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David Bowie ★ (Blackstar)

Sony Music, 8. Januar 2016

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NOTHING HAS CHANGED heißt das Best-of, das David Bowies Plattenfirma 2014 dem Überraschungscomeback THE NEXT DAY aus dem Vorjahr einfach nachschieben musste. Der Tongue-in-cheek-Titel geht auf eine Textzeile aus Bowies 2002er-Stück „Sunday“ zurück. Im Song singt er dann, natürlich, weiter: „Everything has changed“. Diese Feststellung geht einem auch durch in den Kopf, als man in einem Westberliner Planetarium aus den 60er-Jahren sitzt, zurückgelehnt in den künstlichen Sternenhimmel starrt und zum ersten Mal Bowies neues Album, sein 25., hört: BLACKSTAR (offizielle Schreibweise: ★) – und das Wochen vor Veröffentlichung des Werks, an Bowies 69. Geburtstag, dem 8. Januar 2016. Besprechungen des Albums dürften umgehend erscheinen, teilte die Plattenfirma mit.

Das war 2013 noch anders. THE NEXT DAY wurde nach zehnjähriger, geheimnisumwitterter Schaffenspause des Meisters an dessen 66. Geburtstag einer mehr als erstaunten Weltöffentlichkeit angekündigt und zwei Monate später auf den Markt gebracht. Sogenannte Pre-Listenings für die Presse fanden erst kurz vor Veröffentlichung statt, um ja nicht zu riskieren, die Sensation abzuschwächen. Dem 2011er-Song der Flaming Lips und von Neon Indian „Is David Bowie Dying?“ antwortete Bowie damals im Titelstück: „Here I am, not quite dying“. Immerhin: Die – wichtigste – Frage, nach seinem Gesundheitszustand, schien geklärt. Das war’s dann aber auch. Ein Künstler seiner Dimension konnte es sich erlauben, die vielen, vielen anderen Fragen unbeantwortet zu lassen. Das ist, was gleichgeblieben ist.

Auch zu BLACKSTAR wird Bowie nicht Stellung nehmen, kein Interview geben, die Kunst für sich sprechen lassen. Jegliche Verlautbarung erfolgt von Produzent Tony Visconti, Bowies Vertreter auf Erden. Und der hatte ja im Vorfeld schon erstaunlich viel preisgegeben: Dass man während der Aufnahmen vor allem Kendrick Lamar gehört habe, sich von dessen Offenheit inspirieren ließ (muss Kendrick Lamar eigentlich bald notgedrungen durchdrehen, nachdem ihm nach der HipHop-Welt nun auch Damon Albarn und dessen Vorgänger im Geiste, David Bowie, zu Füßen liegen?) und es das erklärte Ziel gewesen sei, für BLACKSTAR „Rock’n’Roll zu umgehen“, zum Beispiel.

Das ist den beiden gelungen. Die alles dominierenden Instrumente sind Schlagzeug und Saxofon: Drum’n’Brass möchte man schreiben, wenn das Saxofon trotz seiner Existenz aus Messing nicht zu den Holzblasinstrumenten zählen würde. Es donnert und poltert wie seit EARTHLING nicht mehr und mit dem Dauereinsatz des Saxofons stellt sich Bowie auf die Seite der Neo-Jazzer wie Kamasi Washington, Floating Points und Flying Lotus. Klassischem Rock-Werkzeug wie E-Gitarre und Mundharmonika wurde nur ein Besuchervisum gewährt.

Den Jazz habe Bowie für sich entdeckt, als er im Frühling 2014 auf den Rat seiner Freundin Maria Schneider hin, einen entsprechenden Club im New Yorker West Village besucht und dort ein Konzert eines vom Saxofonisten Donny McCaslin angeführten Quartetts erlebt habe. Zehn Tage später erreichte McCaslin eine E-Mail Bowies, ob man nicht zusammen arbeiten möchte. Daraus entstand zunächst die Single „Sue (Or In A Season Of Crime)“, die bereits auf NOTHING HAS CHANGED erschien, sich jetzt – wie ihre B-Seite „’Tis A Pity She Was A Whore“ (auf der Bowie zum ersten Mal explizit über seinen Penis singt) – in aufgemotzter Version aber auch unter den nur sieben Songs von BLACKSTAR befindet. Wichtigste Errungenschaft des trippigen Stücks: Es machte das verhältnismäßig konventionelle THE NEXT DAY vergessen, ließ erahnen, dass Bowie damit nur ein Kapitel endlich beenden wollte (das „HEROES“ überklebende Artwork deutete das bereits an) und jetzt aber nach vorne blickt. BLACKSTAR, neben Gastspielen an den Percussions von Bowie-Spezl James Murphy, vorrangig mit McCaslin und dessen Ausnahmedrummer Mark Guiliana eingespielt, ist vielleicht nicht „das Verrückteste, was Bowie jemals gemacht hat“, wie es im Vorfeld hieß, aber es ist schon sehr verrückt. Wobei es sich für Bowie, also jemanden, der Scott Walkers Spätwerk liebt und LULU für Lou Reeds „beste Arbeit“ hält, ganz normal anfühlen mag.

Die titelgebende Single, laut McCaslin den „Islamischen Staat“ verhandelnd, spricht Bände: ein düsteres, außerweltliches Szenario, in das im poppigen Mittelteil die Sonne hineinstrahlen darf, bis die ewige Finsternis zurückkehrt, und das nur deshalb auf 9:57 Minuten gestutzt wurde, weil iTunes eine Obergrenze für Singles bei zehn Minuten gesetzt hat. Bis auf die relativ (relativ!) gewöhnliche, sich dramatisch zuspitzende Ballade „Dollar Days“ bleibt das vielgesichtige Titelmonster der eingängigste Song. Das will was heißen. „Lazarus“ dürfte Bowies neuem Off-Broadway-Stück gleichen Namens – einer Fortsetzung des 1963er-Romans „Der Mann, der vom Himmel fiel“, in dessen Verfilmung Bowie 1976 als Protagonist glänzte – entnommen sein. Gewissheit darüber besteht erst ab 7. Dezember, wenn das Schauspiel Premiere feiert. BLACKSTAR wirft Fragen auf, Bowie wird sie nicht beantworten. Der Closer „I Can’t Give Everything Away“ muss als Erklärung reichen. Seit seinem letzten wirklich experimentellen Album, besagtem EARTHLING, also seit 1997, war es nicht mehr so aufregend, Bowie zu hören. Allein dafür: vier black stars.

 

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