Denzel Curry im Interview: „Wir müssen Hip-Hop als Gemeinschaft leben“
Was hält Denzel Curry vom heutigen Hip-Hop? Im Interview spricht er über The Scythe, „Strictly 4 the Scythe“ und seine Vision für Rap als Gemeinschaft.
Als Denzel Curry an einem frühlingshaften Februarabend in den Backstage-Bereich der Dortmunder Westfalenhalle schlendert, wirkt der Rapper – in Locks und schwarzem Hoodie gegen die Dortmunder Kälte – tiefenentspannt. Dabei ist es in wenigen Minuten Zeit, die Bühne des Ruhrpott-Stadions zu betreten, wo er für niemand anderen als die Deftones das Konzert eröffnet.
Für Denzel Curry ist das bereits Routine – wäre da nicht eine Besonderheit, die ihm selbst als lässigem Support Act die Aufregung ins Gesicht schreibt: Vor kurzem hat er die Supergroup The Scythe vorgestellt, die am 6. März ihr Debütalbum „Strictly 4 the Scythe“ veröffentlicht. Die bereits erschienenen Singles „Lit Effect“ und „The Scythe“ der Gruppe um Curry, Bktherula, TiaCorine, A$AP Ferg und Key Nyata präsentieren das Album als futuristische Interpretation des Southern Hip-Hop, den einst Größen wie OutKast, Three 6 Mafia oder Goodie Mob prägten.
„Die Idee hinter der Gründung der Gruppe war es, eine Gemeinschaft zu erschaffen. Diese Künstler:innen sind meine Freunde, und ich glaube an ihre Talente. Wir spornen uns gegenseitig an, noch besser zu sein“, sagt Denzel Curry im Interview. „Wir wollen eine Community bauen.“ Das sollen Fans auch aus dem Album heraushören können, sagt der 31-Jährige, auf dessen Initiative die Gruppe entstand. „Ich bin aufgeregt, weil es das erste Mal für mich ist, in einer solchen Gruppenkonstellation zusammenzuarbeiten. Aber ich glaube an die Musik. Das ganze Album ist eine Freude, eine große Reise.“
Die Grundlage einer solchen Zusammenarbeit sei bedingungsloses Vertrauen, sagt er: „Wir waren uns einig, dass wir eine großartige Platte machen wollten. Wir haben uns gegenseitig das Hirn zermartert und konnten zusammen etwas kreieren, das für Hip-Hop als Genre von Wert ist. Und natürlich einfach Spaß macht!“
Hommage an den Südstaaten-Rap
Denzel Curry, 1995 als Sohn bahamischstämmiger Eltern in Florida geboren, ist bereits seit fast fünfzehn Jahren als Rapper aktiv. Sein Debütalbum „Nostalgic 64“ schlug 2013 wie eine Bombe in die Hip-Hop-Szene von Miami ein. Der Künstler gilt seither als einer der Pioniere des SoundCloud-Rap. „Strictly 4 The Scythe“ ist das erste vollständige Projekt von Denzel Curry seit der Albumversion von „King Of The Mischievous South“ aus dem Jahr 2024, dem offiziellen Mixtape, das seine Karriere begründete und in überarbeiteter Form wiederaufgelegt wurde.
Das kommende Werk vereint den lyrischen Scharfsinn von Curry und seinen Mitstreiter:innen mit den klassisch rauen Southern-Sounds eines jahrzehntelangen Hip-Hop-Erbes. „Wir erweisen dem Südstaaten-Hip-Hop unsere Ehre – Uncle Luke und Three 6 Mafia, UGK, 8Ball und MJG, OutKast und der Dungeon Family. Wir sind ihre Nachfahren. Unsere Vorfahren des Hip-Hop im Allgemeinen und des Südstaaten-Rap im Besonderen haben uns geholfen herauszufinden, wer wir sind, und über den Tellerrand zu schauen.“ Er habe tiefe Wertschätzung für die Kultur, in der er aufgewachsen sei, sagt Denzel Curry. Diese finde ihren Weg in seinen Schaffensprozess. „Ich möchte Musik erschaffen, die anders ist als alles, was ich bisher getan habe. Meine Musik gewinnt stets an Dynamik. Ich will Musik machen, die du in Stadien, in Clubs und in Autos gleichsam spielen kannst.“
Ein Künstlerpfad mit Umwegen
Dass seine Musik längst die Reichweite hat, um Stadien zu füllen, war für Denzel Curry lange nicht selbstverständlich. Als Schüler wurde er von der High School für Design und Architektur (DASH) im Miami Design District verwiesen. „Alles, was ich wollte, war, ein Künstler zu sein. Aus der Kunstschule geschmissen zu werden, hat mich zu dem gemacht, der ich heute bin.“ Denn der Rausschmiss hielt Denzel Curry nicht von der Kunst ab. Er erinnert sich noch lebhaft daran, wie er Jahre später, zahlreiche Erfolge im Hip-Hop später, einer ehemaligen Lehrerin der Schule auf der Straße begegnete.
