An der Bar: Gavin Rossdale
Gavin Rossdale im Bar-Talk über Bush auf Tour, die Faszination für Francis Bacon, seine Kinder und den endlosen Drang, der Beste zu sein.
Samstagnachmittag im Lütt. Die Leute am Nebentisch reden leise darüber, ob sie Gavin Rossdale nach einem Foto fragen sollen. Der Bush-Sänger, Gitarrist und Songwriter spricht leise, weil er seine Stimme vor dem Auftritt mit Volbeat schonen will. Doch das ist nur der Anfang, als wir noch bei Kaffee und Wasser sind – bis er nach einer Stunde Wein bestellt. Und mehr über den endlosen Drang spricht, der Beste sein zu müssen – für die Crowd, für seine Kinder, für sich. Und dann ist da noch die Story über den letzten Veggie-Burger für Steven Tyler …
Du bist schon vor mir hier gewesen, obwohl ich pünktlich war. Was ein Einstieg, puh!
Gavin Rossdale: Das ist auch für mich ungewöhnlich – nicht, weil ich ein unpünktlicher Mensch bin, nur sind andere Menschen meist überpünktlich. Und ich denke mir dann so: Sagt mir doch, wann ich wo sein muss und ich bin mache es möglich, kein Ding!
Es könnte so einfach sein, wenn alle klar kommunizieren würden, aber das klappt aus den unterschiedlichsten Gründen meist doch nicht.
Es könnte schon noch häufiger klappen, stimmt.
Ich schätze, dass du es hoffnungsvoll klingen lässt.
Es gibt immer Hoffnung.
Darauf ein Wasser!
Ich muss eh mehr Wasser trinken.
Ein bewusster Gedanke?
Bewusst denke ich nur an meine Stimme. Es ist richtig langweilig in meinem Kopf, weil sich selbst live alles nur darum dreht. Hat meine Stimme gerade was Komisches gemacht? Dann war ich zu quasselig drauf tagsüber, dann muss ich das ändern. (Kaffee kommt an) Wow, das ist ein überraschend langer Löffel.
Also das ist schon mal etwas, das dir auffällt. Was ist dir wichtig bei so einem Bar-Besuch?
Privatsphäre. Auf Tour suche ich eher Stille. Aber wenn ich das so sage … Ich bin als nächstes beim Oktoberfest.
Verdammt, warum?
Ist es so schlimm?
Sehr.
Dann höre ich einfach zu. Das habe ich zuletzt auch gemacht, als ich mir ein Mozart-Konzert angeschaut habe. Wir versuchen bei dieser Tour einige kulturelle Dinge gemeinsam als Band zu machen. Und das Oktoberfest ist dann eben Lernen über … Tourismus. Gerade bin ich aber sehr froh darüber, in Berlin zu sein. Hier ist überall Kunst und sie wird auf eine Weise wertgeschätzt, die ich zum Beispiel von Amerika nicht kenne. Das gibt mir Ideen.
Ideen?
Ideen von Freiheit, von einem Gefühl, dass man hier die beste Version seines Selbst sein kann. Denn hier kann man sich von allen etwas abschauen, adaptieren, für sich zurechtmodeln. Für mich bedeutet leben, sich aus festen Mustern herauszudenken.
Wie versucht du ein aktiver Gestalter der Zukunft zu sein?
Indem ich ein Schwamm bin. Und indem ich mir trotzdem vollkommen bewusst bin, dass, je mehr ich verstehe, desto weniger weiß ich. Was schön ist. Denn Wissen ist endlos. Man kann immer weiterlernen, immer mehr verstehen. Ich habe diesen unbändigen Durst, Informationen und Techniken zu erlernen. Gerade auch als Gitarrist. Das ist aber ein Glück für mich, weil da unermesslich viel Raum für Wachstum ist. Andere sind irre gute Gitarristen, ich bin einfach nur ein Gitarrist. (lacht) Alain de Botton hat mal sagt: ‚Wenn du dich nicht für dein Ich vom vorherigen Jahr schämst, dann arbeitest du nicht genug an dir.‘
Du bist so ein Zitat-Mensch, alles klar. Aber wenn du die Möglichkeit hättest in einer Bar mit einigen deiner Lieblingsartists – tot oder lebendig – abzuhängen, wer wäre dabei?
