Zum 75. Geburtstag von Jon Lord: Die „Deep Purple Story“ – so entstand Deep Purple

Aus dem aus der März-Ausgabe des Musikexpress im Jahr 1975:

Brutal und dynamisch sollte der Sound werden – so jedenfalls stellte es sich Jon Lord vor, als er sich daran machte, Deep Purple zu gründen. Inzwischen sind bereits sechs Jahre verstrichen, seit die erste Deep-Purple-Formation das Licht der Welt erblickte. In ihrer Anfangszeit spielte die Gruppe zum größten Teil Kompositionen, die andere Musiker geschrieben und wohl auch schon bekanntgemacht hatten. Im Laufe der Zeit entwickelte die Band sich jedoch mit ihren selbstkomponierten Stücken mehr und mehr zu einem der aufregendsten Rock-Acts in der ganzen Welt. Ein Live-Auftritt von Deep Purple ist zwar sowas wie ein Anschlag auf die Ohren, die Musik sorgt jedoch auch dafür, dass im wahrsten Sinne des Wortes die Wände wackeln … Der ganz große Durchbruch stellte sich für Jon Lords Formation in vielen Ländern der Welt ein, kurz nachdem das Album „Deep Purple In Rock“ erschienen war. Beinahe eineinhalb Jahre bewegte sich diese LP in den Top 20 Notierungen der internationalen Hitparaden. Während der Erfolg immer märchenhaftere Ausmaße annahm, stellten sich innerhalb der Band die ersten Probleme ein, die darin bestanden, dass Krankheit, Übermüdung und musikalische Meinungsverschiedenheiten nicht selten hitzige Diskussionen auslösten. Monatelang machten Gerüchte über das Ende von Deep Purple die Runde, bevor 1973 schließlich die Bombe platzte, als der Sänger Ian Gillan und der Bassist Roger Glover ihren Hut nahmen und aus dem Rampenlicht verschwanden. Damit schien in der Tat das Ende gekommen zu sein. Umso mehr konnten Millionen Purple-Fans in aller Welt erleichtert aufatmen, als John Lord bekanntgab, dass er zwei neue Musiker aufgetrieben hatte. David Coverdale und Glenn Hughes waren die beiden Glücklichen, die inzwischen bewiesen haben, dass Deep Purple durch ihre musikalischen Qualitäten so populär geblieben sind wie eh und je …

Damit man einigermaßen durchblickt und begreift, wie kompliziert die Deep Purple-Gründung sich gestaltete, schaut man sich am Besten zunächst mal den jeweiligen Lebensweg der einzeln Musiker an:

JON LORD

John Lord wird am 9. Juni 1941 in Leicester geboren. Mit neun Jahren muss er gegen seinen Willen Klavierunterricht nehmen. Das macht ihm im Anfang natürlich alles andere als Spaß, doch schon bald entdeckt er, dass die Tasten ihn in ihren Bann gezogen haben. Schliesslich besucht er in London eine Schauspielschule. In dieser Zeit fängt Jon eigentlich erst so richtig damit an, sich bewusst Musik anzuhören, wobei er schon sehr schnell eine Vorliebe für den Jazz entwickelt. 1961 hört er eine Platte von Jimmy Smith, die ihn restlos davon überzeugt, dass ’ne Hammond-Orgel genau das richtige Instrument für ihn wäre. Doch dieser Wunsch muss vorerst noch unerfüllt bleiben, da das Geld vorne und hinten nicht reicht. 1962 verlässt Jon die Schauspielschule, einen Job an einer Theaterbühne findet er allerdings nicht, weil er keinen Bock hat aus London wegzuziehen. Zwei Jahre lang treibt er sich ohne Beschäftigung rum, dann macht er Bekanntschaft mit einer experimentellen Blues-Band, die sich Red Bludd’s Bluesicians nennt. Der Sänger dieser Gruppe heisst Art Wood (Er ist der Bruder des Faces-Gitarristen Ron Wood). Als die Red Bludd’s Bluesicians auf ihrem Tiefpunkt angekommen sind, beschliessen Art und Jon zusammen mit Keef Hartley eine neue Band zu gründen, die sich schließlich The Artwoods nennt. Die Gruppe bleibt vier Jahre lang bestehen und veröffentlicht in dieser Periode acht Singles und eine LP. Eine dieser Singles schafft es ein bescheidener Hit zu werden. Keef Hartley verlässt die Band schließlich als erster, kurze Zeit darauf folgt ihm Jon Lord. Ab jetzt hat Jon sich ganz fest vorgenommen nur noch Nägel mit Köpfen zu machen. Er will endlich mal eine eigene Gruppe gründen, in der er der Boss ist, um die langen Diskussionen zu vermeiden, die sich bei den Artwoods oft ungünstig ausgewirkt haben. Inzwischen hat Jon sich auch ziemlich intensiv mit klassischer Musik beschäftigt, die er am Liebsten mit der Popmusik verschmelzen möchte. Ein paar Monate lang verdient sich Jon seine Brötchen als Musiker in der Backing Group der Flowerpot Men und macht bei der Gelegenheit Bekanntschaft mit Ritchie Blackmore und Nick Semper…

