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Feine Sahne Fischfilets „Wildes Herz“-Doku ist viel näher an dir dran, als du glaubst

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Auf den ersten Blick ist die Doku „Wildes Herz“ über Jan „Monchi“ Gorkow und seine Band Feine Sahne Fischfilet eine Art Asterix-Geschichte – mit einer Punkrock-Gang als Galliern, umzingelt von einem meck-pommschen Reich der Kleinbürger und Nazis. Aus einem fernen Land. Doch dieser Film ist wahrscheinlich viel näher an dir dran, als du glaubst.

Deutschland kennt den Schauspieler Charly Hübner. Theater, Filme, Fernsehen. Fame-Peak bis heute: seine Rolle im NDR-„Polizeiruf“, als deutlich angefasster Drauflos-Kommissar in Rostock. Er ist dort oben tatsächlich auch groß geworden, in Mecklenburg-Vorpommern. Genauer: Neustrelitz, nur eine Ausflugsfahrt weit weg von Berlin, ME-Lesern womöglich bekannt durch das „Immergut“-Festival.

Als er von dort abhaut, Anfang der 90er, ist jedoch garnixgut in Neustrelitz für den linken Lederjacken-Punk Charly. Der will nun eben Schauspieler werden, aber vor allem: schnell weg. Denn die Nazis – von der hilflos staunenden Berichterstattung damals noch „Neo“ genannt – sind in der Überzahl und eine nicht enden wollende Bedrohung: „Ich hatte keinen Bock mehr auf dieses permanente Angegriffen-Werden. Mein Auto wurde kaputt gemacht. Ich wurde überfallen. Schulfeste wurden gesprengt. Man wurde mit Reizgas zugesprüht …“

Als er im Jahr 2013 als längst etablierter Darsteller das Angebot bekommt, an dem Kurzfilm-Projekt „16 x Deutschland“ mitzuwirken, zum ersten Mal hinter der Kamera, versucht er dieses Rätsel seiner alten Heimat zu ergründen: Wie können Menschen, die so eine Liebe zur Weite und Friedlichkeit der Natur zwischen Ostsee und Heide entwickeln können, gleichzeitig eine derart niederträchtige Partei wie die NPD wählen?

Feine Sahne Fischfilet: Monchi ist ein Aufsauger von Leben

Einer seiner damaligen Interviewpartner: Monchi, Sänger von Feine Sahne Fischfilet, einer musikalisch gar nicht so wilden, dafür wild entschlossenen Punkrockband. Sie hat sich entschieden, dort zu bleiben, in Meck-Pomm, und nicht nur das Beste, sondern was Besseres draus zu machen. In einer Region, die man seit vielen Jahren kulturell einfach ausbluten lässt.

Als die Auftraggeber des „16 x Deutschland“-Projekts Charly Hübner später zu einem Langfilm als Regisseur überreden möchten, fällt ihm nur ein Thema ein, an dem er gerne dranbleiben würde: Monchi und seine Band. Man kann sich schnell denken, warum: Der Ex-Punk, der vor über 25 Jahren aus seiner Heimat floh, möchte von diesen Jungs erzählen, die eben nicht aufgeben, sich gegen den Hass und diese ganze Hässlichkeit stellen. Eine Art verspäteter Stellvertreterkrieg, gewissermaßen.

Doch Hübner widerspricht. In diesen Tagen der Pressepromotion für „Wildes Herz“ (Kinostart: 12. April) wird er immer wieder mit diesem einfachen Reim auf sein Werk konfrontiert. Doch was den Regisseur, also den Film-Erzähler Hübner, und seinen Regie-Partner und Produzenten Sebastian Schultz viel mehr als Politik und Heimat interessierte, war diese Figur, dieses Massiv Mensch namens Monchi, der „eine derart große Transparenz und Klarheit aufweist, als Persönlichkeit im öffentlichen Raum einfach redet und tut und … IST! Monchi ist ein Aufsauger von Leben. So eine Fülle an Mensch und an Menschsein ist mir noch nicht untergekommen, auch wenn das vielleicht pathetisch klingt“, sagt Charly Hübner. Er beugt sich vor und weitet die Augen: „Er ist jemand, der sich auch absolut angreifbar macht, dadurch aber unangreifbar wird – weil er alles aufmacht.“

