöde Grinsen, das einem unweigerlich um die Lippen spielt, wenn man Kraftwerk im „Trans-Europa Express“ davon singen hört, dass sie in Düsseldorf City am Bahnhof „Iggy Pop und David Bowie“ treffen. Oder an so blödsinnige Kleinigkeiten wie den jüngsten Film von Bernardo Bertolucci, „Io e tu“, ein zum Gotterbarmen fader Film, bis zu dem Moment, an dem die beiden jugendlichen Hauptdarsteller anfangen zu tanzen zur italienischen Version von „Space Oddity“, „Ragozzo Solo, Ragazza Sola“, und der Film auf einmal abhebt, so wie Dinge nun mal abzuheben pflegen, wenn Bowie ins Spiel kommt.

Das künstlerische Leben von David Bowie war geprägt von Abschieden, vom sich Verlieren, vom Sterben, um sich neu erfinden zu können. Sein Major Tom schwebt verklärt durchs All (und war, wie Bowie uns zwölf Jahre später wissen lässt, doch nur ein Junkie). Ziggy Stardust inszenierte seinen Rock’n’Roll Suicide, weil Bowie wusste, dass man sich nur dann neu erfinden kann, wenn man das hinter sich lässt, was davor war. Es ist die ultimative des Botschaft des Pop: Man kann immer wieder von vorne anfangen, man muss sich immer wieder neu erfinden, nichts ist echt, alles ist Oberfläche. Bowie ist der Mann, der die Welt verkauft hat und der auf die Erde gefallen ist. Das Alien, das belustigt unserem Treiben zugesehen und unser aller Leben besser gemacht hat. Der Geschlechterrollen auf den Kopf gestellt hat. Der West-Berlin zu einer Zeit cool und lässig machte, als an der Mauerstadt wirklich nichts cool und lässig war. Der den Rock rettete und Pop besser machte und Punk vorwegnahm. Und jetzt ist er der Blackstar, der Lazarus, der so lange wieder auferstehen wird, wie wir uns das wünschen, weil es uns frei steht, seine Musik zu hören, wann wir wollen. Er indes ist immer frei. „Oh, I’ll be free / like a bluebird / ain’t that just like me.“


David Bowie: Wie seine Musik und Persönlichkeit Mode, Film und Malerei beeinflusste
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