Get Well Soon: Von Pudeln und Platanen

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Ich habe geträumt, ich war Pizza essen mit Mark E. Smith“, sangen Tocotronic vor 16 Jahren. Träumen lässt sich ja so manches, wenn die Nacht lang ist. Doch ich war beim Wrestling mit Konstantin Gropper! Dem German Wunderkind, das er so lange bleiben darf, so lange kein Zweitgeborener auf die große Bühne rutscht. Und Sizarr (sie teilen sich mit Get Well Soon u.a. das Management) waren auch dabei, die seit Langem interessantesten Newcomer hierzulande, auf deren Album wir seit vielen Monaten warten. Möglicherweise sind sie ja diese neuen Wunderkinder. Kommen aus einem Kaff in der Pfalz, aber alle sagen: „Klingen eher nach Brooklyn!“ (Mehr darüber in unserer nächsten Ausgabe.)

Get Well Soon und Sizarr wohnen in Mannheim. Die Stadt mit der Popakademie. Oder auch: das „neue Jerusalem“, wenn wem noch etwas an einer alten Überlieferung des orthodoxen Soulpropheten Xavier Naidoo liegt. Tatsächlich zeigen aus der Metropole der Metropolregion Rhein-Neckar auffallend viele Schornsteine direkt in den Himmel. Ein Zeichen?

Konstantin und ich sitzen an einem Sonntagnachmittag des behaupteten Sommers 2012 auf den Rheinterrassen, schauen den Ausflüglern zu, den Spatzen beim Klauen und wie ein Mops einen Pudel verbellt. Durch das obere Drittel des in Grün- und Blautönen gehaltenen Breitwand-Panoramas schieben sich endlos lange Massengutfrachter den Strom hinauf. Man kann sie fast ächzen hören. Die Schiffe sind auf Namen wie Alfred Josef und Charlotte getauft. Tun dies werdende Eltern, die sich nicht entscheiden können, in Köln, Koblenz, Mannheim: sich an den Rhein stellen, auf das nächste Schiff warten, und der Name wird es dann und basta?

Von Ludwigshafen her bläst uns ein Westwind ins Gesicht, der eher von einem Atlantiksturm herzurühren als über den Rhein zu wehen scheint. In den ansonsten unbeeindruckten Platanen rauschen die Blätter. White noise. Konstantin behält seinen dunkelblauen Übergangsmantel an, offen, darunter trägt er ein „I saw … John Maus live!“-T-Shirt. Er wird trotzdem behaupten, dass er sich in der aktuellen Musik kaum mehr auskennt. Wir haben uns in Mannheim getroffen, weil er seit über zwei Jahren wieder hier wohnt, seiner Freundin und ihrer Arbeit zuliebe. Und er hat uns zum Wrestling eingeladen, weil der Musikexpress mit ihm zum Gespräch über das zweite Get-Well-Soon-Album Vexations ins Musikinstrumenten-Museum Berlin gegangen war. Ist Konstantin Gropper ein Wrestling-Fan? Nein. „Ich dachte mir nur, was soll man denn in Mannheim zeigen?“

Die Popakademie hat sonntags zu. „Aber vom Zug aus, gleich nach dem Bahnhof, kannst du sie sehen“, wird mir Timo Kumpf, Bassist der Live­besetzung von Get Well Soon, zum Abschied mit auf den Weg geben. Das Beste an seinem Studium an der Akademie sei gewesen, dass er sich drei Jahre ununterbrochen mit Musik beschäftigen konnte, hat Konstantin in Interviews erzählt. „Ja, das ist das, was ich dann immer sage.“ Sagt er und lächelt vieldeutig. Nun gut, er habe dort Leute kennengelernt, mit denen er heute noch zusammenarbeitet. Kollegen. Freunde sogar. Und ins Popbiz sei er dank seiner Akademieausbildung wenigstens nicht „hundertprozentig blauäugig“ hineingerauscht, „… sondern nur achtzigprozentig“.

