Der denkwürdigste Moment der Oscars 2017 war nicht das Umschlag-Chaos

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In dem großen Chaos, das bei der Verkündung des besten Film des Jahres auf der Oscar-Bühne am Sonntag entstanden ist, ging eine entscheidende Szene des Abends völlig unter. Denn als Brie Larson den Sieger in der Kategorie „Bester männlicher Hauptdarsteller“ verkündete, verweigerte sie dem Sieger Casey Affleck bewusst den Applaus und verzichtete zuvor bei den Golden Globes sogar auf die übliche Umarmung. Auch dort übergab sie ihm einen Preis (siehe Video). Hinter diesem kurzen Moment der Verweigerung verbirgt sich eine lange Vorgeschichte.

Brie Larson hat im Vorjahr den Oscar als beste Schauspielerin gewonnen, deshalb ist es ihre Pflicht, im Folgejahr den Preis an den besten männlichen Hauptdarsteller zu übergeben – so will es die Tradition der Oscars. Ansonsten hätte die 27-Jährige mit Sicherheit gern darauf verzichtet, ausgerechnet diese Kategorie zu präsentieren. Grund dafür ist die Vergangenheit des Preisträgers Casey Affleck, der bereits vor der Verleihung als Favorit auf einen Oscar galt.

 

Affleck wurde in der Vergangenheit mehrfach mit sexueller Belästigung in Verbindung gebracht, seine potenzielle Ehrung auf einer der wichtigsten Bühnen der Welt bereits im Vorfeld diskutiert. Der 41-Jährige wurde 2010 gleich von zwei Frauen angeklagt. Eine Produzentin und eine Kamerafrau behaupteten, Affleck hätte sie belästigt. Die Frauen gaben an, dass der Schauspieler sie beim Dreh zum Film „I’m Still Here“ beleidigt und zu sexuellen Handlungen aufgefordert hätte. Die Verfahren wurden damals eingestellt, Affleck konnte sich außergerichtlich mit den Klägerinnen einigen, es floss angeblich Geld.

Casey Afflecks Ruf wurde nachhaltig beschädigt, doch Hollywood liebt bekanntlich Comeback-Geschichten. Dank seiner zweifelsfrei auszeichnungswürdigen Leistung im Drama „Manchester by the Sea“ und der Mehrheit der Academy, die die Vorwürfe aus dem Jahr 2010 offensichtlich ad acta legten.

 

Doch Brie Larson erinnert sich offenbar noch sehr genau an die Klagen und kann nicht darüber hinwegsehen. Sie spielte in ihrem Oscar-Film „Raum“ zuletzt ein Missbrauchsopfer, bei der letztjährigen Verleihung umarmte sie mehrere Opfer ähnlicher Verbrechen, die bei einer Performance von Lady Gaga auf die Bühne geholt wurden.

Ihre ungewöhnliche Geste, dem Oscar-Sieger Affleck den Applaus zu verwehren, war der einzige Protest, der sich am Abend der Verleihung gegen eine anwesende Person richtete. Und dagegen, dass Hollywood zugunsten eines potenziellen Comeback-Märchens vielleicht etwas zu schnell vergisst.


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