Electronic – Musik aus der Steckdose Teil3


Mit Walter Carlos und seinen Barock-Bearbeitungen begann eine Linie, die sich heute bis zum Japaner Tomita fortsetzt: die Rock-Seite der elektronischen Medaille glänzt bei Emerson, Lake & Palmer am hellsten, und Individualisten wie David Vorhaus, Mike Oldfield und Eno bringen musikalisches Salz in die technische Klangsuppe. Soweit waren wir in der zweiten Folge dieser Serie.

Rick Wakeman: Verpackungskünstler

Selbst wenn die Leser des „Melody Maker“ den körperlich großen Musiker zur musikalischen Größe kürten, bleiben Zweifel angebracht, was die Substanz seiner Ideen angeht. Unbestritten gehört Wakeman in die Reihe medienbewußter Konzeptkünstler unserer Tage: die „Journey To The Centre Of The Earth“ wurde ’74 mit Hilfe des London Symphony Orchestra und eines Urweltmonsters inklusive künstlichem See ans Rock-Tageslicht gebracht; auf der Platte (A&M 87 745 XOT) wird die fehlende Optik durch nichts ersetzt, dafür nervt ein Märchenerzähler.

Das nächste Opus wurde in einem Eisstadion aufgeführt, danach übte sich der Ex-Yes-Keyboardmann mit dem „Lisztomania“-Film in filmischem Größenwahn. Inzwischen soll er „endlich erwacht“ sein (siehe ME Juni ’76), seinen Aufwand erheblich reduziert und sich wieder musikalischen Aufgaben zugewandt haben. Was erfreulich wäre, denn mit seiner ersten Solo-LP „The Six Wives Of Henry VIII“ (A&M 86 560 XOT) stellte er sich als einfallsreicher und versierter Musiker vor, der maßvollen Gebrauch von seinem elektronischen Kabinett machte.

Larry Fast: elektronisches Rockorchester

Wurden bei Wakeman und manch anderen die elektronischen Ausdrucksmöglichkeiten oft nur dazu benutzt, Pomp oder Schnörkel zu liefern, so konzentriert sich der Amerikaner Larry Fast ausschließlich auf die Elektronik. Ähnlich wie Tomita bei seinen Klassik-Realisationen schreibt sich Fast zuerst ein umfangreiches Arrangement, verteilt Klangfarben und Soundeffekte und macht dann in mühseliger Vielspurtechnik die Aufnahme. „Synergy“ (Philips 6370 803), also etwa: „Zusammenspiel“, nennt er programmatisch seine erste LP, die in der Tat „electronic realizations for rock orchestra“ liefert. . .

In der Art traditioneller Orchester setzt sich Fasts Musik aus der Kombination verschiedener Stimmen und Klänge zusammen – nur eben anderer Herkunft. Wobei die durchkomponierten und wohlklingenden harmonisierten Titel weitaus mehr Reiz entfalten, als wenn man die Noten einer .echten‘ Rockformation überlassen hätte.

Vangelis: Kontraste durch Kammerchor

Ebenfalls 1976 erschienen, von einem Mann allein erstellt und neben Fasts LP gleichermassen empfehlenswert ist „Heaven And Hell“ (RCA 26.21605), die erste elektronische Arbeit des Griechen Vangelis Papathanassiou. Wie schon das (ansonsten informationslose) Cover durch himmelblaue und höllenrote Seite andeutet: Vangelis‘ Musik lebt von rhythmischen und melodiösen Kontrasten, vom harten Beat seines Synthesizers und den sanften Stimmen des English Chamber Choirs, vor allem der Leadsangerin Vana Veroutis, die in unisono-Passagen mit dem Synthesizer das Rückgrat kribbeln läßt. Im Gegensatz zu Fast steht Vangelis mehr in der Tradition der .großen Werke‘. Bekanntlich mag er Händel undStrawinsky gleich gern, und klassische Anklänge findet man reichlich. In einem Titel singt übrigens Jon Anderson von „Yes“ (statt Vangelis‘ früherem Aphrodites Child-Partner Roussos).