Obwohl er im Bachelorstudiengang „Popmusikdesign“ unterrichtet wurde, sei sein Studium kein musikalisches gewesen – „sondern technisch“. „Ich finde das aber auch richtig. Man sollte die Leute dabei in Ruhe lassen und nicht in den kreativen Prozess eingreifen.“ Hat es nicht auch so etwas wie Songwriter-Workshops gegeben? „Ja, doch. Aber die sind ein Albtraum.“ Nein, der gebürtige Oberschwabe ist bestimmt keiner, der vorschnell Urteile fällt oder zur Übertreibung neigt. „Vielleicht ging es auch nur mir so“, schiebt er ein, bedächtig, gleich mehrmals, als er vom Studium erzählt.

Aber wenn es denn nun mal so war: Der Sohn eines Musiklehrers hat an der Akademie „Song-Ghostwriter“ kennengelernt, „mit einem Musik- und Kunstverständnis, das komplett konträr zu meinem läuft“. Er hat sich geärgert über Gastdozenten, die ihre „Rockstarstorys“ aus der guten, alten Zeit heruntergebetet haben. „Damals fing die Krise gerade so an, und das waren Leute, die mit schuld an dieser Krise waren.“ Und wenn er heute den Fernseher anschaltet, kann es passieren, dass darin einer seiner Kommilitonen den Bassisten in einer Casting-Show-Band mimt.

Es ist erfreulich, aber bei genauerer Betrachtung kein bisschen erstaunlich: Die Popakademie hat Konstantin Groppers Arbeit nicht beeinträchtigt. Der Musiker und Komponist und, ja, Visionär war schon viel weiter, als er dort antrat. Ganz woanders, um ungenau zu sein. Und so hinterließen auch die drei Jahre, die er in Berlin lebte – er zog nach Fertigstellung seines gefeierten Debüts ins feuchtfröhliche Friedrichshain –, keine Spuren in der Musik von Get Well Soon. Schließlich sollte auch die Rückkehr nach Mannheim keine Rolle spielen für seine dritte Platte, die in diesen Tagen erscheint und mit The Scarlet Beast O’ Seven Heads – La Bestia Scarlatta Con Sette Teste einen für Get Well Soon konsequent überkandidelten Titel trägt. Konstantin braucht keine Szene, keinen Proberaum und keinen Club für seine Musik. Er schreibt sie und nimmt sie auf für diese Welt, aber sie entsteht in ganz anderen Welten.

Der Künstler ist dort Baumeister, Geschichtsschreiber und noch viel mehr. „Ich recherchiere mir einen Fundus an Themen zusammen – inhaltliche, aber vor allem musikalische.“ Er steckt so sein Feld ab. Das hilft ihm nicht zuletzt, im von ihm aufgezogenenen Breitwand-Panorama nicht die Übersicht zu verlieren, ein instinktives Gefühl dafür zu entwickeln, was aufs Album passt und was nicht: Pudel und Platanen – ja! Mops und Massengutfrachter – eher nicht. So in etwa. Und ja, er denkt in Alben, fast nie in Songs. Die sollen zwar auch für sich funktionieren, „aber ich brauche schon mehr als ein Lied, um einen Spannungsbogen aufzubauen“.

Diese projektbezogene, eigenbrötlerische Arbeitsweise, die durch die heutigen Möglichkeiten der Musik-Hard- und Software überhaupt erst möglich wird, ist ausgesprochen konzeptionell. Die Inhalte seiner Songs werden es dadurch auch, ohne dass Konzeptalben im engeren Sinne entstehen. Denn er könne – und das ist das Schöne an der Kunst, sagt Konstantin – seine Stimmungen, Geschichten, Zitate ja so frei umsetzen und assoziieren, wie es ihm gefällt und sinnvoll erscheint. Italienische B-Movie-Soundtracks, auf die er im Internet gestoßen war, brachten den Ball ins Rollen – die für 2012 angekündigte (und wieder abgesagte) Apokalypse wuchs zu einem dankbar zu bespielenden Rahmenthema heran – unter anderem sollten dann auch noch Roland Emmerich und der posthum berühmt gewordene Outsider-Art-Künstler Henry Darger durchs opulente Bild laufen – The Scarlet Beast … wurde obendrein zu seinem „persönlichstem Album“, sagt er, und zu Get Well Soons „Sommerplatte“ …