Rothko, weil seine Kunst so hypnotisierend ist – und ich mag eigentlich gar nichts Abstraktes, aber er fesselt mich unerklärlicherweise. Van Gogh sollte auch dabei sein, weil er alles gegeben und nichts zurückbekommen hat. Darüber würde ich gerne mit ihm reden wollen. Die Liste ist unendlich … Banksy wäre noch toll. Goya. Und Francis Bacon, weil er einfach mein Lieblingskünstler ist. Er war auch eine Legende der Clubszene Londons. Als ich erst mal ein eigenes Scheckbuch besaß und etwas Geld hatte, bin ich ständig auf seinen Spuren unterwegs gewesen. Ich ging ich zu Wheeler’s, wo er immer mittags aß. Ich ging ins French House, wo er früher trank. „Champagne for my real friends, and real pain for my sham friends“ – das war sein Spruch. Siehst du, wieder ein Zitat. Aber ja, ich finde, er wusste, wie man lebt, und er war kompromisslos – egal, wie sehr er trank oder wie viele wilde Nächte er hatte, er malte trotzdem jeden Tag von sechs bis zwölf Uhr. Ich konnte mich damit identifizieren, weil ich selbst sehr wild war, als ich jung war – und dazu noch viel unterwegs, mit vielen verrückten Ideen und vielen durchzechten Nächten. Ich habe mich an ihm orientiert. Ich habe mir immer gesagt: ‚Du kannst wild sein, aber dann schlafe dich aus und setze etwas um, sei kreativ.‘ Ich war immer ziemlich diszipliniert. Habe mich in Sachen hineingefuchst, die mir erst nicht leichtfielen.
Das ist auch eine Art der Selbstoptimierung. Ist das dein Ding?
Schon, ja. Deshalb fand ich auch immer, dass Kokain eine beschissene Droge ist. Was in London ein Riesenthema ist, alle lieben Kokain. Ich mochte es nie, weil es so anti-kreativ ist. Wenn ich schon die ganze Nacht aufbleibe, will ich daraus Inspiration ziehen. Wenn nur Leere folgt, ist das nicht meins. Aber London fühlte sich zum Glück insgesamt nie leer an – es war ein Glück in diesem Schmelztiegel unterschiedlichster Menschen aufzuwachsen, darin sich mit zu verändern.
Also bist du Fan von Veränderung?
Weißt du, ich bin ein echtes Gewohnheitstier. Regelrecht konsistenzbesessen, sagt meine Freundin. Sie hat mich sogar dazu gebracht, einen Online-Test zu machen, um herauszufinden, ob ich im Autismus-Spektrum bin. Trotzdem versuche ich immer wieder, etwas Neues zu machen. Auf Tour will ich nicht zu zombiehaft werden. Ich spiele auch weiterhin viel Tennis, treffe coole Spieler, echte Profis. Das ist dann der Wandel – ich verlasse die Rockwelt, in der alles schwarz ist, und gehe zu Tennisevents. Aber letztlich sind meine Tage schon genauestens durchgeplant. Ich weiß immer genau, was ich tue.
Warum ist das so?
Ich möchte für ein Konzert bestens vorbereitet sein, weil ich will, dass die Leute uns lieben. Dass sie denken, wir sind die beste Band überhaupt. Dass wir 15.000 neue Instagram-Follower dazugewinnen.
Klappt das?
Nein. Nur wenn ich nicht auf diese Weise herangehe an alles, dann hat es doch keinen Sinn, oder? Wenn ich anfange, den ganzen Tag Bier zu trinken, dann würde es in eine falsche Richtung laufen. Obwohl es mit Volbeat auf Tour schon verrückt ist. Ich muss akzeptieren, dass uns die meisten Leute nicht kennen. Was auch eine gewisse Freiheit mit sich bringt – wir können jeden Song spielen, in beliebiger Reihenfolge, egal von welchem Album. Hauptsache, es ist gut.
Aber ein bisschen was trinken geht schon vor der Show?
Bevor ich spiele, gönne ich mir nur einen schönen Tequila-Spritzer, das war’s. An freien Tagen geht mehr, weil ich gerne abends Essen gehe und dazu ist ein kaltes Bier unwiderstehlich. Ich finde, es gibt nichts Traurigeres, als ein Restaurant voller Menschen, die nur Eistee trinken. Wie in L.A., so enttäuschend!
Das sagt der mit dem nur halb getrunkenen Kaffee vor sich.
Wir könnten was trinken. Ich bestelle uns Rotwein!
Oh ok, worauf stoßen wir an? Vielleicht darauf, dass du so viel Zeit mit Bowie verbringen konntest?
Es war einfach ein Geschenk, ihn zu kennen. Mit ihm konnte man Witze machen, über Kunst reden, über Musik. Das Einzige, was mich ärgert, ist, dass wir nie zusammen Musik gemacht haben. Er sagte einmal: „Wenn du in New York bist – ich bin immer offen für eine Zusammenarbeit.“ Ich erinnere mich noch genau daran. Gleiches mit Steve Albini. Ich sollte eigentlich noch ein Album mit ihm machen. Wir hatten über ein Projekt gesprochen, das „Anaesthetics“ heißen sollte. Es wären all meine Songs gewesen – ganz ruhig, reduziert, in seinem Studio aufgenommen. Und doch wurde das nie in die Tat umgesetzt. Aber so ist das. Man gibt viel. Ist zu viel. Und opfert doch den größten Teil des anderen Lebens.
Was meinst du damit?
Bei der Beerdigung meiner Mutter sah ich all die Bilder an der Wand – all diese Erinnerungen an ihr Leben. Da waren viele Fotos von mir, aber immer nur bei ihr zu Hause oder in ihrem Lieblingsrestaurant. Das war’s. Alle anderen hatten Bilder von Partys, Ereignissen, Geburtstagen, all dem. Und ich? Ich war immer weg. Mein ganzes Leben war unterwegs. Und so verpasst man große Dinge. Ich hätte mir Zeit nehmen sollen, nach Chicago zu gehen und das Album mit Steve aufzunehmen. Ich hätte mir Zeit nehmen sollen, nach New York zu fahren, um mit David Bowie zu arbeiten. Aber ich bin nun mal kein Pessimist. Ich sage mir: Man opfert immer etwas für etwas anderes. Der Trick ist, das Gleichgewicht zu finden. Im Moment fühle ich mich wirklich gut.
Das ist der Rotwein.
Fun Fact: Ich stelle Rotwein gerne in den Kühlschrank. Hast du das mal probiert?
Ja, im Spanien-Urlaub, aber sonst …
Man weiß erst, wenn man’s ausprobiert. Offen bleiben, oder? Ein geschlossener Geist ist wie ein Pickel – einfach unter Druck.
Glaubst du, du wärst ein guter Lehrer?
In jedem Fall liebe ich es, zu teilen, was ich weiß. Manchmal kann das hilfreich sein, manchmal eher hinderlich, weil ich plötzlich zu fixiert darauf bin, etwas auf meine Art zu machen. Und ich wünschte mir, ich hätte früher studiert, um eine bessere Grundlage gehabt zu haben. Aber ich bin direkt zum Hustle übergegangen, was waghalsig war. Ich sagte mir: ‚Ich werde singen‘, obwohl ich nicht singen konnte. ‚Ich werde schreiben‘, obwohl ich nicht richtig schreiben konnte. ‚Ich werde Musiker‘, obwohl ich das nicht war. Die Arroganz der Jugend, unglaublich.
Von Zurückhaltung also keine Spur?
Oh doch, ich war überzeugt von mir und hatte gleichzeitig größte Zweifel. Ich war viel im Hyde Park mit meinem Hund spazieren, schrieb dort zig Songs und redete mir dennoch quälend lange ein, ich würde nie erfolgreich werden. Es war die Dualität eines Verrückten. Irgendwann bekam ich dann einen Songwriter-Award, überreicht von Chris Martin. In meiner Rede meinte ich auch, wie verrückt es sei, nun diese Trophäe zu kriegen. Hätte mein jüngeres Ich das gewusst, wären die Parkspaziergänge um einiges freudvoller gewesen. Es war meine Lektion in Sachen Negativdenke.
Du bist manchmal ziemlich streng mit dir selbst, wenn du so über dich sprichst.
Ich habe sogar mal eine psychiatrische Beurteilung machen lassen. Diagnose: strafender Über-Ich-Komplex. Ich versuche mal, milder zu sein.
