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Unser Mann im Himmel

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Im Museum gewesen. Gegähnt. Da hingen die galaktischen Kostüme und die Kleider, die ihn überirdisch wirken ließen, aus den Siebzigern des 20. Jahrhunderts. Draußen standen sie bis auf die Londoner Cromwell Road, um „Bowie is“ zu sehen, im Victoria and Albert, dem größten staatlichen Museum der Welt für Kunst und Design. Wer David Bowie ist und war, sollte sein Fummel zeigen und erklären. Eine lebende Gestalt aus Stanley Kubricks Film „A Clockwork Orange“ und ein Stellvertreter Oscar Wildes auf Erden. Einer, der gern liest, George Orwell, Christa Wolf und Comics. Die Retrospektive war geordnet nach Abteilungen wie „Einfluss“, „Figuren“ und „Astronaut des inneren Weltraums“. Ihr Kurator Geoffrey Marsh verkündete: „Was immer wir hier auch erkennen mögen – es sind immer nur wir selbst.“ Ich ist ein anderer; wir sind Bowie. Alles schon mal irgendwo gesehen und gehört. Nicht alles: Da saß David Bowie 1964 in Schwarz-Weiß im Fernsehen, mit 17 Jahren und mit blondem Haar, als Sprecher der „Gesellschaft zur Verhinderung von Grausamkeiten gegen langhaarige Männer“ und bat höflich darum, von Belästigungen auf der Straße künftig bitte abzusehen. Und da war das Foto, das der Astronaut Bill Anders von der Erde aufgenommen hatte. 1968 war er mit Apollo 8 als Erster um den Mond geflogen, er hatte als erster Mensch die dunkle Seite sehen dürfen, und auf seinem Bild vom Heiligabend 1968 sah die Erde sich zum ersten Mal selbst. Es war das Bild zu „Space Oddity“, dem schönsten, größten Lied, das David Bowie je geschrieben und gesungen hat. Als Frühvollendeter.

t:Zum 1. Todestag von David Bowie: Eine Hymne auf sein Frühwerk


Bowie und Prince gingen. Cohen zockte noch einmal und folgte ihnen. Und Nick Cave trauerte. Der Tod ist seit je ein Protagonist des Pop. Im Jahr 2016 drängte er sich auf – und wurde von den Besten ausgekontert.auf Musikexpress ansehen

Als das Museum David Bowie um seine private Sammlung bat, soll er gesagt haben: „Macht, was ihr wollt damit.“ Er selbst hat in New York wieder ein Album aufgenommen, nach zehn Jahren Pause, und es als alternativen Katalog zur Ausstellung veröffentlicht. Auch THE NEXT DAY schickte die Hörer scheinbar in die Siebziger mit seinem verfremdeten „HEROES“-Cover, seinem Lied „Where Are We Now?“ und dem Berlin-Video dazu. Man musste schon genau hinhören, um den wirklich jungen Bowie zu erkennen, der hier eigentlich heraufbeschworen und verewigt wurde. Im Baritonsaxofon in „Dirty Boys“, in Kindereien wie „How Does The Grass Grow?“, wo ein Chor „Apache“, den Klassiker der Shadows, sang wie eine Horde Muppets, und in Raum- und Zeithymnen wie „Dancing Out In Space“. Im Video zu „The Stars (Are Out Tonight)“ war er ein Rentner, der von Albträumen geplagt wurde, von Bowie-Wesen, die sich nachts auf seine Brust hockten wie die Nachtmahre, die Johann Heinrich Füssli schon 200 Jahre vor Bowie in Öl gemalt hat. Plötzlich war er wieder da. Zehn Jahre nach REALITY, einem verwirrenden Titel für ein Bowie-Album. Was sich bei der anschließenden Welttour als Wirklichkeit erwies, hatte mit seiner großzügigen Vorstellung von Wirklichkeit nichts mehr zu tun. In Oslo rammte ihm ein überschwänglicher Besucher einen Lolli in sein Nofreteten-Auge. Das Konzert in Scheeßel an der Wümme brach er ab, als er bei „Ziggy Stardust“ einen Herzinfarkt erlitt. In Hamburg-Altona wurde er danach operiert. In seinem letzten Interview erklärte Bowie: „Ich habe die Nase voll von dieser Industrie, und das nicht erst seit heute. All meine Figuren haben ihren Zweck erfüllt. Jetzt können sie in Rente gehen.“

Bowie war immer dann am besten, wenn er quer zum herrschenden Zeitgeist stand

Bis zum David-Bowie-Jahr 2013 führte er zehn Jahre lang ein geisterhaftes öffentliches Künstlerleben. Er verschwand nie ganz und gar, er tauchte immer wieder auf. Ein Jahr nach seiner Herzoperation trat er mit Arcade Fire auf, dem damals aufstrebenden Kollektiv aus Kanada. Gemeinsam sangen sie seine Loureediade „Queen Bitch“. Bowie nahm mit TV On The Radio und mit Kashmir auf, sang mit Alicia Keys und Scarlett Johansson. Vor allem aber Arcade Fire hatten es ihm angetan. In ihnen sah er eine Band, die sich darum bemühte, die bedeutungslos gewordene Rock- und Popmusik neu zu erfinden, so wie er das in den Sechzigern versucht hatte. Da stand er zwischen ihnen auf der Bühne in der Radio City Music Hall, ein wiederauferstandener Geist, und sang „Wake Up“: „Something filled up my heart with nothing / Someone told me not to cry / But now that I’m older, my heart’s colder, and I can see that it’s a lie.“ Die Lüge ist das Märchen, das nicht wahrer wird, je häufiger es Biografen abschreiben und Ausstellungen zeigen: dass sich David Bowie unablässig neu erfinde. Als bestünde Bowies Lebenswerk aus Masken und aus Rollen und nicht darin, die Musik, wie wir sie lieben, den modernen, ganzheitlichen Pop, bewusst geprägt zu haben. Popmusik als Leitmedium. Vielleicht auch durch die Gnade der späteren Geburt: Den etwas älteren Musikern der Sechziger wurde das Ausmaß ihres Wirkens erst allmählich klar, wenn vor der Bühne, sobald sie ein Lied anstimmten, neben Kindern auch Erwachsene außer sich gerieten.



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