Die Frau hinter der Maske


Öffentlich verkaufte sich die ungekrönte Queen of Pop als tabusprengende Sex-Göttin. Dann mußte sie Rückschläge einstecken: der Karrieresprung von der Pop-Katze zum Leinwandstar ging in die Hose. Nun besinnt sich Madonna auf sich selber.

Tränen im Vorführkino: Als Madonna die fertig geschnittene Fassung ihres letzten Filmes ‚Dangerous Game‘ ansah, fing die als knallharte Geschäftsfrau bekannte Künstlerin vor Frust an zu heulen. Regisseur Abel Ferrara hatte ihre Hauptrolle am Schneidetisch so verändert, daß Madonna von der kämpferischen Frau zur Verliererin mutierte. Der Streifen floppte. Und das war nicht nur für die Schauspielerin Madonna ein harter Schlag, sondern auch für die Filmproduzentin Madonna. Die 36jährige hatte den Film, bei dem unter anderem Kassengarant Harvey Keitel mitmischte, mit ihrer eigenen Multimedia Firma Maverick finanziell unter die Fittiche genommen. Wieder mal war eines ihrer Projekte völlig außer Kontrolle geraten. Es gibt fast nichts, was die Queen of Pop mehr haßt. Noch dazu, wenn Prioritätsstufe Eins betroffen ist: die Altersperspektive Film, für Madonna die einzige ernstzunehmende Alternative zum Popgeschäft, von dem sie sich langsam verabschieden wollte und deshalb in den letzten Jahren provokativ die Karte Sex bis zum Geht-Nicht-Mehr ausgereizt hatte. Nun singt sie wieder.

Madonna Louise Ciccone gehört zu den Mächtigsten und Reichsten im internationalen Showgeschäft. Ihre Karriere ist der gelebte Traum vom italienischen Einwanderer-Kind zur Millionärin. Die Millionen hat sie alleine gemacht, ohne „freundschaftliche“ Hilfe mächtiger Männer. Im Gegenteil, Manager Freddie DeMann, der einzige Mann, der in ihrer Karriere etwas zu sagen hat, wurde von ihr persönlich angeheuert und steht in der Business-Hierarchie deutlich unter ihr. DeMann leitet die Produktionsfirma Maverick, die sich mehr als andere Companies in Hollywood der Nachwuchsförderung widmet und damit wenigstens Erfolg hat: die Maverick-Band Candlebox zum Beispiel zählt zu den heißesten Geheimtips der Branche.

Unter den Power-Figuren Amerikas gilt Frau Ciccone als eine der gewieftesten Geschäftsfrauen, die das Produkt Madonna perfekt vermarktet und keinen Trick ausläßt, um ihr Ziel zu erreichen und zu behaupten – die wichtigste und einflußreichste Figur des Show-Biz zu sein. „Ich bin kein Kontrollfreak. Ich weiß nur, was ich will.“ behauptet sie mit ihrem schönsten Lächeln. „Ich treffe meine Entscheidungen am liebsten spontan und aus dem Bauch heraus.“ Aber in Wirklichkeit ist jedes Karriere-Detail, jede skandalöse Änderung ihres Images, selbst der Charme bei ihren Interviews genau kalkuliert. Nichts ist dem Zufall überlassen Übrigens auch nicht, wenn es den Bauch mit dem gepiercten Nabel betrifft. Insider wissen, daß selbst die Affäre mit dem Schauspieler Warren Beatty nur ein Bluff war, ein strategisch ausgetüftelter Promotiontrick, um den Film ‚Dick Tracy‘ und den dazugehörigen Soundtrack auf Verkaufstouren zu bringen. „Wir haben nie miteinander geschlafen. Beatty ist doch überhaupt nicht mein Typ“, gestand sie einem Freund. So wundert es nicht, daß sie der Klatschpostille Tango auf die (angeblich von Lesern gestellte) originelle Frage nach Beattys Qualitäten als Lover großartig zu Protokoll gab: „Ich glaube, er ist ein sehr guter Liebhaber. Wir sind auch immer noch befreundet.“

Die öffentliche Frau Madonna hat wenig mit der privaten zu tun. Immer noch leidet Madonna unter der Trennung von ihrem Ex-Mann Sean Penn, der mittlerweile längst eine Familie gegründet hat, und den sie – ganz einfach – „falsch eingeschätzt“ hat, wie sie ihren wenigen guten Freunden eingesteht. „Ich wünsche mir auch eine Familie“, verkündet sie jetzt, „mit drei Kindern. Möglichst schnell. Meine biologische Uhr tickt.“ Recht so.

Schließlich ist sie selbst von italo-amerikanischen Eltern aufgezogen worden, die sich rührend um sie kümmerten. Ironischerweise leidet die katholisch erzogene Sex-Provokateurin vor allem darunter, daß ihr Vater ihre Erfolge meist mit Desinteresse oder sogar Mißfallen straft. Die Anforderungen, die sie an ihren Idealpartner stellt, sind so weit weg von der öffentlichen Madonna, daß sie aus einer Suchanzeige für einen Brieffreund stammen könnten. Der Frau, die sich bisher am liebsten mit repräsentativen männlichen Begleitern wie Models oder Schauspielern zeigt, ist es am wichtigsten, „…daß ein Mann Humor hat. Sonst ist er reine Zeitverschwendung. Außerdem braucht mein Traummann einen guten Schuß Selbstvertrauen. Wenn er dann auch noch ehrlich, sensibel und intelligent ist, könnte ich sogar jemanden akzeptieren, der Cowboystiefel trägt“, witzelt die 36jährige. Am liebsten hätte sie ein ….. ganz normales Familienleben, nicht unbedingt vor dem Fernsehapparat“, aber auch nicht allzu weit weg davon. Wo bleiben die handfesteren Qualitäten, die sie in ihren Songs und Videos so gerne beschreibt?

Kein Wunder, daß es im Leben der Pop-Ikone, die ihre Fans gerne dazu aufruft „endlich ihre eigene Sexualität zu entdecken und zu genießen“, auch immer wieder mal sexuelle Durststrecken gab. „Ich habe viel weniger Sex, als die meisten“, klagt sie schon mal. Madonna hat sich zu diesem Problem bisher nur indirekt

geäußert. An ihrem Tourneefilm ‚In Bed With Madonna* interessierte viele Fans nur eine Frage: Wie fühlt sich eine Frau, die einen Abend lang diverse Sexpraktiken auf der Bühne vormacht und danach allein ins Bett geht? Kein Wunder auch, daß sie im selben Film dem eigenen Kamerateam ausgerechnet dann immer die Tür vor der Nase zuschlug, als die Probleme wirklich hautnah wurden. Natürlich dementiert sie die Gerüchte über ihre Einsamkeit. Daß sie sich deshalb in lesbische Beziehungen flüchtete, wie die Boulevardpresse berichtete, bestreitet sie inzwischen auch. Sie habe diese aber lange Zeit nicht dementiert, „…weil ich daran auch nichts schlechtes finde.“

Daß ehemalige Freundinnen wie Sandra Bernhard sie öffentlich verbal mit Schlamm bewarfen, hat sie verletzt. Trotzdem bewies Madonna Stärke: Sie schlug nicht zurück, sondern entschuldigte Bernard mit schützenden Erklärungen: „Alles nur Mißverständnisse.“ Wie dünn die zur Schau gestellte Haut in Wirklichkeit ist, erzählt ein Fotograf, bei dessen Fotosession sich die blonde Diva über einen roten Make Up-Fleck auf ihrem grünen Pulli dermaßen echauffierte, daß sie erstmal eine Dreiviertelstunde mit ihrer Freundin telefonieren mußte, um wieder Ruhe in die aufgewühlte Psyche zu bringen.

Schluß mit dem Schmutz soll sein. Jetzt will Madonna endlich wieder als Künstlerin anerkannt werden. Nach dem Sex Triptychon, das aus der ‚Eroctica‘ CD, dem Buch ‚Sex‘ und dem ‚Basic Instincts‘-Verschnitt ‚Body Of Evidence‘ bestand, ist das Thema „Offensive Sexualität“ erstmal passe, nicht zuletzt weil Madonna von den Medien wegen des Overkills mit Häme überschüttet wurde. Madonna gab den schwären Peter kurzerhand zurück: „Ich werde dafür bestraft, daß ich ein weiblicher Single bin und Spaß am Sex habe“, beschwert sie sich.

Immerhin hat sie für ihr aktuelles Album ‚Bedtime Stories‘ die Konsequenzen gezogen. Für die Aufnahmen hat sie sich bedeutend mehr Zeit genommen als bisher. In den neuen Songs, für die sie sich Hilfe bei Nellee Hooper, Dallas Austin und Dave Hall holte und bei denen Björk als Songautorin und Freundin Me’shell NdegeOcello als Backgroundsängerin mitmachten, „geht es um die romantischen Aspekte der Liebe, speziell der unerwiderten.“ Außerdem sind Songs über eine neue, bisher geheimgehaltene Liasion mit dabei. Die Richtung stimmt: „Madonna macht wieder das, was sie am besten kann“, jubeln die Kritiker über die neue, alte poplastige Königin, die mit sicherem Karriere-Instinkt vom deftigen Mae West-Image zum liebesbedürftigen Heimchen am Herde avanciert. Diesmal liegt sie damit der Wahrheit ziemlich nah. -‚ Jetzt aber ist erstmal Ausruhen angesagt. Workaholic Madonna gibt dem Bedürfnis nach einer winzigen Portion Privatleben in der letzten Zeit wieder häufiger nach. Sie joggt mit ihrem Pitbull Baby Pepito, geht in Clubs und ab und zu besucht die passionierte Kunstsammlerin eine Galerie: „Am meisten hat mich zuletzt eine Ausstellung mit Werken beeindruckt, die von Hitler verboten waren. Eine ekelerregende Vorstellung, daß Menschen auf diese Bilder gespuckt und Schimpfwörter drüber geschmiert haben.“

Natürlich zieht es Madonna auch gelegentlich ins Kino. Als sie in Miami – wo sie sich vor kurzem neben Los Angeles und New York den dritten Wohnsitz zulegte ¿ bei einem Kinobesuch ohne Bodyguards von zweifelnden Fans auf ihre Ähnlichkeit mit Madonna angesprochen wurde, heuchelte sie schlagfertig: „Komisch, das sagt mir dauernd jemand“ und hatte die skeptischen Verehrer vom Hals.