#DAHEIMDABEIKONZERTE

Die Evolution Mando Diaos: Ihre Alben im Überblick | Diskografie


Von BRING 'EM IN bis BANG: Hier eine Übersicht der Rezensionen, die seit Mando Diaos Debüt im Musikexpress über ihre Platten erschienen sind. Am 11. Mai könnt Ihr die Band im Rahmen unserer #DAHEIMDABEIKONZERTE von zuhause aus erleben.

ODE TO OCHRASY (2006)

Ran ans Eingemachte, so wollen es die Jungs doch haben. Also gut: „Hurricane Bar“ war nichts. Mando Diao haben mit ihrer zweiten Platte versagt. Das war nicht nur ein Problem der zu glatten Produktion, der widerspenstigen Zähmung, wie die Schweden selbst einräumen. Es fehlte dem Album vor allem an genügend Songs, die einen am Schlafittchen packen. Als dann trotzdem erstaunlich viele junge Menschen, weibliche vor allem, losstürmten, die Platte kauften, Konzerthallen überfüllten und diese so aufreizend rebellisch-süße Kapelle über den Haufen rannten wie eine real existierende Indieboybandsensation eben, war der Fall klar: Selbstverständlich muss diese Musikgruppe fortan nicht mehr rockernst genommen werden. „Yam“ und „Bravo“, „Stern“ und „Spiegel“, bitte übernehmen!

Wer sich mit diesem standgerichtlichen Urteil erst einmal gemütlich eingerichtet hat, möchte freilich ungern aus dieser Pose der Überlegenheit gerissen werden. Aber es lohnt sich das erneute Gezerre. Denn mit ODE TO OCHRASY sind Mando Diao nicht nur zu Tempo und Leidenschaftsbekundungslevel des Debüts zurückgekehrt. Sie haben vor allem Songs geschrieben, wie sie noch keine geschrieben haben. Sie haben ihre beste Platte gemacht.

Auf ODE TO OCHRASY gibt es auch wieder ein paar Mando-Style-Standards, in denen sich nach wildem oder melodramatischem Beginn hektische, mindestens dringliche, mit wirkungsvollen Leadgitarrenlinien unterfütterte Strophen in durchschnaufende Bridges fügen, die genug Anlauf bieten, um uns schließlich bis weit über den Maßstrich Refrains einzuschenken, die einen besoffen machen können vor Glück. Keine Rede vom Baukastenprinzip, aber kunsthandwerkliches „Von den Alten lernen“ ist das schon – auf einem Niveau, das selbst im Schwedenpop, der im Nachspüren angloamerikanischer Traditionen herausragende Fertigkeiten beweist, nur wenige Beispiele kennt.

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Mando Diao zeigen auf ODE TO OCHRASY jedoch zudem immensen Willen und Fleiß, ihren Standard fortzuentwickeln. Mit den Köpfen weiterhin im Sound von vorgestern (wir fühlen uns u. a. an Dylan, die Doors, Van Morrison, aber vor allem wieder an The Who, die Stones usw. erinnert). Mit ihrer gewissermaßen zeitlosen weil genügend eigensinnigen Vision von Rock ’n‘ Roll.

Vor allem sind es die hervorragenden Arrangements und kleinen kompositorischen Kunstgriffe, die ODE TO OCHRASY zur besten Platte Mando Diaos machen – die in pure Lust am Toben mündende gegenseitige Aufputscherei von Gustaf und Björn in „Long Before Rock ’n‘ Roll“, der trockene Groove von „Josephine“, all die Klischees der formvollendeten Schnulze „The New Boy“, der nicht weniger klischeehafte, aber ebenso überzeugend in Szene gesetzte Countryswing von „Good Morning Herr Horst“, das so schwindelig wie selig machende Singen von Orgel und Leadgitarre im „Song For Aberdeen“ u.v.m.

Wer Mando Diao dennoch vorwerfen mag, dass das alles hier in all seiner so geschmackvollen Komposition der überlieferten Tricks und Mittel, mit seinem wohldosierten Gekreische und Rumgeflippe, den bis ins besonders milde Vibratodetail manierlichst gedengelten Gitarrennoten, diesem clever zwischen 6os-Geschepper und Phil-Spector-Tambourin-In-Cathedrals-Sounds tarierten Klangerlebnis viel zu ausgedacht und überlegt klingt, dem sei gesagt: Es ist doch bitteschön zu hoffen, dass sich möglichst viele Liedautoren da draußen immer ganz doll was überlegen und ausdenken. Das nennt man Songwriting. Wir reden bei Rockmusik schließlich mindestens genau so viel über Kalkül wie über Inspiration und Spontaneität. Und wir reden darüber, dass eine gute Rockband nun aber den Eindruck erwecken kann, dass dieses Riff, dieser Refrain, dieser Song genau so und nicht anders hier und jetzt aus ihr heraus musste. Mando Diao beherrschen die Verquickung dieser beiden Disziplinen wie kaum eine zweite Band in diesen Tagen.

Und deshalb haben sie auch jedes Recht, ihre neue Platte mit welcher auch immer von den Beatles zu vergleichen. Über die Kinks zu richten, über The Who und über alle aktuellen Bands sowieso. Weil sie sich dieses Recht nehmen. Und wenn es eine Botschaft gibt auf dieser Platte, mit ihrem clever abgeschauten Rock ’n‘ Roll-Storytelling über Geilheit und Gefahren, Blackouts und Realitätsfluchtgelegenheiten, die der einschlägige Lifestyle eben so mit sich bringt, dann lautet sie – wir erfahren sie übrigens nicht zwischen den Zeilen, sondern in den vordergründig euphorischen, gezielt entfesselten Augenblicken, in jenen des unbedingten Willens, der höchsten Dramatik, des offensichtlichsten Klischees – und diese Botschaft lautet: Rock ’n‘ Roll gehört auch rund 50 Jahre nach seiner Landung nicht den Verwaltern und Bürokraten, Sammlern und Chronisten, Gelehrten und Klugschwätzern. Rock ’n‘ Roll ist zwingend Gegenwart und in dieser nur ein kurzer Moment und dann vielleicht noch einer, und wenn alles besonders gut läuft, und das tut es bei Mando Diao IN DIESEM AUGENBLICK, sogar noch ein paar mehr. (Oliver Götz)