Eurosonic Noorderslag: Diese Newcomer haben uns überzeugt


Unser Autor war am vergangenen Wochenende im holländischen Groningen auf dem Eurosonic Noorderslag. Auf diesem Showcase-Festival spielen vor allem Newcomer, die 2012 was werden sollen. Michael Schütz hat zusammengetragen, bei wem das klappen könnte.

Hätten Kettcar mal das Eurosonic Noorderslag Festival im holländischen Groningen gesehen, dann hätten sie nicht „Money Left To Burn“ gesungen, sondern „Fastfood Left To Burn“ oder so. Jedenfalls wird jeder, der dort war, und sich morgens um halb fünf betrunken und hungrig im Zentrum wiederfand, unterschreiben, dass diese Zeilen – frei nach Kettcar – mehr als treffend sind: „Und ihr wisst ja wie das ist, es ist: das Essen kommt aus der Wand / Und ist es schlielich erstmal da, / Erinnert sich keiner mehr daran, / Wie’s da hinkam, was geschah, / Nur dass es wg muss, das ist klar.“ So ist es nämlich in dieser charmanten Studentenstadt: Da kommen die guten Konzertlocations im Dutzend – und das Essen aus der Wand. Was ein jeder Festivalgast gerne immer wieder mal bei Facebook postet, wenn er denn da is(s)t.

Der Autor dieser Zeilen war da allerdings nicht besser. Deshalb, bevor es um die Musik geht, hier die Empfehlung des Hauses für das nächste Jahr: Einmal den „Eierball“ probieren! Das ist ein hartgekochtes Ei in Senfsoße, paniert und frittiert. Klingt pervers, ist es auch – schmeckt aber super. Und man bricht nicht mal davon, wenn man es morgens um halb sechs nach gefühlten 35 Bieren isst. Was wiederum gefährlicher klingt, als es ist: Die Biere sind dort ja nur 0,2 Liter. Man muss also einfach 35 mal 0,2 l rechnen und das dann durch 0,3 l teilen. Oder so…

Und nun zum Wesentlichen: Das Eurosonic Noorderslag Festival in Groningen ist ein recht wichtiges, aber auch verdammt charmantes Showcase Festival. Soll heißen: Dort spielen neue Bands, die sich für den europäischen Live-Markt empfehlen wollen vor einem Haufen Branchen-Menschen, die Konzerte buchen, Festivals organisieren, Künstler managen, oder Musikmagazine vollschreiben. Klingt zwar nüchtern und nach Branchen-Chi-Chi, ist in der Praxis aber gar nicht so. Im Gegenteil: Das Publikum ist gut gemischt mit Neugierigen und in der Stadt wohnenden Studenten, die Branchenmenschen feiern recht ausgelassen – und die Bands sind oft so frisch, dass man schon ziemlich im Thema sein muss, um sie überhaupt zu kennen. Die Konzerte finden zudem in traditionsreichen Locations wie der „Vera“ statt, in der schon 1981 D.A.F. spielten – oder in edlen Locations wie der Schouwburg, wo man sich eher in einer Oper wähnt.

Da gefühlt ungefähr dreihundert Millionen Acts dort spielen, verzichten wir mal drauf, alle Stationen einzeln abzuhecheln und nennen die, die uns am ehesten überzeugt haben. Dazu gibt’s dann die entsprechenden Live-Bilder. Wer sich mal durch das gesamte Line-up hören will, kann das derweil hier tun.

Intergalactic Lovers
Sie stammen aus Belgien, haben aber wenig von dem Verrückten, das einst dEUS und Soulwax und Konsorten mitbrachten. Macht aber nix: Ihre sphärische Popmusik, die bisweilen an die Cranberries oder die Jezabels erinnert, funktioniert ganz wunderbar – vor allem, wenn man in der zweiten Reihe steht und Lara Chedraoui beim Singen und Gitarrespielen beobachtet. Bevor hier jetzt einer „Sexismus!“ brüllt: Die Musik funktioniert auch mit geschlossenenen Augen.