RITCHIE BLACKMORE

Ritchie Blackmore wird am 14. April 1945 in Weston-Super-Mare geboren. Von seinem Vater bekommt er zum elften Geburtstag eine gebrauchte spanische Gitarre geschenkt. Die ersten Akkorde lernt Ritchie von einem Typen aus der Nachbarschaft, der Jim Sullivan heißt (Jim wird später der Gitarrist in der Gruppe von Tom Jones). Zweieinhalb Jahre lang nimmt Ritchie bei Jim Gitarrenstunden, dann glaubt er sein Instrument soweit zu beherrschen, dass er auch alleine weiterkommt. Um sein Können auch in der Praxis auszuprobieren, schließt er sich Gruppen an, die so abenteuerliche Namen tragen wie „The Outlaws“, „The Detonators“ und „The Safonites“. Außerdem mischt er noch kurz in der Backing Group von Heinz mit und tritt zusammen mit Lord Sutch auf. 1967 törnt Ritchie jedoch nichts mehr an in England, deshalb begibt er sich mit der Gitarre unterm Arm nach Hamburg, wo er für’n Appel und’n Ei durch verschiedene Clubs tingelt. Hier spricht ihn schließlich Chris Curtis (Ex-Drummer von den Searchers) an, der Ritchie und seinem Freund Nick Simper einen Platz in einer ganz neuen Gruppe anbietet. Ritchie und Nick sind brennend daran interessiert. Sie fahren auf der Stelle zurück nach England und treffen dort mit Jon Lord zusammen.

IAN PAICE

Ian Paice wird am 29. Juni 1948 in Nottingham geboren. Mit achtzehn schenkt ihm jemand eine Geige, obwohl er noch nie vorher so ein Instrument in der Hand gehabt hat. Ian weiss eigentlich noch nicht mal genau wie man so’n Ding überhaupt richtig halten muss. Nur wenn er auf dem Resonanzboden herumhämmert, gelingt es ihm, einigermassen Musik zu machen. Kein Wunder, dass es nicht lange dauert,bis der die Geige an den Nagel hängt und sich ein Tom-Tom anschafft. Außerdem trainiert er wie ein Wilder auf Kochtöpfen um seine Technik zu verbessern. Schliesslich kauft er sich ein richtiges Schlagzeug und geht mit seinem Vater, der in einem Tanzorchester spielt, auf Tournee. 1965 gründet lan seine erste Band, die er Georgie nennt. Die Gruppe erweist sich allerdings schon sehr bald als eine regelrechte Katastrophen-Band. Nach dem Ableben dieser Formation schließt lan sich der Gruppe The Rave Ons an, die später ihren Namen umändert in The Shindigs. Richtig professionell arbeitet Ian jedoch erst, als er sich der Rockband MC 15 anschließt, die sich in späteren Jahren The Maze nennt.

1967 trifft er während einer Schiffsfahrt von England nach Italien mit Ritchie Blackmore zusammen. Noch im selben Jahr stolpern die Beiden erneut übereinander, diesmal in Hamburg, wo sie zufällig in zwei verschiedenen Gruppen spielen. Ritchie bittet Ian, doch in seine Band einzutreten, Ian glaubt jedoch dass dort kein Pfennig Geld zu verdienen ist. Ritchie ist darüber so sauer, dass er Ian feierlich zu seinem Erzfeind Nummer Eins erklärt. 1968 bewirbt Ian sich schließlich als Drummer bei einer neuen Gruppe, die Jon Lord in London gründen will. Wie man sich schon denken kann, macht er hier seine dritte Begegnung mit Ritchie Blackmore. Die Feindschaft zwischen den Beiden scheint von Anfang an überhaupt nicht existiert zu haben – im Gegenteil. Es stellt sich heraus, dass Ritchie bereits seit Monaten auf der Suche nach Ian gewesen ist, er ihn jedoch nirgendwo auftreiben konnte. Zusammen mit Rod Evans wird lan schließlich in Jon Lords Gruppe aufgenommen, die unter dem Namen „Deep Purple“ ihr Glück versucht.

Es kann also losgehen mit der allerersten Deep Purple-Besetzung. Jon Lord bedient natürlich die Tasteninstrumente, Ian Paice das Schlagzeug, Ritchie Blackmore die Gitarre, Rod Evans den Bass während Nick Semper singt. Die neue Band zögert nicht lange und begibt sich gleich ins Studio, um das Album Shades Of Deep Purple aufzunehmen. Die aus dieser LP ausgekoppelte Version des Joe South-Titels Hush erscheint im Juli 1968 auf einer Single, die in England absolut kein Aufsehen erregt, während sie in Amerika spielend der ersten Platz in den Hitparaden schafft. Die Nachfolge-Single wird erst gar nicht in England auf den Markt gebracht, und erneut erweist sich Amerika als ein lohnenswertes Land, denn River Deep, Mountain High so der Titel dieser zweiten Single, erreicht ebenfalls die US-Top Ten. Gerade als diese Platte wieder aus den amerikanischen Charts verschwunden ist, bringt Jon Nick und Rod schonend bei, dass sie bei Deep Purple wohl doch nicht so ganz bei der richtigen Gruppe sind. Die Beiden machen sich daraufhin aus dem Staub und werden durch Ian Gillan und Roger Glover ersetzt. In dieser neuen Besetzung begibt die Band sich von Oktober bis Dezember erstmals auf US-Tournee.

IAN GILLAN

Ian Gillan wird am 19. August 1945 in Hounslow geboren. Mit fünfzehn steht für ihn fest, dass er berühmt werden will. Er gründet die Band Jess Thunder & The Moonshiners, in der er den Jess Thunder mimt. Als diese Gruppe sich dann schließlich auflöst, steigt Ian bei den Javalins ein. Mit einer weiteren Zwischenstation bei Wainwright’s Gentlemen landet er schließlich bei einer Formation, die sich Episode Six nennt – und zu der unter anderem Roger Glover sowie Mick Underwood gehören.

Diese Gruppe schafft mit einer Parodie auf den Beatle-Titel Here, There And Evrywhere sogar einen bescheidenen Hit. Anfang 1968 ist es dann soweit. Jon Lord lädt Ian zu ein paar Proben ein, auf denen sich herausstellen soll, ob dessen Talent reicht, um bei Deep Purple mitmischen zu können, Ian der schon lange auf so ’ne Gelegenheit gewartet hat, bringt seinen Freund Roger Glover gleich mit, als er sich bei Jon vorstellt.

ROGER GLOVER

Roger Glover wird am 30. November 1945 auf einem Bauernhof in Wales geboren. Im Laufe der Jahre wächst bei ihm ein überdurchschnittliches Interesse an Folk-Musik heran. So ist es natürlich auf die Dauer unvermeidlich, dass er eines guten Tages zur Gitarre greift. 1960 spielt Roger erstmals in einem Amateur-Trio Bass, was zur Folge hat, dass er in seiner Heimat zum schlechtesten Bassisten in der ganze Gegend erklärt wird. Nach seinem Realschulabschluss zieht es ihn auf die Akademie der Bildende Künste. Über Tag betreibt Roger stinknormal sein Studium, abends steht er jeweils an fünf Abenden in der Woche mit den Jungs von Episode Six auf der Bühne. Auf die Dauer übersteigt dieses Doppelleben allerdings erheblich Glovers Kräfte, woraufhin er beschließt, das Studium an den Nagel zu hängen, um sich hundertprozentig auf seine Musik konzentrieren zu können. Wie bereits erwähnt geht Roger an jenem denkwürdigen Tag zusammen mit Ian Gillan zu Jon Lord auf die Probe-Session. Erspielt sogar mit. Als Jon ihn dann bittet, doch zusammen mit Ian bei Deep Purple einzusteigen, lehnt er jedoch kurzerhand ab. Erst am Tag danach ändert er schließlich seine Meinung und macht doch mit – Deep Purple kann jetzt zum zweitenmal an den Start gehen …