Franco Battiato: Stockhausen gewidmet

Interessante Versuche mit Synthesizern wurden auch aus Italien hörbar. Neben den Gruppen Banco, New Trolls und Premiata Forneria Marconi wurde vor allem Franco Battiato bekannt, der sich musikalisch am konsequentesten von Pop- und Rockeinflüssen löste. Natürlich verzichtet auch er als Südländer nicht auf Rhythmen, doch die entscheidenden Einflüsse erhielt er als Komponist und Elektroniker von Stockhausen. Nach informativer Zusammenarbeit mit Rock- und Jazzmusikern in New York, schloß sich Battiato nach einem Avantgarde-Festival dem Guru aus Köln an, ist mit ihm befreundet, gelangte aber zu einer eigenen musikalischen Linie. „Clic“ (Island 88 649 IT), die interessanteste LP des Italieners aus dem Jahre ’74, ist ausdrücklich Karlheinz Stockhausen gewidmet, und Elemente wie das direkte Verwenden menschlicher, teilweise verfremdeter, Stimmen belegen die Verbindung der beiden.

Über Stockhausen selbst an anderer Stelle, wenden wir uns nun den Musikern zu, die ebenfalls im Inland in Sachen Elektronik interessant und/oder bekannt wurden.

Klaus Schulze: Schwebende Monotonie

Der Berliner, zum Beispiel, wurde interessant, aber bei uns kaum bekannt. Er ist der vielgerühmte Prophet, der im eigenen Land kaum etwas gilt, dafür aber in Frankreich große Verehrung genießt. In diesem Jahr verlieh man ihm den begehrten Preis der Academie Charles Gros, in der Liste der für den Deutschen Schallplattenpreis nominierten LP’s suchte man seine bisher vergebens.

Schulze machte vom Drummer in einer Amateur-Beatgruppe über die Tangerine Dream, Ash Ra Tempel bis zu Soloarbeiten eine enorme Wandlung durch. Seine LP-Seiten-langen Stücke verlangen mittlerweile vom Hörer ebenso viel Konzentration wie vom Musiker, und der Reiz der Stücke liegt in minimalen Veränderungen langfristiger Abläufe. Man denkt an die asiatische Gebrauchsanweisung, daß etwas durchaus nach 20 Minuten reizvoll sein kann, was in zehn Minuten nicht erfahrbar ist – und doch bietet Schulze weniger Fernöstliches als Germanisches. Obwohl er mit seinem „Irrlicht“-Debüt (Ohr 556 022) zugab: „Ich kann meine Musik nicht klar definieren. Ich versuche, sie selbst erst im Nachhinein zu verstehen“, sie ist im übrigen auch nicht rational faßbar, verpaßten ihm die Produzenten des folgenden Doppelalbums „Cyborg“ Schwachsinn wie: „Cyborg, eine teils elektronische, teils organische Existenz, wartet an den Toren des akustischen Psychopharmakas auf das Jahrtausend seiner Geburt!“ Nur gut, daß die Tage dieser kosmischen Komiker gezählt sind,und Musiker an dem gemessen werden, was sie machen. Nach zwei weiteren Alben präsentierte Schulze schließlich im Herbst letzten Jahres „Timewind“(Brain 1075), seine Auseinandersetzung mit Wagner. „Der vielbelachte, verhöhnte, angebetete Komponist eines ausgeflippten Bayern-Königs“, schrieb Schulze dazu. Er sei zu der Ansicht gekommen, „daß Richard Wagner zu schade ist, um nur von einem kleinen Kreis älterer Leute in einer bayerischen Kleinstadt alljährlich zur gleichen Zeit erinnerungsschwanger vergöttert zu werden.“ Direkte Zitate sucht man auf „Timewind“ vergebens; doch eine kräftige Prise ,Weltmusik‘ ist spürbar.

Klaus Schulze gehört übrigens zu den wenigen ,reinen‘ Elektronik-Musikern, die Live-Auftritte geben. Bekannt sind seine ausverkauften Kirchenkonzerte, unerklärlich ist die Faszination, die vom verdunkelten Raum ausgeht, in dem Schulze mit dem Rücken zum Publikum praktisch unbeweglich an Schaltern und Knöpfen agiert.