Jamie N Commons
Damit nun hier keiner behauptet, der männliche Autor liefere nur den männlichen Lesern die (optischen) Sahnestücke: Hier was for the ladys… Man möchte ja gar nicht wissen, wieviele Telefonnummern der erst 22jährige Jamie N Commons nach seinen zwei Gigs (einer nachmittags in einer „Coffee Company“-Filiale, einer abends in der ehrwürdigen Locatcion Schouwburg) zugesteckt bekommen hat. Schicker Hut + schickes Milchgesicht + schicke Stiefel (die Hipster-erprobten spitzen) + eine Stimme, die klingt, als hätte man mit Nick Cave Heroin genommen, mit Tom Waits Scotch-Regale geleert und Nat King Cole unter den Tisch gecroont = eine Gleichung, die aufgeht. Kann man hier sehen:

2:54
Wer stand nicht schon mal vor seinem alphabetisch sortierten CD-Regal und überlegte sich, dass sich ein paar numerisch benannte Bands vor der ABBA-Best-of gut machen würden? Tja, da ham wa was! Nicht 1984, die immer ein wenig indie-schmindie-dröge rüberkommen – dann lieber den vom britischen Guardian so benannten „Doom-Pop“ der Geschwister Thurlow. Die Schwestern aus London haben sich nach ihrer Lieblingsstelle in einem Melvins-Song benannt, sich die erste The Big Pink-Platte im Schrank, sind auf der Bühne noch ein wenig shoegazig-schüchtern – aber sie können was. Das bewiesen sie bei ihrem Gig in der „Vera“ und im ersten offiziellen Video:

Vondelpark
Vondelpark waren laut Vice-Magazin die erste Band bzw. der erste Künstler, der auf eine Myspace-Seite verzichtete: Tja, das war vor ein paar Jahren noch ein Wagnis! Viel mehr wusste man allerdings lange nicht über das Projekt von Lewis Rainbury, das sich nach einem Park in Amsterdam benannt hatte. Dennoch wurden die charmanten Videos in allen Blogs gelobt und was die einen als The xx-Rip-off dissten, wurde von vielen geschätzt. Auf dem Eurosonic und einen Tag zuvor im Berliner Berghain mussten die Jungspunde nun beweisen, dass ihre strangen, aber unheimlich atmosphärischen Songs auch auf der Bühne funktionieren. Fazit: Tun sie.

New Built
Sie waren verkatert, sie waren verpeilt, aber sie war gut: Denn New Built sind Profis. Größtenteils zumindest – immerhin musizieren die drei Gründungsmitglieder sonst bei Hot Chip oder LCD Soundsystem – wobei die ja inzwischen leider Geschichte sind. Auf der Bühne waren New Built um Sänger, Gitarrist, Rotschop und Klangwerkler Al Doyle übrigens zu acht – was ihre Musik aber eher besser als schlechter machte.

Clock Opera
Klaro, die Topchecker kennen das schon vom Melt!-Sampler. Für alle anderen: Guy Connelly von Clock Opera hat das Charisma mit dem Morgenkaffee geschlürft und eine Stimme, die man selbst als Mann beim Aufwachen neben sich hören will. Hatten in Groningen das Simplon fest im Griff und sorgten für eine lange Schlange vor der Tür. Ach ja – großartige Video haben die Briten zudem. Das hier zum Beispiel:

Team Me
Der junge Export aus Norwegen hat es in sich: Da säuseln zwar die Stimmen, wehen die Fähnchen auf der Bühne, sprüht bisweilen das Konfetti – aber wenn die Herren und vor allem die Dame am Mikro und Keyboard aufdrehen musste man fast ein wenig aufpassen, dass man nicht vom Ruder der Arme getroffen und gleich gefressen wird. Dieser Live-Mitschnitt zeigt ganz gut, was gemeint ist:

Jessie Ware
Und zum Schluss: Noch einmal der neue heiße Scheiß! Diesmal wieder aus London. Jessie Ware ist einigen vielleicht als Gastsängerin bei Joker oder SBTRKT bekannt, wo sie kräftigen Dustep-Rummsern oder nervos brutzelnden Elektrotracks eine Prise Soul und Sex einhauchte: Nun wird sie aber auch als Solosängerin aktiv. Und wie! Ihre erste Single „Strangest Feeling“ lässt es ein wenig ruhiger angehen, als ihre vorherigen Vocal-Beiträge – und das steht der Dame fast besser. Wenn sie nun noch ein wenig dran arbeitet, dass sie auch auf der Bühne nicht mehr das singende und schmückende Beiwerk ist, dann wird das was: