Die Paten-Enkel


Mafia-Mama in Hollywood: 18 Jahre nach "Der Pate" machen sich die Gangster im Kino breit wie selten zuvor. Was steckt hinter der Faszination am organisierten Verbrechen?

Respekt. Jeder Mensch wünscht sich Respekt. Der Mann aus Little Italy in New York bekommt mehr als genug davon. Wenn der Name Carmine Sabatini ausgesprochen wird, dann ändert sich der Tonfall. Der Name steht für blutige Überfälle, für Erpressung und Mord. Der Name steht aber auch für das, was sich Carmine Sabatini durch Verbrechen erworben hat: Geld, Macht – und Respekt.

Marion Brando spielt in „The Freshman“ einen schrulligen Paten kurz vor der Pensionsgrenze und zitiert damit seine legendäre Rolle als Don Corleone in Francis Ford Coppolas „Der Pate“ 1 von 1972. Brando zitiert die Rolle nicht nur, er parodiert sie, daß es eine wahre Freude ist – und er parodiert gleichzeitig ein ganzes Genre: Der Gangsterboß, der in seiner radikalen Umsetzung des amerikanischen Traumes alles erreicht, was sich die meisten insgeheim wünschen.

Daß er dabei über Leichen geht, nun ja, das gehört eben zum Geschäft. Im Grunde seines Herzens aber ist der Pate ein besorgter Familienvater, der für seine Schäfchen tut, was er kann. Wenn sich zum Beispiel Marion Brando in „Freshman“ mit der Grazie eines Elefanten auf Schlittschuhe wagt, da möchte man den alten Mann am liebsten streicheln. Auf jeden Fall ist er einer, dem man Respekt zollt – nicht weil man muß, sondern weil ihm Respekt gebührt. Schade nur, daß man solche Menschen nur im Kino kennenlernt.

„Die Erfahrung zeigt, daß Gangsterfilme in schwierigen Zeiten als eskapistische Unterhaltung sehr beliebt und erfolgreich sind“, erklärt Martin A. Grove von der Film-Tageszeitung „Hollywood Reporter“. Angesichts der Welle von Gangsterfilmen, die in diesen Monaten auf uns zukommt, kann man nur folgern, daß Hollywood die beginnenden 90er Jahre für eine extrem schlechte Zeit hält.

„Ich habe Männer gesehen, die soviel Macht besaßen, daß es regelrecht von ihnen abstrahlte“, erinnert sich Martin Scorsese an seine Jugend auf New Yorks East Side. Zwischen den Einwanderern aus Sizilien begegnete er dem Phänomen Mafia zum ersten Mal. Die Faszination hielt sieh bis heute. Auch wenn Scorsese anführt, sein „Good Feilas“ entzaubere den Mythos – ein guter Gangsterfilm macht seine Hauptfiguren immer zu Helden. Seit Edward G. Robinson in „Linie Caesar“ den Gangsterfilm der 30er Jahre eröffnete, genießen auch die Paten das Rampenlicht. Al Capone war von „Scarface“ (1932) derart begeistert, daß er eine große Party für Regisseur Howard Hawks schmiß. Rückblickend auf seine Zusammenarbeit mit Copolla ist deshalb die Einschätzung Robert De Niros gar nicht so weit hergeholt: „‚Der Pate‘ hat sicher mehr für das organisierte Verbrechen getan als vieles andere. „

Bei solchem Glanz für das Böse sind die warnenden Zeigefinger nicht weit. Der Journalist Dagobert Lindlau meldete sich kürzlich wieder als Mafia-Experte zu Wort. In Wirklichkeit, so Lindau, seien die Banden viel brutaler, nähmen keine Rücksicht auf Frauen und Kinder und linkten sich untereinander, wo es nur ginge. Von wegen Familie! Das Kino möge dies bitte auch so darstellen. In Wirklichkeit, möchte man hinzufügen, kann Superman gar nicht fliegen.

„Gangsterfilme sind die logische Reaktion Amerikas auf dessen eigene von Gewalt beherrschte Gegenwart“, vermutet Gabriel Byrne, der englische Hauptdarsteller von „Miller’s Crossing“. An einer Erklärung, warum heute die Mafia das Kino erobert wie seit den 30ern nicht mehr, versucht sich schließlich der Programmdirektor des New Yorker Film Festivals: „Gangsterfilme kann man wie ein perverses Spiegelbild des Kapitalismus sehen“, sagt Richard Pena. Wie in den 30ern, so Pena, haben wir einen gnadenlosen Wirtschaftsboom hinter uns, der vor allem die Reichen reicher gemacht habe. In einer Welt, in der die Banken einem aufgeblasenen Big Mäc wie Donald Trump die Milliarden in den Arsch bliesen, stelle die Mafia eine ausgleichende Gerechtigkeit dar.

Das läßt sich natürlich von Robo-Cop auch behaupten. Aber was ist der Blechbulle schon gegen einen Gentleman wie AI Capone und sein unwiderstehliches Motto: „Weiter als mit einem freundlichen Wort kommst du im Leben mit einem freundlichen Won und einer Kanone. „