1969: ES IST NOCH LANGE NICHT ALLES KLAR

Als Deep Purple von der zweiten großen US-Tournee zurückkommt, beginnt Jon Lord mit der Arbeit an einem schwer klassisch angehauchten Musik-Opus. Diese Tatsache stiftet nicht geringe Verwirrung unter den Purple-Fans, die eigentlich den Eindruck bekommen haben, dass Deep Purple nichts mehr und nicht weniger als eine Hardrock-Gruppe ist. Am Mittwoch, den 24. September 1969 findet in der Royal Albert Hall in London die Gala-Premiere eines inzwischen legendären Ereignises statt. Zusammen mit dem Royal Philharmonie Orchestra unter der Leitung von Malcolm Arnold, präsentiert Deep Purple einem überraschten Publikum Jon’s Meisterwerk, das Concerto For Group And Orchestra. Am Ende der Aufführung drücken die Konzertbesucher ihre Begeisterung dadurch aus, dass sie sich von ihren Sitzen erheben und scheinbar endlos lange applaudieren. Die Pressekritiken fallen ebenfalls mehr als günstig aus. Da heißt es beispielsweise, das Konzert sei „eindrucksvoll, brilliant und erfindungsreich“ gewesen. Der denkwürdige Abend in der Royal Albert Hall bleibt für die Nachwelt glücklicherweise erhalten, denn das englische Fernsehen hat das Ereignis auf Zelluloid bannen lassen. Wochen danach erscheint schließlich auch noch ein Live-Mitschnitt auf Schallplatte. Dieses Album erscheint in England im Dezember 1969. Von der BBC bekommt Jon Lord das Angebot ein weiteres „halbklassisches“ Opus zu schreiben. So entsteht eine Suite in sechs Teilen, in der jedes Mitglied der Band, sogar lan, der Sänger, einen Solopart bekommt. Weil zu diesem Zeitpunkt überhaupt noch nicht so richtig abzusehen ist, in welche musikalische Richtung Deep Purple sich weiterentwickeln wird, gehen nur wenige Veranstalter auf dem europäischen Kontinent das Risiko ein, die Gruppe für Konzerte zu buchen. Es ist eben noch lange nicht alles klar nach dem Concerto For Group And Orchestra. Da Open-Air-Festivals augenblicklich sehr angesagt sind, entschließen die Purple-Jungs sich für schlichten, reinen, knallenden heavy-Rock und vergessen für eine Weile ihre Klassik-Experimente. Der totale Durchbruch zum ganz großen Erfolg stellt sich schliesslich im Herbst 1969 ein. Die Festival-Erfolge sorgen dafür, dass die Band sich vor Auftrittsangeboten kaum noch retten kann. Bevor das Jahr 1969 zu Ende ist, hat das Purple-Management die Gruppe bereits für das ganze Jahr 1970 ausgebucht.

1970: 20 WOCHEN AUF DEM ERSTEN PLATZ

Gleich zu Beginn des Jahres unternimmt Deep Purple eine großangelegte Tournee durch ganz Europa. In Wien und in Zürich wird ausserdem Jon’s Concerto noch einmal aufgeführt. Die kurzen Pausen zwischen den Auftritten nutzt die Band für Aufnahmearbeiten im Plattenstudio. Erstmals soll eine knallende Rockscheibe ohne irgendwelche Kinkerlitzchen aufgenommen werden. Im Juni 1970 ist es dann soweit. Das Album Deep Purple In Rock kommt auf den Markt. Wie ein Komet steigt die Platte in den internationalen Hitlisten auf und bleibt in den meisten Ländern ca. zwanzig Wochen auf dem ersten Platz. Auf einer Single ist gleichzeitig der Titel Black Night erschienen. Ob LP oder Single, die Scheiben gehen weg wie warme Semmeln. Im Juli begibt Deep Purple sich über den grossen Teich in die Vereinigten Staaten. Drei Wochen lang tourt die Gruppe dort und tritt dabei hauptsächlich auf Festivals und in Universitäten auf. Ausserdem unterzeichnet sie einen Vierjahresvertrag mit der Plattenfirma Warner Brothers, die den Purple-Sound in Amerika an den Mann bringen soll. Der sensationelle Erfolg des „In Rock“ Albums bedeutet für Deep Purple die langerwartete Anerkennung als heavy-Rockband.