Tangerine Dream: Durchbruch in England

„Wir wollen unser Image auf unsere Musik, nicht unsere Instrumente gründen“, Sagte Chris Franke in einem Interview und lehnte es wie auch Edgar Froese und Peter Baumann ab, die Tangerine Dream als eine „Synthesizer-Gruppe“ zu bezeichnen. „Wir haben versucht, den Sound, den wir suchen, auf konventionellen Instrumenten zu finden“, ergänzt Peter. „Schließlich stellte es sich aber heraus, daß die direkte Methode die elektronische ist. Wenn’s dem Publikum leichter fällt, von elektronischer Musik zu sprechen, warum nicht? Doch es geht stets darum, die musikalische Entsprechung für unsere jeweilige Stimmung zu finden.“

Was wie das Programm eines Ego-Trips klingt, wurde im Laufe der letzten Jahre zu einem erfolgreichen Konzept. Nach Umbesetzungen und Vertragsbindung an eine englische Firma (bei der auch Mike Oldfield arbeitet) kam für die Gruppe um Edgar Froese der künstlerische und finanzielle Erfolg. Im Frühjahr ’74 kletterte die „Phaedra“-LP (Virgin 87761 IT) in die englischen Charts, bald darauf gastierte die Gruppe in London und schaffte als erste deutsche Formation den Durchbruch auf der Insel.

Das Bemerkenswerteste an dieser Gruppe ist das gegenseitige Verstehen der drei Musiker, die persönliche Freiheit des einzelnen während des Spiels und die gegenseitigen musikalischen Reaktionen. Verständlich, daß sich Froese gegen die Ordnung der Popgruppen mit Leadsänger, Drummer im Hintergrund usw. wehrt. Bei Tangerine Dream dominiert das Gefühl, als Gruppe zu agieren. Und die Einbeziehung des Publikums. So spielte man während der letzten EnglandTournee an einem Abend per Tonband Applaus und Pfiffe des vorigen Publikums mit ein und generell wird dem Publikum eine aktive Rolle zugeschrieben: „Die Leute denken, die Musiker würden die Musik machen. Ich sehe das anders“, meinte Edgar Froese. „Ich denke, der Zuhörer läßt die Musik in seinem Kopf entstehen in dem Moment, in dem er dem Musiker zuhört.“

So geschah es wirklich in den Kathedralen von Reims und Coventry und einer Vielzahl von Konzerten in England. Deutschen Musikfreunden bietet sich leider selten die Chance eines Tangerine Dream-Konzertes. Zu groß ist die Nachfrage nach diesem hochkarätigen Musikexport. Doch es gibt ja Schallplatten. Zum Beispiel das Live-Album „Ricochet“ (Virgin 89 679 XOT).

Edgar Froese legte übrigens auch zwei Solo-Platten vor, von denen die zweite zu empfehlen ist. „Ypsilon In Malaysian Pale“ (Brain 1074) ist seine Auseinandersetzung mit Eindrücken einer Malaysia-Reise, die Tangerine Dream 1974 absolviert hatte.

Eroc: Sprach-Collage

Eigentlich heißt er Joachim Heinz Ehrig, nennt sich aber als Mitglied der Gruppe Grobschnitt „Eroc“ und mischt dort kräftig in der spektakulären Klamauk-Musikshow mit. Weitaus interessanter sind seine Eigenaktivitäten im elektronisch ausgerüsteten Wohnzimmer. „Eroc“, seine Debüt-LP (Brain 1069), enthält neben einigen Stücken Programm-Musik, die Eroc selbst als mit Worten unbeschreibbar bezeichnet, sechseinhalb Minuten „Horrorgoll“, eine Collage aus Sprachfetzen, die an Ferdinand Kriwets Sprachmontagen erinnern. Erstaunlich neben der spannungsreichen und flüssigen Realisation ist die Tatsache, daß sich mit Eroc ein Musiker (statt wie üblich Wortautoren) mit den Möglichkeiten der Sprache befaßt.

Peter Seiler: Versuche mit Free Jazz-Elementen

Auch der erste Mann und Keyboard-Spieler der Mannheimer Gruppe Tritonus geht auf seiner Solo-LP „Keyboards And Friends“ (RBM 5004) neue Wege. Bewegt man sich sonst mit Eigenkompositionen und Bearbeitungen im Klassik-Rock-Bereich, so verläßt Seiler nun das starre Arrangement, führt seine Friend (Bassist Ronald Brand von Tritonus und Saxophonist und Flötist Gerd Köthe von Joy Unlimited) an der langen Leine und baut eine Menge Passagen ein, die stark an die formale Freiheit des Free Jazz erinnern.

…a propos Jazz. Auch dort gibt es „Musik aus der Steckdose“. Zum Beispiel bei George Duke und Wolfgang Dauner. Über sie und andere Großmeister der Elektronik wie Eberhard Schöner und, natürlich, Karlheinz Stockhausen, berichten wir in der letzten Folge unserer Serie.