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Scott Walker: Ein Scharlatan, aber ein ehrlicher

Etwas verlegen wirkt Jools Holland schon, als er an einem Juniabend im Jahr 1995 den letzten musikalischen Gast seiner Sendung ankündigt: Um eine „große Pop-Ikone“ soll es sich handeln. Doch der Mann, der schließlich mit Sonnenbrille und Gitarre ans Mikrofon schleicht, wirkt wie ein Fremdkörper, ein Alien, den man unmittelbar nach seiner Landung vor die Kameras gezerrt hat. Dass ausgerechnet er Jahre zuvor eine Sendung auf demselben Kanal moderieren durfte, kann man sich angesichts dieser Performance, falls sie überhaupt den Namen verdient, kaum vorstellen. Der Mann heißt Scott Walker, das fürchterliche Klagelied, das er mitgebracht hat „Rosary“. Nachdem er die letzen Zeilen ins Mikrofon geächzt hat – „and I gotta quit, and I gotta quit“ –rümpft er die Nase und verlässt grußlos die Bühne. Für immer.

Musikalische Exzentrik

Scott Walkers letzter Live-Auftritt zeigt einen Mann, der sich weit von seinem Publikum entfernt hat, sich selbst und seiner Vorstellung von interessanter Musik dafür so nah gekommen ist, wie er es davor viel zu lange versäumt hat. Man hätte den Clip zu gern den Leuten gezeigt, die Jahrzehnte zuvor sämtliche Bänder seiner Sendung „Scott“ aus den Archiven der BBC vernichtet hatten. Oder den vierzehn entrüsteten Walker-Brothers-Fans, die nach Scotts ersten Soloausflügen einen offenen Wutbrief verfassten, in dem sie ihn des Verrats an der Popmusik bezichtigten. Oder aber den beiden anderen Walker Brothers selbst, John und Gary, die beide, genau wie Scott, nicht den Nachnamen Walker trugen und in Interviews von früher so arrogant und schnöselig wirken, dass man ihnen den späteren Absturz in die künstlerische Bedeutungslosigkeit fast schon gönnt. In einem beispielhaften Video aus dem Jahr 1966 sitzen die beiden nebeneinander wie zwei Oberstufenschüler, die auf den Porsche warten, mit denen Papa sie von der Schule abholt, und philosophieren über ihre Rolle in der Musikwelt. „Was wir tun, ist gut, weil es Geld gibt. Dazu ist Pop da“, sagt John. Gary fügt hinzu: „Pop bedeutet Geld. Wenn du Pop rückwärts buchstabierst, kommt Geld heraus!“ Scott sitzt währenddessen mit einem Bierchen auf dem Boden und sagt mit einer mönchsartigen Gelassenheit: „Ich mache das aus anderen Gründen, nicht des Geldes wegen. Ich interessiere mich nicht für Geld, was sicher lächerlich klingt, aber es stimmt. Ich mache das nur von einem kreativen Standpunkt aus.“ Es sollte nicht lange dauern, da hatten alle drei kein Geld mehr. Und zwei von ihnen keine Ideen.

Kindheit ohne Wurzeln

Als Noel Scott Engel am 9. Januar 1943 im US-Bundesstaat Ohio zur Welt kommt, ist sein Vater noch Soldat, nimmt jedoch wenig später eine Stelle bei einem Öl-Unternehmen an. Die Engels haben keine finanziellen Sorgen, müssen jedoch wegen des viel beschäftigten Vaters ständig umziehen. Nirgends bleibt dem kleinen Noel genügend Zeit, um Freundschaften zu knüpfen. „Wenn du als Kind oft allein bist, wächst deine Fantasie“, sagte Walker 2008 dem „Guardian“. In seinem Fall schwillt sie sogar so stark an, dass er kurz nach der Scheidung der Eltern seine Mutter überreden kann, mit ihm von Denver nach New York zu ziehen. Dass er es dann noch als Elfjähriger schafft, Nebenrollen in den Broadway-Musicals „Plain And Fancy“ und „Pipe Dream“ zu ergattern, wirkt fast wie ein Wunder. Für kurze Zeit wird Walker sogar als Kinderstar vermarktet: Im Jahr 1957 erscheint nach einem Auftritt in einer Talentshow die Single „When Is A Boy A Man“, zwei Jahre später kommt noch eine EP dazu. 

Kooperation

Erste Schritte in die Musikbranche

Man mag diese frühen, von einer fröhlichen Kinderstimme gesungenen Liedchen als Walkers erste musikalische Schritte betrachten. In Wahrheit sind sie sein erster Kontakt zu einer Welt, die er noch hassen lernen sollte: die des flachen, kommerziellen Entertainments. Bis heute spricht Walker ungern über diese Zeit. Schließlich verschwendete er Jahre seines Erwachsenenlebens damit, die Lieder anderer Menschen zu singen, Lieder, die ihm nichts bedeuteten und die seine Stimme nicht verdient hatten. Und hier, mit diesen putzigen, naiven Melodien, fing das Dilemma an, das schließlich in eine der sonderbarsten Diskografien überhaupt mündet: Scott Walker bringt inzwischen einmal im Jahrzehnt ein Avantgarde-Album heraus, an dem sich sein Publikum die Zähne ausbeißt. Dabei durfte er gleich zu Beginn seiner Karriere auf dem Popthron Probe sitzen. Scott ist 16, als er mit seiner Mutter nach Kalifornien zieht. Er lernt Bass spielen, verdient sich in Session- und Begleitbands etwas dazu unter anderem in der von Ike und Tina Turner – und gründet 1964 mit John Maus, der schon länger den Künstlernamen Walker trägt, die Walker Brothers.


Scott Walker ist tot
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