Im August ist bereits die nächste Europa-Tour an der Reihe, die sich diesmal hauptsächlich auf Deutschland konzentriert. Es soll sich dabei herausstellen, dass auf dieser Tournee ein paar unerwartete Probleme auf die Gruppe zukommen. In beinahe allen Städten versucht das Publikum gewaltsam und ohne Eintrittskarten in die Hallen zu kommen. Es werden Flugblätter verteilt, in denen verkündet wird, Rockmusik müsse free music sein, deshalb sei es logisch und gerechtfertigt Konzerte zu stürmen. In München entwickeln sich die Auseinandersetzungen zwischen Ordnertruppen und hereindrängendem Publikum reichlich gewalttätig. Es werden sogar anonyme Drohungen bekannt, in denen es heißt, dass man die Halle in Brand stecken wolle, während Deep Purple auf dem Podium steht. Jon Lord ist durch die Ereignisse ziemlich aufgebracht, und er erklärt, dass er die Vorfälle für Aktionen halte, die neonazistischen Charakter haben. „Ich hab‘ mir mal einen von diesen Wüstlingen gepackt und ihn gefragt, ob er überhaupt eine Ahnung davon habe, was für ein kostspieliger Apparat in Bewegung gesetzt werden muss, wenn eine englische oder amerikanische Gruppe sich auf einer großen Tournee befindet. Hinzukommen die Unsummen, die für Flugtickets ausgegeben werden müssen. Darauf konnte mir der Typ auch nicht mehr viel erwidern und wurde richtig rot hinter den Ohren.“

Die von Jon Lord komponierte Gemini-Suite wird am 17. September in der Londoner Royal Festival Hall aufgeführt. An dem Konzert ist unter anderem auch das Light Music Society Orchestra beteiligt. Die Suite hat eine Länge von 35 Minuten und wird „live“ von der BBC übertragen. Das Gemini Suite-Album erscheint jedoch erst ein paar Monate später, weil Jon an der Klavierpartitur noch ’ne Menge verändert, bevor er wirklich zufrieden ist.

JESUS GILLAN SUPERSTAR

Während Black Night noch hoch in den französischen Hitlisten notiert ist, erreicht Deep Purple im Zuge ihrer Europa-Tournee auch Frankreich. Hier soll die Band wie geplant drei Wochen lang auftreten, doch bereits nach den ersten Gigs wird die ganze Tour abgebrochen. Grund: In einer Diskothek in St. Laurent du Pont kommen bei einem Brand 144 Besucher des Lokals und eine örtliche Popgruppe ums Leben. Jon Lord: „Das hätte auch uns passieren können. Alle unsere Auftritte waren für dermaßen kleine Säle geplant, in die die Veranstalter bis zu 2000 junge Leute reinstopfen wollten. Wenn man so wie Ölsardinen in einer Büchse zusammengepackt sitzt, und es bricht dann ein Brand aus, nun, ich wage nicht gar nicht daran zu denken.“ Hinzu kommt, dass der Abstecher nach Frankreich sich ohnehin nicht gerade zu einem Vergnügen gestaltet hat. Ritchie Blackmore: „Das französiche Publikum schaute während unserer Auftritte immer dermaßen gelangweilt aus der Wäsche, da konnte einfach nirgendwo die Post abgehen. Die Leute reagierten überhaupt nicht auf die Musik, und ich hab‘ mich oft gefragt, ob sie überhaupt wohl ihren Spaß haben. Deep Purple braucht nun einmal ein Publikum, das richtig mitgeht. Je verrückter das Publikum, desto verrückter die Show.“ Gegen Ende des Jahres 1970 machen erstmals Gerüchte die Runde, in denen es heißt, dass Ian Gillan keinen Bock mehr auf Deep Purple habe, Ian damals in einem Interview mit MUSIK EXPRESS: „Ich bin ganz einfach stinkfaul, und ich sehe nicht ein, wieso ich noch immer sieben Tage in der Woche arbeiten soll. Ich schätze, dass ich höchstens noch ein oder zwei Jahre bei Deep Purple bleiben werde, auf keinen Fall länger. Dauernd auf Tournee zu sein, das ist ja beinahe genauso schlimm wie bei der Armee. Man wird auf die Dauer richtig krank vom ewigen Ein- und Auspacken der Koffer und von dem Leben in Hotelzimmern und auf Flughäfen. Hinzu kommt, dass ich von Amerika die Nase gestrichen voll habe. Die kaputte Drogenszene dort und die politischen Zustände, das alles macht mich jedesmal so fertig, dass ich nie schnell genug wieder nach Hause kommen kann. Am liebsten trete ich in England auf. Da weiss man wenigstens, wo man ist. Wenn ich beispielsweise in Newcastle auf der Bühne stehe, dann weiss ich, zweihundert Kilometer weiter, da ist mein Zuhause. In den Staaten spielst Du in Detroit – und Du fragst dich, wo dass denn überhaupt liegt. Irgendwo an einem See, weiss Gott am welchem genau. Sowas frustriert mich enorm.

