Die besten Bilder und Auftritte vom Primavera Sound 2014

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Autor Ivo Ligeti war für uns beim Primavera Sound 2014und hat seine Eindrücke aus drei Tagen Barcelona festgehalten.Neben unserer Galerie mit den schönsten Bildern vom Festival, hier auch die Kurz-Reviews der besten und/oder interessantesten Auftritte.

Warpaint

Der Preis fürs beste Outfit geht definitiv an die Dame am Bass: Jenny Lee Lindberg trägt einen Camouflage-Overall, den sonst nur Hella von Sinnen anhaben darf. Dazu knallpinkes Haar und Turnschuhe – herrlich. Da hätte das Konzert ruhig scheiße sein dürfen. War’s aber nicht: Auch wenn Nigel Godrichs präzise Produktionsarbeit die neue Warpaint-Platte perfekt umhüllt, sind die Songs fürs Live-Setting gemacht. Die dröhnenden Keyboards von „Biggy“, die träumerischen Gitarren bei „Keep It Healthy“ und nicht zuletzt die verboten schönen Gesangsharmonien verlassen auf der Bühne ihre Umlaufbahn, kreisen unberechenbar um Stella Mozgawas treibendes Schlagzeug. Übrigens: Wer bei Öffnung der Tore direkt zur Heineken Stage gesprintet ist, konnte Warpaint vor sieben (!) Menschen vier Songs ihres neuen Albums spielen sehen. Mit der gleichen Hingabe.

Neutral Milk Hotel

Wenn es auf der Welt eine Band gibt, die man ohne schlechten Gewissens als festivaluntauglich bezeichnen darf, ist es Neutral Milk Hotel. Jeff Mangums fragile, verzweifelte aber doch von dieser kindlich naiven Hoffnung gezeichneten Songs sind für einsame Momente vorm Plattenspieler gemacht, nicht für Orte, an denen italienische Reisegruppen lauter schnattern als das Akkordeon und man zwischen zwei Songs Koks angeboten bekommt. Allein die Tatsache, dass sich Jeff Mangum dennoch genau dorthin begibt, um sein Werk darzubieten, zerstört schon dessen Mythos. Wahrscheinlich weiß er darum und klammert sich deshalb so sehr an die Songs des sträflich übersehenen Erstlings ON AVERY ISLAND – gute Songs, die im Live-Setting gut bleiben. Die fantastischen Songs von IN THE AEROPLANE OVER THE SEA verpuffen oftmals im Nachthimmel Barcelonas. Erst sehr spät, als der Mann mit dem Bart bei „Two-Headed Boy, Pt. 2“ allein mit seiner Gitarre auf der Bühne steht, lässt sich die Mangumsche Melancholie in all dem Chaos doch noch einfangen – leider zu spät.

Arcade Fire

Es ist schön, Teil eines großen Ganzen zu sein, das man selbst nicht ganz begreift. Und es ist auch schön, dass eine Arcade-Fire-Show immer noch ein unfassbares Erlebnis sein kann, obwohl man all die Glitzerastronauten, Bobblehead-Päpste und Coverversionen (diesmal gab’s ausnahmsweise keine) im Internet dutzende Male vorgekaut bekommen hat. Es ist alles genauso vollendet, wie man es erwartet: Die neuen Songs büßen live nichts von ihrer mystischen Voodoo-Stimmung ein, die alten nichts von ihrer familiären, wenn auch melancholischen Wärme. Win Butler ist genauso groß, wie man sich ihn vorstellt und Régine Chassagne genauso schön. Man wünscht sich so sehr, dass das noch nicht der Höhepunkt im Schaffen von Arcade Fire ist, aber wahrscheinlich wird der Sommer 2014 in ein paar Jahrzehnten als genau das gelten. Bands, die machen, was sie wollen, aber eben trotzdem genau das, was die Menschheit braucht, sind selten. Arcade Fire sind zurzeit die größten ihrer Gattung.

Yamantaka // Sonic Titan

Neben den fantastischen Experimentier-Metallern Wind Atlas die große Entdeckung des Festivals: Ziellos übers Festivalgelände geschlendert, an der ATP-Stage hängen geblieben und sich gefreut über… ja, was eigentlich? Kraut-Voodoo-Zirkus, Artsy-Fartsy-Performace-Zeug oder einfach nur die verrückteste Band seit den Boredoms? Alles und doch wieder nichts davon. Mit bemalten Gesichtern schwankt das kanadisch-japanische Kollektiv zwischen Minimalismus, Dadaismus, Kraut-, Post-Rock und Wahnsinn. Ob das auf Platte auch funktioniert, wird schnellstmöglich nachgeprüft. Sollte man auf dem Zettel haben!

