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Interview

Musiker*innen und der ausgefallene Festivalsommer: 10 Fragen an Blond

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Es ist, wie es ist: Die Coronakrise ist für Musiker*innen der Supergau. Als fest stand, dass der Festivalsommer 2020 ins Wasser fällt, hat auch das Chemnitzer Trio Blond einen Moment gebraucht, um die Situation zu akzeptieren. Wenn Johann Bonitz und die Schwestern Lotta und Nina Kummer nicht mehr zusammen Musik machen können und eine Absage nach der anderen hereinkommt, ist es verständlich, dass der Optimismus schwindet. Ein Telefonat mit Nina Kummer.

ME: Ihr seid von den Ausfällen ziemlich hart betroffen. Wie viele Shows und Festivals sind es insgesamt?

Nina Kummer: So circa 30 Festivals und wir hätten auch noch eine Support-Tour für einen anderen Künstler gespielt, das wären nochmal zehn Auftritte oder so gewesen. Ich hoffe, dass es sich bis zu unserem Tourstart am 22. Oktober wieder regelt. Die Frage ist, ob wir Glück haben, weil wir noch nicht so groß sind und ob wir dann in Clubs mit einem Fassungsvermögen von maximal 500 Leuten spielen dürften.

Hattet Ihr Euch zu Beginn der Coronakrise bereits auf die Absage des Festivalsommers vorbereitet?

Darauf vorbereitet haben wir uns nicht. Man konnte es irgendwann absehen, aber es war trotzdem eine Sache von Wochen – und Konzerte plant man ja ein halbes Jahr im Voraus. Wir hatten Glück, dass wir unsere allererste Tour zu unserem Album noch spielen konnten. Lotta und ich machen manchmal noch so ein Performance-Projekt bei Ausstellungen. Bei zwei Eröffnungen hätten wir eigentlich auch noch musiziert und dachten: Das funktioniert ja wohl noch! Aber auch die wurden abgesagt. Die ersten Wochen kamen dann nur Absagen reingeflattert und das war ganz schön demotivierend, muss ich sagen.


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Was sind die konkreten Folgen der Absagen für Euch als Band und für Eure Crew?

Da kommen wirtschaftlich richtig heftige Einbußen. Ich kann ja in die Verträge mit den Festivalveranstaltern gucken und sehen, wie viel Geld uns tatsächlich verloren geht – für uns unfassbar viel. Wir als Band verdienen wenigstens noch durch die Gema, wenn wir Merchandise verkaufen oder Leute unsere Musik streamen. Aber unsere Crew, die Ton- und Lichttechniker, die verdienen überhaupt gar nichts gerade. Das ist richtig, richtig bitter.

Was muss für Euch im Moment am dringendsten geklärt werden?

In Sachsen hat man das Gefühl, dass wir als Künstler nicht relevant sind. Wir können ein Darlehen beantragen, aber die Soforthilfe für Soloselbständige bezieht sich nur auf Personen, die laufende Ausgaben haben. Da fallen wir auch komplett durchs Raster. Und dann kann man noch Hartz IV beantragen, da stecken wir gerade drin. Ich bin ja Fan vom bedingungslosen Grundeinkommen.

Findest du also, dass Sachsen zurzeit benachteiligt wird?

Ich weiß nur wie es ist, wenn ich mich mit anderen Künstlern oder Produzenten unterhalte. Hier in Chemnitz gibt es jetzt auch eine Petition, die sich an die Stadt richtet, in der verlangt wird: „Ey unterstützt uns mal mit so und so viel Geld“. Wie genau es in anderen Bundesländern tatsächlich ist, weiß ich nicht, aber hier hat man das Gefühl, dass wir und die Leute hinter den Kulissen wie zum Beispiel Tontechniker und so weiter gar nicht existieren. Es ist so absurd, weil jetzt in der Zeit, in der Corona die Leute zwingt zuhause zu bleiben, Unmengen an Kultur konsumiert werden. Da wird man dann als Künstlerin so betrachtet, als würde man von Luft und Liebe leben und ach, sie macht das alles nur zur Freude. Wir zahlen aber genauso Steuern und halten uns an die Regeln des Systems.


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Welche Erwartungen habt Ihr an mögliche Veranstaltungsverbote über den Sommer hinaus? Einige Expert*innen sagen sogar, dass die Livebranche noch Jahre damit kämpfen wird.

Ich glaube, wir müssen dann alle einfach wieder mehr arbeiten gehen. Normalerweise jobben wir noch im Club an einer Bar, was ja jetzt auch erstmal nicht ging. Lotta fängt dann im Call Center oder so an.

Befürchtet Ihr, dass die Existenz Eurer Band akut in Gefahr ist?

Wir haben uns bisher noch nichts ausgezahlt. Wir leben nicht von der Band. Das Geld, das wir eingenommen haben, haben wir immer direkt rausgeballert für die Albumproduktion. Mit dem Wissen, dass jetzt erstmal nichts mehr kommt, kann man sich schon so arrangieren, dass die Band nicht untergeht.

Bringt diese Zeit Euch als Band näher zusammen?

Räumlich gesehen überhaupt nicht, weil Johan total abgekapselt von uns ist. Wenn es entspannter ist, wollen wir auch wieder proben gehen, aber bisher ist es eigentlich nur blöd. Zusammen Musizieren hat digital nicht funktioniert.

Versucht Ihr bereits anderswo finanzielle Unterstützung zu bekommen? Sei es durch Regierungsprogramme, Sponsoren, Fans oder Crowdfunding-Kampagnen?

Nein. Ich habe von solchen Sachen auch oft gar keine Ahnung. In Chemnitz läuft ja nebenbei auch noch die Kulturhauptstadt-Bewerbung für 2025 und da hoffe ich, dass irgendwann gesagt wird: „Hey, dann müssen wir unsere Kulturszene aber auch in so einer Zeit unterstützen!“

Versucht Ihr gerade irgendwie weiterhin Musik zu machen?

Das machen wir dann, wenn wir wieder im Proberaum sind. Das erste Album ist ja gerade erst raus und man hat solange daran gearbeitet und mir fiel es total schwer, mich schon wieder auf etwas anderes zu konzentrieren, weil ich noch voll in diesem Album drin bin und gerne damit arbeiten würde. Und dann diese demotivierenden Absagen am Anfang. Ich muss sagen, ich hatte wirklich gar keine Lust auf all das. Das hat einen ganz schön krass runtergezogen. Und da denkst du nicht sofort: „Okay ich mache jetzt das Beste daraus und motiviere mich jetzt und schreibe neue Lieder!“ Man war einfach nur angepisst.



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