Im Dezember stellt Ian eine Erzählung für Kinder vor, die er selbst geschrieben hat. Sie heißt Cherkazoo und ist eine Art Fantasiemärchen, in dem Übergroße Tiere und weiße Riesen drin vorkommen. Es melden sich sogar zwei Filmproduzenten, die sich der Story annehmen, sodass sie Weihnachten im englischen Fernsehen gesendet werden kann. Obwohl der Terminkalender von Deep Purple, wie man sich denken kann, noch stets proppevoll ist, kann Ian Gillan sich die Zeit nehmen, um an dem Musical Jesus Christ Superstar mitzuarbeiten. Dieses Geisteskind von Tim Rice und Andrew Lloyd Weber handelt von den Einzug Christi in Jerusalem bis zu dessen Tod am Kreuz, Ian Gillan singt auf der Platte den Part des Jesus. Gleich nach seinem Erscheinen belegt das Album den Spitzenplatz der amerikanischen Hitparade. Es werden in den Staaten in der erste Woche bereits zwei Millionen Exemplare davon verkauft. Eigentlich soll John Lennon die Jesus-Rolle übernehmen. Die Produzenten befürchten jedoch, dass dieser eventuell aus weltanschaulichen Gründen das ganze Projekt platzen lassen könnte. Um dieses Risiko nicht einzugehen, versucht man deshalb Robert Plant zu bekommen, aber der hat überhaupt keinen Bock auf die ganze Sache. Zum Glück erinnern die Produzenten sich dann an das Purple-Stück Child In Time. Daraufhin wenden sie sich an lan Gillan, der jedoch auch nur sehr schwer zu gewinnen ist. lan: „Ich hab‘ zwei Proben mitgemacht, dann bin ich einfach abgehauen. Daraufhin wurde unser Manager solange bequatscht bis der mich wiederum überredete, doch mitzumachen. Ich sollte bei der Aufführung in der Royal Albert Hall auch noch mitmischen, dass hab‘ ich aber besser sein lassen. Schließlich war ich mit Deep Purple mehr als vollbeschäftigt und nervlich hing ich auch ganz schön daneben.“