Haim

Haim anzugucken tat etwas weh. Man schaute einer Band zu, deren Debütalbum erst ein paar Monate her ist, die ihre Clubkonzerte mit Sätzen wie „Last night I almost got pregnant“ eröffnete, die Menschen zu Vampire-Weekend-Konzerten lockte, nur weil sie selber als Vorband spielten. Heute, auf der Heineken Stage, sind sie U2: Jeder einzelne Schritt, jedes Haareschütteln, jeder zaghafte Schrei scheint geplant, nicht nur der zusätzliche Keyboarder, auch die Mädels selbst tilgen jede Lebendigkeit aus ihrem Set. Ihre sympathische Rotznasenattitüde hatte den Hype überhaupt erst möglich gemacht und hätte kommenden Erfolgen sicher nicht im Weg gestanden. Wann sie sich für die Nummer-sicher-Schiene entscheiden würden, war dennoch nur eine Frage der Zeit. Jetzt haben wir die Antwort. Die Drogen, der Streit und die große Reunion werden folgen. Außerdem sieht Estes „Bass-Face“ bescheuert aus.

Slowdive

„Die sollen sich doch alle wieder auflösen!“, sagte letztens Kollege Rehm über all die Pulps, Blurs, Stone Roses und Pixies dieser Welt. Seinen Schrank ziert übrigens ein Bild von Slowdive in jungen Jahren. Und wenn es eine Band gibt, die diesbezüglich nicht auf ihn hören sollte, ist es genau diese. Ihr Auftritt war: perfekt. In jeder Hinsicht. Allein Rachel Goswells Gesicht sprach Bände: Immer als sie auf einem der Bildschirme auftauchte, schaute sie wie ein kleines Mädchen, dass vor einem Haufen Geburtstagsgeschenken steht – in diesem Fall mehreren Tausend. Und der Sound! Eine Gitarre wusch die andere, das Schlagzeug ordnete und ließ zugleich auseinander driften, was Goswell und ihr männlicher Gegenpart Neil Halstead ihren Organen entlockten. Zum Höhepunkt geriet das zum vierten Mal überhaupt live gespielte„Crazy for You“; das repetitive Mantra „crazy for love, for love, for love…“ lässt sich getrost als schönster Moment des Primavera Sound 2014 bezeichnen. Zum Weinen.

Slint vs Deafheaven

Unter den vielen, vielen schwierigen Entscheidungen (St. Vincent vs. Neutral Milk Hotel; Kendrick Lamar vs. Godspeed You! Black Emperor; Moderat vs. Disclosure…) waren die parallel spielenden Slint und Deafheaven ein besonderer Unglücksfall: Slint haben die Geburtswehen dessen verursacht, was wir heute Post-Rock nennen, Deafheaven transferieren diese in den Metal und sorgen damit vom Wackengänger bis zum Indiekid überall für Konsens. Beides hintereinander zu sehen, wäre sinnvoll, interessant und schön gewesen, so musste aber einer dran glauben. Slint, die etwas früher begannen, erhielten den Vorzug, den sie sich aber schnell wieder verspielten: Die Rasiermesserriffs und prügelnden Schlagzeugattacken saßen alle, doch ein Album wie SPIDERLAND lebt nun mal von der Stimme Brian McMahans, die einem direkt ins Ohr zu flüstern scheint. Auf der ATP-Stage schien sie meilenweit entfernt – und heiser noch dazu. „Breadcrumb Trail“ klang mehr nach einem Grundschüler, der zögerlich vor der Klasse ein Gedicht aufsagt.

Bei „Washer“, eigentlich meinem Lieblings-Slint-Song, war Schluss mit lustig. Umso praktischer, dass sich der Beginn des Deafheaven-Sets stark verzögert hatte und man so doch noch alles sehen konnte: Im Gegensatz zu Brian McMahan, der traditionell seine Position am linken Bühnenrand mit Blick auf die Band einnahm und ungern verließ, war Deafheavens George Clarke ein regelrechter Paradiesvogel. Würde Dave Gahan morgen Depeche Mode verlassen, Clarke wäre ein würdiger Ersatz: Ein schier unerschöpfliches Repertoir an eingebildeten Posen, strengen Blicken und spontanen Sprints machten aus der Bühne seinen Spielplatz. Clarke war in einer Sekunde Dirigent von Band und Publikum, konnte mit einem Wimpernzucken alles kontrollieren, was um ihn geschah. In der nächsten verschwand er in seinem selbstzerstörerischen Kosmos, spie seine unverständlichen Worte von Vereinsamung und Untergang ins Mikrofon und seine Rotze in den Bühnengraben. Was für ein Auftritt! Als Sänger einer Band, die zum Großteil instrumentale Musik macht, hat man es nicht leicht – George Clarke holt da das Optimum raus, Brian McMahan das Minimum. Ob es bei Slint auch einen Fan gab, der sich noch Minuten nach dem letzten Song in seinen eigenen Tränen auf dem Boden gewälzt hat? Ich bezweifle es. 1:0 für Deafheaven.