Als sie seinen Namen erfahren habe, habe sie sofort gewusst, wer er sei. „Du bist der Berühmte“, habe sie gesagt, erinnert sich Curry – und lächelt. Dabei war die Zeit nach der High School alles andere als leicht, erzählt er. Seine Eltern trennten sich, ein Bruder ging an die Universität, ein anderer lieferte sich in Hinterhöfen Kämpfe, und einer musste sich um die Nichte kümmern – zwischen Schule und Gefängnis. Es seien nur er und sein Vater zuhause gewesen – und die Musik. Vorbilder wie Tyler, The Creator, Earl Sweatshirt und Big K.R.I.T., Wiz Khalifa, Curren$y und SpaceGhostPurrp bevölkerten sein Zimmer, bis Anfang der 2010er der Durchbruch gelang.
Hoffnung in die junge Generation
Erfahrungen aus dieser Zeit prägen bis heute seinen Blick auf die Welt – darunter der gewaltvolle Tod seines Bruders und bekannten Backyard-Fighters Treon Johnson durch Polizeigewalt. Dieser verstarb 2014 im Krankenhaus in Polizeigewahrsam an einem Herzstillstand, nachdem er von Beamten mit einem Taser und Pfefferspray außer Gefecht gesetzt worden war. „Das triggerte mich damals, viel kritischer auf Politik zu blicken. Ich bin kein politischer Rapper, aber was ich beobachte, kommt durchaus in meinen Songs durch.“
Polizeigewalt ist angesichts des gewaltvollen Vorgehens der US-Einwanderungsbehörde sowohl gegen migrantische Personen als auch gegen US-Bürger:innen wieder in die Schlagzeilen gerückt. Trifft ihn das besonders hart? „Es ist nicht schmerzhafter für mich als sonst, weil das schon seit Jahren vonstattengeht. Die aktuelle Situation gibt mir nur mehr Stoff, über den ich reden kann, um es den Leuten stärker bewusst zu machen“, sagt Denzel Curry. „Ich bin nie wirklich über den Tod meines Bruders hinweggekommen. Ich kann bloß von Tag zu Tag besser damit umgehen.“ Trotz der aktuellen politischen Lage ist der Rapper zuversichtlich, dass Veränderungen geschehen können. „Diese Generation bewegt sich schneller als jede vorangegangene. Die Menschen haben viel über soziale Ungerechtigkeit gelernt. Die jungen Leute schreiten voran.“
Hip-Hop als Gemeinschaft
Stolz ist Denzel Curry heute vor allem darauf, wie weit ihn die Musik persönlich vorangebracht hat. „Ich kann mit meinen Freunden die Welt bereisen, indem wir unsere Musik machen. Meine Eltern konnten sich ein Haus kaufen, mein Manager auch. Ich konnte die Musik zu meinem Leben machen.“ Nun schlägt er mit The Scythe ein neues Kapitel auf – eines, das, so hofft er, auch Hip-Hop als Ganzes nachhaltig verändern kann.
„Ich möchte, dass junge Rapper:innen verstehen, dass die alte Rap-Generation ihnen nur helfen will. Und dass die alte Generation der Rapper:innen umgekehrt aufhört, die jungen herunterzureden. Respektiert einander, lernt voneinander, und beginnt, Hip-Hop als Gemeinschaft zu leben.“