1971 KRACH ZWISCHEN JON UND RITCHIE

Mit einem Konzert im Amsterdamer Concertgebouw beginnt eine weitere Europa-Tournee. Im selben Monat begibt sich Deep Purple auch noch ins Studio, um sich an die nächste LP ranzuwagen. Als sich herausstellt, dass man nichts Vernünftiges zustande kriegt, einigt man sich zunächst mal auf ’ne Single. Mitte Februar erscheint dann Strange Kind Of Woman. Die Platte erreicht zwar die Hitlisten, entwickelt sich jedoch nicht zu einem Monsterhit wie zuvor Black Night. Die noch andauernde Euro-Tour, so stellt sich heraus, ist auch nicht gerade das reine Zuckerlecken. In Deutschland wird die Band zwei Wochen lang von Wasserwerfern der Polizei begleitet. Vor den Hallen ist mal wieder der Teufel los. In Frankreich fängt es innerhalb der Gruppe ernsthaft zu kriseln an. Jon Lord und Ritchie Blackmore, die man eigentlich noch nie als die dicksten Freunde bezeichnet hat, machen sich gegenseitig dermaßen an, dass Jon auf dem Höhepunkt des Konflikts droht: „Okay, wenn ihr es nicht anders wollt, dann steig‘ ich aus!“ Man fängt an, sich nicht gerade die schönsten Komplimente an den Kopf zu werfen. Der Purple-Manager greift schließlich zu einem ebenso einfachen wie wirksamen Mittel, um die Jungs wieder zur Räson zu bringen: Er hält ihnen die Verträge unter der Nase, die sie bei ihm unterzeichnet haben und macht so wenigstens nach aussen hin ein Ende an den Streitereien. Die Tournee kann also weiter gehen. Man tritt noch in der Schweiz, in Belgien und in Skandinavien auf, bevor im Sommer zum erstenmal in der Deep Purple-Geschichte der Sprung nach Australien gemacht wird. Für einen einzigen Auftritt in Sydney begibt sich die Band auf die lange Reise zum fünften Kontinent. Jon Lord nutzt die Stunden im Flugzeug, um die Filmmusik für den amerikanischen Western The Last Rebel zu schreiben. Im August erscheint Jon Lords Gemini Suite auf Platte. An den Aufnahmen dafür haben unter anderen Tony Ashton, Albert Lee und Yvonne Elliman teilgenommen. Im September erscheint das langerwartete Album Fireball. Gleichzeitig unternehmen die Purple-Boys zusammen mit den Faces eine US-Tournee. Die beiden Gruppen sind sich sehr schnell darüber einig, dass es die erfolgreichste Tour ihres Lebens ist. „Bei 25 Konzerten sahen uns ungefähr ’ne halbe Millionen Menschen.“ Beinahe unglaublich, aber Mitte Oktober begeben sich Deep Purple bereits erneut in die Vereinigten Staaten. Doch es bahnen sich Schwierigkeiten an. Die Presse scheint die Band mit ihren Kritiken fertigzumachen wollen. Da heißt es, den Musikern fehle jeder Funke Originalität und nur die ohrenbetäubende Lautstärke sei in der Lage, dieses Nicht-Können zu übertünchen. Beim Auftritt in New York bricht Ian Gillan auf der Bühne zusammen – ebenso in Virginia und schließlich ein drittes Mal auf dem Flughafen von Chikago. Was ist mit ihm los? Ein Vertreter der Plattenfirma kommt schliesslich auf die Wahnsinnsidee, den Purple-Sänger doch mal zur Untersuchung in ein Krankenhaus zu schicken. Dabei stellt sich heraus, dass Ian es an der Leber hat und vier Wochen lang im Bett bleiben muss.

1972 BRAND IN MONTREUX

Als es lan Gillan wieder einigermaßen besser geht, begibt die Band sich mit Frauen, Freundinnen und Instrumenten nach Montreux, um dort eine neue LP aufzunehmen, die den Arbeitstitel Machine Head trägt. Die Purple-Jungs haben sich diesmal vorgenommen, ihre Sache ganz besonders gut zu machen, zumal Fireball gar nicht so gut wie erwartet beim Publikum angekommen ist. Ein ungewöhnliches Ereignis unterbricht die Studioarbeiten jedoch bereits in der ersten Woche. Das Casino, in dem unter anderem auch Deep Purple an der neuen LP arbeitet, brennt während eines Auftritts von Frank Zappa & The Mothers Of Invention bis auf die Grundmauern ab. Das Stones Mobile Studio, das gleich neben dem Casino geparkt steht, kann zum Glück noch gerade in Sicherheit gebracht werden, sodass die Aufnahmen am folgenden Tag in einem anderen Gebäude fortgesetzt werden können. Unter dem Eindruck des brennenden Casinos entstand übrigens der Titel Smoke On The Water. Schließlich sind die Aufnahmen fürs neue Album alle im Kasten, sodass die Stücke kurz vor Beginn einer größeren US-Tournee in den Muscle Shoals Studios „abgemixt“ werden können.

