Depeche Mode in Berlin 2013: 18 Konzert-Beobachtungen

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Depeche Mode spielten ein ausverkauftes Konzert in der O2-World in Berlin, das 14.500 Menschen erwartungsgemäß rundum begeisterte. Unser Autor Oliver Götz sammelt seine Beobachtungen von dort in 18 Punkten.

1. Ein ausverkauftes Olympiastadion im Juni und jetzt noch zweimal die O2-Arena abgefüllt! Besitzt der Begriff „Marktsättigung“ im Nachfrage-Angebot-Verhältnis zwischen Depeche Mode und Deutschland überhaupt irgendeine Relevanz?

2. Die vor Erwartungsfreude vibrierenden Menschen klatschen sofort mit, wenn der Techno-Bumms der minimalistischen Warteschleifenmusik zwischen Vorprogramm (Nadine Shah) und pünktlichem Konzertbeginn um 21 Uhr ein wenig prägnanter wird. Hätte man das geahnt, hätte man Berghain-Flyer auslegen können. Aber heute ist ja eh Montag. Und Ü-30-Partys führen sie dort wohl ohnehin nicht vor 2016 ein.

3. Wer glaubt, ein Depeche-Mode-Konzert auf den Rängen tatsächlich im Sitzen erleben zu können, wird bereits beim Erlöschen der Arena-Beleuchtung eines Besseren belehrt. Steht auf, wenn ihr Devotees seid!

4. Noch bevor der erste Song beginnt, dreht Dave Gahan seine ersten Pirouetten. Dieser Mann ist 51 und unternimmt für knapp zwei Stunden Hüftschwünge, Rotationen und rasante Gockeleien, die die meisten bundesrepublikanischen Schulsportkinder selbst für fünf Minuten überfordern würden. Aber das ist ein anderes Thema.

5. Der Opener ist, wie schon auf der gesamten Tour, „Welcome To My World“. Depeche Mode sind reich, sie können dem Angebot, den Song für diesen Abend wenigstens im Pinselgeschriebenen auf der Videoleinwand in „Welcome To My O2-World“ umzuschreiben, locker widerstehen.

6. Die Großbildleinwand kann man nicht betrügen, auch nicht mit Glitter-Augen-Make-up: Dave altert besser als Martin. Allerdings: Wenn Martin strahlt, sieht er immer noch aus wie ein Knabenchorsolist, der seinen Auftritt gemeistert hat.

7.  Andrew Fletcher steht auf jeden Fall zu exponiert auf seinem Keyboard-Podest. Man sieht viel zu deutlich, dass der Mann die Hände mehr in der Luft hat als auf den Tasten. Seine weihevollen und animierenden, aber immer auch ein wenig verloren wirkenden Gesten erinnern an einen neu eingeführten Gemeindeprediger im Mittleren Westen, der sich erst noch zurecht finden muss.

Depeche Mode – Enjoy The Silence (Live in Berlin)

8. „Black Celebration“ ist einer der Titel, die immerhin nur etwa auf jeder zweiten DeMo-Tour gespielt werden. Es ist allerdings auch der Moment, in dem einen ein leiser Zweifel beschleicht, ob es richtig ist, den amtlichen Rockschlagzeuger Christian Eigner durch das komplette Programm poltern zu lassen.

9. Kann es sein, dass Depeche-Mode-Setlisten immer überraschungsärmer werden?

10. Seit wann singt das Publikum bei Pop- und Rockkonzerten eigentlich nicht nur Refrains und Strophen, sondern auch Keyboard-Melodien und Gitarrenriffs mit?

11. Richtigstellung: Depeche-Mode-Setlisten sind schon seit sehr geraumer Zeit gleichbleibend überraschungsarm. Alle Macht dem Singles-Compilation-Käufer! Und denen, die das aktuelle Album DELTA MACHINE gut finden (fünf Titel werden daraus gespielt). Ausnahme: Martin L. Gore variiert traditionell seine Solostücke, die er zum Teil nur mit Klavierbegleitung vorträgt.

12. Als Martin das Publikum im „Understand me“-Zwischenteil des als Klavierballade dargebotenen Klassikers „Shake The Disease“ zum Mitklatschen animiert, macht sich Singspielgruppen-Stimmung breit. Dieser Rhythmus ist ein klein wenig anspruchsvoller und umso erfreuter ist man, wenn es funktioniert.

13. Martins Soloauftritte sind überhaupt sehr rührend. Vorausgesetzt, man mag sein Gesangstremolo.

14. Es gibt Frauen, die stoßen ihren Männern in die Rippen, wenn sie beim Mitklatschen Fehler machen.

15. Verschwörungstheoretiker im Publikum dürften allmählich nasse Hände kriegen: In den Videos und Animationen wird auffällig viel mit Dreiecken gearbeitet. Steckt Anton Corbijn mit den Freimaurern unter einer Decke!?

16. Das Kulissenvideo zu „Halo“ zeigt eine hübsche, junge und auch ein bisschen rätselhafte Frau in winterlicher Garderobe, die an verschiedenen Orten in Berlin das Standbild durchquert – Eastsidegallery, Reichtagsgebäude, „Schwangere Auster“ und so weiter. Wird dieses Video jeweils auf die Gastgeber-Stadt zugeschnitten? Und wenn ja, was zeigen Depeche Mode am 5. Dezember in Oberhausen, was am 4. März 2014 in Mannheim? Wir sind gespannt.

17. Ihr 32 Jahre alter Synthiepop-Hit „Just Can´t Get Enough“ klingt in diesem Programm fast schon wie eine Coverversion einer anderen Band aus einer ganz anderen Zeit. Das bedeutet allerdings nicht, dass man ihm entkommen kann.

18. Depeche-Mode-Fans schauen genau hin: Erst als sich zum Finale auch Dave und Martin umarmen, können sie beruhigt nach Hause fahren. Die Welt ist in Ordnung.


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