Wenn Sie dem Künstler hier schon nicht mehr so ganz folgen können, kann es ihm nur recht sein. Solange Sie am Ball bleiben. „Ich denke mir, dass es auch für den Hörer interessanter bleibt, wenn nicht alles so offensichtlich ist“, sagt Konstantin Gropper. „Ich bin kein Befindlichkeitssongwriter, der versucht, ‚authentisch‘ rüberzukommen. Es stimmt doch sowieso nicht, dass es Künstler gibt, die ständig authentische Texte schreiben. Das hat noch nie gestimmt. Deshalb kann ich mit dem eher künstlerischen Ansatz auch mehr anfangen. Ich mag zum Beispiel die späten Tocotronic lieber als die frühen. Obwohl die frühen natürlich genauso bildhaft waren, nur eben anders.“ Also hat Dirk von Lowtzow gar nicht geträumt, dass er Pizza essen war mit Mark E. Smith? Das wird ja immer schöner.

Ich jedenfalls war mit Konstantin Gropper beim Wrestling. In der siedend heißen „Alten Seilerei“, im Süden der Stadt. Wo die einen Wrestler hervorragend, andere leidlich trainierte Körper zur Schau trugen und in ihren neonfarbenen Hosen und Trikots in ansehnlichen Bögen durch und über den Ring hinaus flogen. Sich anblafften und sich jagten. Die Guten und die Bösen. Schön albern. Wo Nu-Metal-Gebratze hervorkrachte beim Auftritt jedes Kämpfers. Und der eher schmächtige Alternative-Wrestler Toby Blunt uns doch noch aus der Reserve lockte, weil er den Kampf gegen drei üble Schränke unerwartet für sich entschied.

Doch wer könnte einen guten Text, einen Song über diesen Abend schreiben? Einen „authentischen“, in dem der Schweiß wie echter Schweiß fließt und einem das Bier in der Hand schneller lau und schal wird als der Ringrichter bis drei zählen kann? Fredl Fesl vielleicht. Oder Jonathan Richman. Konstantin Gropper jedenfalls nicht. Aber man könnte die Musik von Get Well Soon unter die Bilder einer dieser Turnier-DVDs legen, wie sie am Merchandise-Stand angeboten wurden. Und selbst einer wie Toby Blunt mit seinem Alternative-Rocker-Bart und in seinen roten Latex-Hosen würde plötzlich durch nichts fliegen als Pracht und Erhabenheit.

Kein Wunder, dass Konstantin gleich nach seinem Debüt gefragt wurde, ob er nicht für Film und Fernsehen komponieren wolle. Er tat dies unter anderem für Wim Wenders und Detlev Buck. Und er lernte es schätzen, dabei immer wieder aus seiner Welt heraustreten zu müssen, um seine Vorstellungen mit denen der Filmemacher abzugleichen, wie er am Nachmittag am Rhein noch erzählt. Was er öfter höre, sind Forderungen wie „Es müsste ein bisschen mehr uplifiting sein!“ Nur aus Frankreich – er vertonte die Arte-Serie „Xanadu“ – hieß es: „‚We need it sadder.‘ Das hatte ich auch noch nie.“ Er lacht. Trinkt von seinem Bier. Schaut auf den Strom. Es ist ganz bestimmt nicht so, dass Konstantin Gropper sich für unsere Welt nicht interessieren würde. Schließlich ist und bleibt sie die seltsamste von allen.


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