Kommentar

Drohungen gegen Feine Sahne Fischfilet: „Hitlers Enkel“ missbraucht die Angst nach dem Bataclan-Terror

Fast auf den Tag genau drei Jahre ist es her, dass in Paris ein Albtraum wahr wurde. Islamisten zündeten eine Bombe in der Nähe des Stade De France, in dem sich gerade Deutschland und Frankreich maßen, Besucher von Restaurants wurden ohne Vorwarnung erschossen, schließlich stürmten Bewaffnete das Konzerthaus Bataclan, verwandelten mit Dauerfeuer ein Konzert der Eagles Of Death Metal in ein Blutbad. An diesem Abend, in dieser Nacht starben 130 Menschen, mehr als 600 wurden verletzt.

Nicht nur die schiere Anzahl der Opfer hob die Angst vor weiteren Terrorangriffen in der Folge auf ein neues Niveau. Die Tatorte, Stätten des Sports und der Kultur, symbolisierten, dass Terrorangriffe überall stattfinden können. Dass nicht nur Flughäfen oder politische Einrichtungen Ziele sind, sondern auch Orte, die eigentlich Alltagsflucht und Vergnügen versprechen. „Jetzt hat der Terror die Grenze der Popkultur überschritten“, schrieb Musikexpress-Chefredakteur Albert Koch 2015 nach den Taten. Jeder, der in der Berliner Mercedes-Benz-Arena oder dem Olympiastadion in den vergangenen Jahren seinen vor den Paris-Anschlägen erlaubten Hipster-Beutel vor der Venue abgeben muss, der spürt, wie Angst ein bisschen Alltag geworden ist. Und ist meist genervt davon.

Bombendrohung bei Konzert in Chemnitz

Die Angst vor Terror sollte sich seit Paris leider noch mehrfach als berechtigt erweisen, zum Beispiel beim Selbstmordattentat nach dem Ariana-Grande-Konzert in Manchester im Mai 2017, bei dem 22 Konzertbesucher starben, viele von ihnen waren noch nicht einmal volljährig. Die Attacken auf Konzerte oder öffentliche Veranstaltungen in den vergangenen Jahren fühlten sich besonders „nah“ an, weshalb sie auch ihren Anteil an der Islamfeindlichkeit und der Ablehnung von Geflüchteten haben, die sich in Teilen der europäischen Bevölkerung manifestiert hat. Selbst wenn der Attentäter vom Breitscheidplatz ein Tunesier war und ganz bestimmt nicht im Sinne des Islam gehandelt hat.

Die Anschläge auf Kulturstätten waren Wasser auf die Mühlen der Rechtspopulisten, natürlich auch in Deutschland. „Grenzen zu“ und „Raus mit denen“ lässt sich besser skandieren, seitdem die Angst vor weiteren Anschlägen im öffentlichen Raum immer wieder ein bisschen hochkommt, sobald Veranstalter von „erhöhten Sicherheitsmaßnahmen“ sprechen und schwere Betonklötze Weihnachtsmärkte und Stadtfeste schützen sollen.

Mit den Ereignissen der vergangenen Jahre im Hinterkopf erscheint es nun besonders perfide, was sich in den vergangenen Tagen im Vorfeld oder während einer Veranstaltung der Band Feine Sahne Fischfilet abgespielt hat. Am Donnerstag spielte die Band in Chemnitz, bereits im September traten sie dort auf dem „Wir sind mehr“-Konzert auf und spielten gegen Rassismus und Rechtspopulismus an. Die Band engagiert sich seit Jahren gegen Nazis, handelte sich durch einige Textzeilen aber auch zeitweise eine Beobachtung durch den Verfassungsschutz ein. Diese Tatsache wurde nach „Wir sind mehr“ wieder zum Thema, die Band zum Hassobjekt vieler Rechtspopulisten und Ausländerfeinde.

„Vollmantelgeschosse aus Sturmgewehren“

Am Donnerstagabend nun übermittelte eine bisher unbekannte Person eine Bombendrohung bei der Chemnitzer Polizei. Das vermeintliche Ziel sei das Konzert der Band im Alternativen Jugendzentrum gewesen, 550 Gäste waren in Gefahr. Die Polizei Chemnitz räumte den Saal, durchsuchte das Gebäude und wurde zum Glück nicht fündig – das Konzert fand statt.

 

Zwar ist im Fall der Bombendrohung von Chemnitz noch nichts aufgeklärt, der unbekannte Anrufer noch nicht identifiziert. Das Schema erinnert aber an einen Vorfall, der sich einen Tag zuvor zutrug. Am Mittwoch sollte in einem Kino in Bad Schwartau (Schleswig Holstein) die Dokumentation „Wildes Herz“ von Charly Hübner gezeigt werden. Darin geht es um das politische Engagement von Feine Sahne Fischfilet, die vor allem in ihrer Heimat Mecklenburg-Vorpommern Kampagnen gegen Rechtspopulismus und auch die AfD gestartet hat. „Wildes Herz“ sollte Schülern gezeigt werden, wegen Sicherheitsbedenken wurde der Termin allerdings abgesagt. Via Mail drohte ein selbsternannter „Enkel von Adolf Hitler“ damit, das Kino in die Luft zu jagen, unter anderem berichtete die „taz“ darüber. „Volksverräter“ würden laut Drohung außerdem „mit 7,62mm Vollmantelgeschossen aus Sturmgewehren“ erschossen werden.

Sabotage und Einschüchterung

Innerhalb von zwei Tagen wurden zwei kulturelle Veranstaltungen mit den Ängsten konfrontiert, die in den vergangenen Jahren mehrfach Realität wurden. Und in den sozialen Netzwerken gab es noch Applaus für die Unbekannten, die mit ihren Aktionen nicht nur eine von ihnen verhasste Band ins Visier nehmen, sondern eben auch etliche weitere Menschen. Ein Kino und eine Konzerthalle wurden zu Zielen von Anschlägen erklärt, auch wenn Gott sei Dank „nur“ mit dem Zweck der Sabotage und Einschüchterung. Dass diese Straftaten mutmaßlich von Tätern aus dem rechten Spektrum begangen wurden, offenbart besonders die moralische Verdorbenheit der aktuell von sich selbst berauschten rechten Bewegung in Deutschland.

Denn immerhin wurde an zwei Tagen hintereinander mit den Ängsten gespielt, mit denen sich Rechtspopulisten und handfeste Nazis ihr Weltbild vom gefährlichen Einwanderer, vom todbringenden Islam überhaupt erst anständig geredet haben. Die Angst vor Anschlägen war Öl im Feuer von demokratiefeindlichen, hetzenden Bewegungen. Und sie wird nun offenkundig genutzt, um Gegner dieser Ideologie einzuschüchtern. „Der Enkel Adolf Hitlers“ nutzt die Mittel von radikalen Islamisten. Eine Pointe, über die niemand lachen kann.

Die Unbekannten, die den Kulturbetrieb für das verachtenswerte Spiel mit der Angst und ihre Ideologien genutzt haben, müssen schnellstmöglich ermittelt werden. Denn diese zwei Situationen dürfen unter keinen Umständen Vorbildfunktion für Trittbrettfahrer bekommen.


Nach Bauhaus-Ausladung: Feine Sahne Fischfilet treten doch in Dessau auf
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