1973 DAS ENDE – UND DAS COMEBACK

Ende Januar erscheint das Live-Doppelalbum Made In Japan, dessen Veröffentlichung zunächst nur in Japan geplant ist. Als sich jedoch herausstellt, wie gut die Aufnahmen gelungen sind, zögert man nicht lange und bringt das Album weltweit auf den Markt. Während schon ein paar Wochen darauf das nächste Studioalbum Who Do You Think We Are erscheint, spitzt sich die Dauerkrise unter den Purple-Musikern erneut verdächtig zu. Trotzdem rauft man sich noch einmal zu einer Tournee zusammen, die die Gruppe durch Europa, Australien und Japan führt. Am 1. Juni 1973 ist der Ofen endgültig aus. Deep Purple gibt es nicht mehr – so sieht es jedenfalls aus. Doch dann mehren sich die Gerüchte, in denen es heißt, dass vielleicht doch noch nicht alles vorbei ist. Man munkelt, der Ex-Free-Sänger Paul Rodgers würde lan Gillans Stelle übernehmen, konkrete Neuigkeiten gibt es jedoch erst, als Jon Lord im Oktober eine reichlich veränderte und verjüngte Deep Purple-Besetzung vorstellt. Zwei Mitglieder sind ausgetauscht worden, denn als Ian Gillan keinen Bock mehr gehabt hat, ist mit ihm auch Roger Glover ausgestiegen. Der neue Bassist stammt aus der englischen Band Trapeze. Er heißt Glenn Hughes und ist ganz nebenbei auch ein fantastischer Sänger. Als Leadvokalisten hat Jon Lord David Coverdale entdeckt, der eigentlich nichts weiter als Verkäufer in einer Herren-Boutique ist. Zunächst zieht die neue Formation sich auf ein stilles Fleckchen in Wales zurück, um ein neues Repertoire einzuüben. Wochen später wird in Montreux schließlich das Album Burn aufgenommen, das, als es im Dezember erscheint, von den Zeitungskritikern zum besten Purple-Album seit „Deep Purple In Rock“ erklärt wird. Damit ist für die Gruppe eine deprimierende Phase voller Unsicherheit abgeschlossen und der erste Schritt zu einem erfolgversprechenden Comeback getan.

1974 TOURNEEN, GEMIM-SUITE IN MÜNCHEN

Im Februar 1974 begibt Deep Purple sich erstmals in der neuen Besetzung nach Amerika. Diesmal wir die Tournee auf Anhieb ein voller Erfolg. Nicht anders sieht es mit den Auftritten in England, Deutschland und der Schweiz aus. Am 1. Juni 1974 wird Jon Lords Gemini Suite erneut auf einer Bühne aufgeführt. Das Konzert findet in München statt. Mitbeteiligt ist das Münchner Kammerorchester unter der Leitung des mit Jon sehr gut befreundeten Dirigenten Eberhard Schöner. Das Ereignis wird nicht nur auf der LP Windows festgehalten. Über Eurovision gelangt es auf die Bildschirme in vielen Ländern der Welt. Weitere Solisten, die diesmal bei der Aufführung mitwirken, sind Pete York (drums), Andy McKay (sax), Yvonne Elliman (voc), Glenn Hughes (bass), Ray Fenwick (gitarre) und David Coverdale (voc). Ein paar Wochen später zieht es gleich die gesamte Purple-Mannschaft nach München. Dort entsteht in den Musicland-Studios das Album Stormbringer. Im November erscheint die Platte auf dem Markt und verkauft sich ebenfalls wie warme Semmeln – obwohl die LP bei den Kritikern garnicht mal gut abgeschnitten hat. Deep Purple ist eben unverwüstlich.

WO SIND DIE ALTEN DEEP-PURPLE-MUSIKER GEBLIEBEN?

Rod Evans hat sich aus der Musik zurückgezogen. Nick Semper hat sich lange Zeit herumgetrieben. Dann schloss er sich der Band „Rocket“ an. Inzwischen gründete er seine eigene Formation: Nick Semper’s Dynamite. Mit dieser Band unternahm er Anfang 1975 eine erste US-Tournee. Roger Glover ist Chef/Produzent der Deep Purple Plattenfirma Purple Records. Außerdem produziert er die Nazareth-LPs. lan Gillan beschäftigt sich schon reichlich lange mit einer Solo-LP. In seinem eigenen Studio hat er eine konzertante Version des Titels „Child In Time“ aufgenommen, die von Jon Lord speziell für diesen Zweck

[Anm. der Online-Redaktion: Der Artikel ist aus unserem Online-Archiv und gibt daher nur die Geschichte der Band bis 1975 wieder. Nach diesem Artikel hat die Band sich aufgelöst (März 1976) und neugegründet (1984). Jon Lord ist am 16. Juli 2012 verstorben, er wäre am 9. Juni dieses Jahres 75 geworden.]

 

DISKOGRAFIE (bis zur Auflösung 76)

Shades of Deep Purple

Book of Taliesyn

Deep Purple

Deep Purple In Rock

Fireball

Gemini Suite (Jon Lord)

Machine Head

Who Do You Think We Are

Mark I & II

Burn

Windows (Jon Lord)

First Of The Big Bands (Jon Lord & Tony Ashton)

Stormbringer


So beeinflussen afroamerikanische Rhythmen von damals die Popmusik von heute
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