Der Film „Wildes Herz“ „lässt die Hosen runter“

Und damit das deutlich wird, macht „Wildes Herz“ auch gleich ganz auf. Oder wie Monchi es formuliert, und das gelte ja sowieso auch für seine Band und deren Texte: Der Film „lässt die Hosen runter“. In dieser ersten Szene steht Monchi in der Gesangskabine eines Studios, die Boxershorts zwar noch an, aber der massige Oberkörper ist nackt und schwitzt; den Zuschauer direkt im Nacken, singt er einen Take für das aktuelle Album STURM & DRECK ein. Und verkackt. (Die Szene, in der er es endlich packt, haben sie weggelassen.) Monchi: „Sie hatten am Ende 120 Stunden Material, für 90 Minuten Film. Ich hätte mit allem Möglichen gerechnet, wie dieser Film anfängt … als ich das dann gesehen habe, dachte ich nur: ,Fuck!‘“

Auf dem Leipziger Filmfest für Dokumentar- und Animationsfilm vergangenen Herbst, wo „Wildes Herz“ gleich vier Preise abräumte, sei dann aber ein Typ auf ihn zugestürmt, erzählt er, der spielte auch in einer Band und bejubelte diese Szene: „Mann, scheiße, das da bin ICH! Ich kann das auch nicht, aber ich singe trotzdem … und hey, krass, ihr spielt inzwischen vor so vielen Leuten!“ Der sendungsbewusste Monchi, in dessen Band sonst jeder Move ausführlich diskutiert wird, weiß selbst noch nicht so richtig, welchen Effekt dieser Film, der sie alle so eng umkreist, auf seine Gang haben wird. Aber diese Reaktion gefällt ihm schon einmal sehr gut.

„Warum habt ihr den Film nicht vor der Bundestagswahl herausgebracht? Dann hätte ich mein Kreuz an einer anderen Stelle gemacht.“

Die augenscheinlich bocklosen Jugendlichen, die die Dokumentarfilmerin Susan Gluth in einer Schulvorstellung von „Wildes Herz“ in Leipzig beobachtet hat, dachten bei dieser ersten Gesangskabinen-Szene hingegen ganz andere Sachen. Und das zischten sie auch durch die Stuhlreihen: „Was ist das denn für eine fette Sau!“ Gluth erzählte später Sebastian Schultz davon, und der jetzt uns: „Nach 20 Minuten aber waren sie still. Und nach 40 Minuten haben sie dann wieder getuschelt, aber interessiert, im Positiven. Und in der Fragerunde nach dem Film hat sich dann jemand gemeldet, der gesagt hat: ,Warum habt ihr den Film nicht vor der Bundestagswahl herausgebracht? Dann hätte ich mein Kreuz an einer anderen Stelle gemacht.‘“

Die Lehrerin ist sich sicher: „Der wird mal Pastor!“ Dann wurde Monchi Fußball-Hooligan.

Was stellt dieser Film mit seinen Zuschauern an, um derart plakative Reaktionen auszulösen (was ihn nach Meinung des Autors zum Pflichtmaterial für den Sozialkunde-Unterricht quer durch alle Schultypen und Bundesländer machen sollte!)?

„Ich habe Rassismus und Sexismus zuhauf in meinem Kopf, das hält man gar nicht aus, aber ich versuche, darüber nachzudenken und mich nicht davon leiten zu lassen.“

„Wildes Herz“ versucht, ehrlich zu sein. Er erzählt aufmerksam und unvoreingenommen von diesen sechs Freunden, direkt aus ihrem inneren Kreis und zeigt auch die Widersprüche, die es gerade in einer Band gibt, die sich politisch eindeutig zu positionieren versucht. Monchi wiederholt diesen sehr wichtigen Satz aus dem Film gerne noch einmal in unserem Interview, der deshalb haften bleibt, weil er von der Ambivalenz in uns allen erzählt: „Ich habe Rassismus und Sexismus zuhauf in meinem Kopf, das hält man gar nicht aus, aber ich versuche, darüber nachzudenken und mich nicht davon leiten zu lassen.“

Um solche Einblicke zu bekommen, mussten beide Seiten sehr viel Zeit investieren. Über drei Jahre lang begleitete die Filmcrew das Sextett und sein Team immer wieder. Zwischen diesem einen „Hurricane“-Festival-Nachmittagsauftritt vor vielleicht 1 000 Menschen bis zu dem vor Zehntausenden im Sommer 2016 passierte so einiges. Hübner und Schultz gingen deshalb arbeitsteilig vor und ließen sich von den Geschehnissen immer weiter treiben, auch viel weiter in das private Umfeld von Monchi und seinen Freunden hinein als gedacht.

Die Doku beginnt wie eine klassische Filmbiografie, zeigt Monchi als Kind, von Anfang an unter Strom, erzählt die Mutter; beim Familienfest, unterm Weihnachtsbaum, laut, albern, einnehmend. Die Lehrerin ist sich sicher: „Der wird mal Pastor!“ Falsch, Monchi wird Fußball-Hooligan.

Lest auf Seite 2 weiter, warum Monchis Eltern die heimlichen Helden in „Wildes Herz“ sind

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