Kronos Quartet

Auch wenn die Pre- und Post-Shows im Kinosaal des Apolo sicher eindrucksvoll waren: Die schönste Bühne des Primavera ist und bleibt der Vorlesungssaal des Museu Blau. Nicht nur die Architektur ist von innen wie außen ein Augenschmaus, auch die Auswahl der Künstler schien schlüssig: Das stets wunderbare Avantgarde-Prinzesschen Julia Holter, Kim Gordons Geräusch-Projekt Body/Head und gleich zwei ehemalige Bad Seeds auf Abwegen: Blixa Bargeld gab italienisches, Mick Harvey französisches Liedgut zum Besten. Die ungewöhnlichsten Gäste dürften dennoch Kronos gewesen sein. Doch die Frage, ob ein Streichquartett auf einem Festival überhaupt funktionieren kann – sofern sie sich überhaupt jemand stellte – war nach den ersten Takten schon beantwortet: Das Bryce-Dessner-Stück „Aheym“ fungierte als zackiger, aufwühlender Auftakt einer großen Reise durch 35 Jahre zeitgenössiche Klassik und Avantgarde. Mal sanft striegelnd, mal unelektronisch ambientesk spielen sich die vier Musiker wie eine Maschine durch ihr Repertoire, zweckentfremden einen Plattenspieler, verwenden Drumcomputer, bauen elektronische Samples ein, covern sogar ein Stück von Omar Souleyman (!). Und wer hätte es gedacht: die letzten Takte den Schlussstücks dürften wohl das Lauteste gewesen sein, was in diesem Primavera-Jahrgang über die Boxen ging. Nichts da, Hochkultur!

Television performing MARQUEE MOON

Was mir erst aufgefallen ist, kurz bevor die Grande Dame des Art Punk die Bühne betrat: Ich kenne, obwohl MARQUEE MOON zu meinen Lieblingsalben gehört, kein einziges Foto von Television – außer das Coverportrait ebenjener Marquee-Moon-Hülle. Umso größer die Enttäuschung, als die Herren die Bühne betraten: Nur Sänger Tom Verlaine sieht aus wie eine alte Version des hageren Burschen auf dem Cover, alle anderen wirken eher wie Mitglieder einer aktuellen Inkarnation von, Verzeihung, Lynyrd Skynyrd. Sie blicken zufrieden auf die Menge herab, bewegen sich kaum und reden spärlich – was ja nichts Schlimmes ist. Mehr kann man von Herren in diesem Alter, die seit über zwanzig Jahren kein neues Material aufgenommen haben und jetzt auf Tour gehen, nicht erwarten. Schlimm ist dagegen, was sie mit ihrem großen Klassiker machen: MARQUEE MOON wird vom Punk-Meilenstein zum 4-Sterne-Alt-Rock-Album degradiert. Tom Verlaine verschwindet nach jedem Song hinter der Bühne, um sich beim Techniker über irgendwas zu beschweren, obwohl der Sound doch das einzig Gute an der Darbietung ist. Die durcheinander gewürfelte Tracklist zerstört den Spannungsbogen der Platte, Verlaines Gesang ist – bis auf das exzellent vorgetragene Titelstück – miserabel bis okay, aber nie so markerschütternd, wie es das Material erfordert.

Foals

Der NameFoalsist auf dem offiziellen Line-Up-Poster in einer deutlich kleineren Schriftgröße gedruckt als die Namen von Laurent Garnier, !!! und Chvrches. Umso entschlossener fiel morgens um zwei auf der Sony Stage die Richtigstellung aus: Nicht jede Band kann es sich leisten, „My Number“ und „Spanish Sahara“ so früh im Set zu verfeuern. Und noch weniger Bands verfügen über einen Frontmann wie Yannis Phillipakis: Der verbringt gefühlt kaum Zeit auf der Bühne, sondern geht lieber Stagediven, schreitet den Bühnengraben auf und ab, und tigert Fans abklatschend im Mittelgang herum. Mit Gitarre um den Hals, Zigarette im Maul und leerem Blick sieht das einfach grundcool aus. Für Leute, die keine Energie mehr für eine Tanzstunde mit Cut Copy hatten: ein würdiger Festival-Abschluss. Der Headlinerslot auf dem nächsten Glastonbury ist nicht mehr nur realistisch, sondern eigentlich reine Formsache.


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