Dazu die Frage: Wärst du gern dein eigener Freund?
Ja! Ich bin ein großartiger Freund, fast übertrieben loyal. Früher, als ich kein Geld hatte, war meine Unterstützung emotionaler, körperlicher Natur, also Kameradschaft und Präsenz. Aber seit ich Platten verkauft habe, kann ich auf andere Weise helfen. Und das ist wunderschön – anderen etwas geben zu können. Die meisten Menschen kämpfen vor allem mit Geld. Ich kann hier eine Änderung schaffen. Es heißt zwar, ‚Geld kann kein Glück kaufen‘, aber der Typ, der das gesagt hat, war garantiert nicht reich. Ich meine, ich bin kein Millionär im Weltmaßstab, aber ich habe Sandwiches für ein ganzes Leben. Und meine Freunde dürfen mitessen.
Wie gehst du mit Leuten um, die einen Rat von dir wollen?
Ich bin da für sie. Die Leute verbringen oft mehr Zeit damit, jemandem zu erklären, warum sie keine Zeit haben, statt einfach kurz freundlich zu sein. Und das ruiniert. Das sät Hass. Das will ich nicht. Allein der Gedanke, dass jemand mich hasst, ist schrecklich. Es kostet so viel Mut, auf jemanden zuzugehen und ‚Hallo‘ zu sagen. Bevor ich erfolgreich wurde, hatte ich mal einen Job beim Donington Rock Festival. Ich fuhr einen riesigen Truck und schaufelte zusammen mit einem Kumpel ein Wochenende lang sechs Tonnen Sand, um eine „Art Wüstenlandschaft für ein Hospitality-Zelt zu bauen. Wir hatten eine tolle Zeit. Ich war da 18 oder 19, in einer erfolglosen Band, und stand trotzdem zum ersten Mal in einer Reihe mit Steven Tyler. Nämlich in der Essensschlange beim Catering. Es war noch ein vegetarischer Burger übrig und er so: ‚Kann ich den haben?‘ Ich war damals Veganer, aber hey, es war Steven fucking Tyler, klar habe ich mich dann aufs Brötchenessen beschränkt! Später schlich ich mich noch auf die Bühne, was unglaublich war. Aber ein Sicherheitsmann warf mich schließlich runter. Seitdem habe ich eine Regel: Wenn sich jemand bei meinen Shows auf die Bühne schleicht, darf er bleiben.
So ein Blick von einer Riesenbühne ist auch ein heftiger Perspektivwechsel.
Das ist das Beste. Ich muss mir aber immer wieder vornehmen, auch diese Dinge wahrzunehmen. Weißt ich, ich habe Kinder – wundervolle Kinder. Ich habe so ein Glück. Aber ich bin das ganze Schulhalbjahr über weg. Mein einer Sohn ist elf, er ist ein richtig guter Quarterback beim Flag Football. Und ich bin bei keinem einzigen Spiel dabei. Ich sehe ihn über FaceTime. Mein Assistent schickt mir Videos oder ruft an, damit ich zusehen kann. Aber ich bin nicht da.
Nicht ideal.
Das Einzige, wie ich das rechtfertigen kann, ist, wenn ich verdammt gut in dem bin, was ich tue. Wenn ich eine großartige Show spiele. Wenn ich durchschnittlich bin oder sogar unterdurchschnittlich, dann ist das wie ein Schlag ins Gesicht und ich sollte sofort aufhören.
Mehr über Gavin Rossdale
Gavin Rossdale gründete Bush in den frühen 90ern in London, wo er auch aufwuchs. 1994 erschien ihr erstes Album SIXTEEN STONE, ihr international größter Hit sollte das 1996 veröffentlichte „Swallowed“ werden. Die immer noch aktuelle Platte der vierköpfigen Rockband heißt I BEAT LONELINESS und kam im Juli 2025 heraus. Damit tourten sie im gleichen Jahr mit Volbeat, 2026 werden sie hierzulande bei Rock am Ring und Rock im Park live zu sehen sein. Rossdale ist neben dem (auch Solo-)Musikmachen beständig mit dem Tennisspielen beschäftigt. Aber auch als Schauspieler war er schon aktiv.







