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Interview

Greentea Peng im Interview: „Du kannst die Schwere von Musik verstecken“

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Ihr Lachen ist heiser, voll, und klingt selbst aus blechernen Laptop-Lautsprechern durch den ganzen Raum. Doch das ist nicht das Einzige, was Greentea Peng, die mit bürgerlichem Namen Aria Wells heißt, zu einer charismatischen Musikerin macht. Sie tritt mit der vorsichtigen Weisheit eines Menschen auf, der viel Zeit und Grund zum Nachdenken hatte. „Ich denke, ich bin noch nicht mein vollkommenes Selbst“, gibt die Britin im Gespräch zu, und betrachtet damit auf sehr realistische Weise sich selbst und ihre Relation zur Welt. Und genau darüber singt sie auch: über die Welt, wie sie funktioniert, was in ihr schief läuft, und was sie im Gegenzug fordert.

Mit ihrem Debütalbum MAN MADE will Greentea Peng ihre Beobachtungen unserer Gesellschaft in die Sprache der Musik übersetzen

Die 26-jährige R’n’B-Sängerin veröffentlicht seit drei Jahren Musik. Ihre Debütsingle „Downers“ verschaffte ihr dank eines Auftritts bei dem berühmten YouTube-Format „COLORS“ praktisch über Nacht einen Namen. Dieser Durchbruch galt länger als unwahrscheinlich: Erst nach ihrer Auswanderung nach Mexiko entdeckte sie ihre Stimme wieder; das Singen hatte sie seit Jahren aufgegeben. Die Gründe dafür waren Hänseleien an der Schule, eine Medikamentenabhängigkeit, die sie in einem Interview mit dem „District Magazine“ erstmals ansprach, und ein allgemeines Gefühl, etwas verloren zu sein. Eigentlich wollte Wells nach Mexiko, um ihren Problemen zu entkommen. Es kam so und gleichzeitig ganz anders: Sie lief dort einer Band in die Arme, die sie als Lead-Sängerin wollte. Nachdem sie sich ihren Lebensunterhalt mit Cover-Versionen zu finanzieren begann, zog sie zurück nach London und veröffentlichte eigene Songs.

Heute hat Greentea Peng über eine Million monatliche Zuhörer*innen auf Spotify, 10 Millionen Aufrufe auf der „COLORS“-Aufnahme von „Downers“, zwei veröffentlichte EPs – und ein neues, großes Projekt im Ärmel: Ihr Debütalbum MAN MADE erscheint am 4. Juni 2021. Vorab erschienen drei Singles: „Nah It Ain’t The Same“, „Kali V2“ und „Dingaling“.

Man kann es kaum anders ausdrücken: Greentea Pengs erstes Album ist vibey. MAN MADE lebt von dem vollen Sound ihrer Band, die über alle Erfolge hinweg immer dieselbe geblieben ist, von hypnotisierenden Vocals und aneckenden Texten, mit denen sie ihre Wahrheit erzählen will. Selber spricht sie davon, wie wichtig ihr beim Musikmachen „Vibrations“ sind – ein allgemeines Gefühl von Harmonie und Energie zwischen allen Leuten im Raum. Es ist ein Album, das sich anhört, wie eine Kreuzung aus dem Sound der Urban-Jazz-Sängerin IAMDDB, der R’n’B-Ikone Lauryn Hill und dem Buena Vista Social Club.

Während unseres Interviews möchte Greentea Peng nicht über sich, sondern nur über die Musik auf ihrem neuen Album reden. „Normalerweise bin ich ein Mensch, der sich durchs Leben treiben lässt. Doch dieses Album ist eine der einzigen Sachen, die ich wirklich mit einer Absicht geschaffen habe, und der ich bewusst meine Zeit und Energie gewidmet habe“, erzählt sie.

Greentea Peng: „Roll dir einen Joint, mach dir einen Tee, setze dich in ein Baumhaus, höre mein Album“

Musikexpress.de: Wenn wir jetzt im gleichen Zimmer sitzen würden, nach welchem Räucherstäbchen würde es riechen?

Greentea Peng: Ich habe gerade etwas angezündet, das Ganesh heißt, „Mother India’s Fragrance“. Es riecht so gut und du kannst es nur in London kaufen. Immer wenn ich hier bin, versuche ich mich damit auszustatten.

Der Vibe Deines Album sticht aus der Masse heraus – genau wie du. Was hat Dich zu der Person gemacht hat, die Du heute bist?

Es ist ein nimmer endender Prozess. Ich ändere mich jeden Tag aufs Neue und glaube, das ist ziemlich natürlich und gesund; sich zu entwickeln und neue Verständnisse über sich selber zu entwickeln. Ich glaube nicht, dass ich schon mein vollkommenes Selbst entdeckt habe, es gibt vieles, was sich noch entwickeln muss. Aber ich schätze eh, dass es nie ein vollkommenes Selbst gibt.

Hier lacht Greentea Peng ihr heiseres Lachen, das so viele ihrer Aussagen begleitet.

Was war die letzte große Offenbarung, die Du über Dich selbst erfuhrst?

In den vergangenen paar Jahren habe ich viel Verständnis für meine feminine Energie gesammelt. Ich glaube, ich war schon immer eher ein Tomboy und habe mich mehr mit meiner maskulinen Seite identifiziert. Jetzt fühle ich aber immer mehr meine feminine, verletzliche, liebende Seite.

Du hast mal gesagt, dass Musik das Einzige sei, was dich glücklich macht. In einem anderen Interview erzählst Du, dass Du Deine besten Songs im Wahnsinn schreibst. Wie passt das zusammen?

Vieles macht mich glücklich, doch Musik macht mich zudem aufgeregt. Mein Herz rast, schlägt schneller, es ist atemberaubend für mich zu singen und Musik zu machen, als wäre ich high. Ich habe zwar meine besten Songs in so einem wahnsinnigen Zustand geschrieben, aber das heißt nicht, dass ich Songs immer nur im Wahnsinn schreibe. Ich möchte vorsichtig mit der Sprache sein, die ich benutze, um über meinen kreativen Prozess zu reden. Aber es gibt schon eine Korrelation zwischen Wahnsinn und Erfolg. Vielleicht ist es aber auch diese Zeit, die einfach wahnsinnig ist.

Viele der Songs auf dem Album hören sich fast an wie Jam Sessions, besonders „This Sound“.

Greentea Pengs Sound kann mit dem anderer Musiker*innen verglichen werden – und ist trotzdem einzigartig

So entstand er auch! Ich wollte, dass das Album eine Balance zwischen Schwere und Leichtigkeit findet. Es gibt ein paar sehr intensive Themen, die sich durch das Album ziehen, deswegen wollte ich auch Songs darauf haben, die nur für die Vibration existieren.

Manche Songs haben diesen Auf-der-Straße-Stil eines Buena Vista Social Club, aber wenn man sich die Texte wirklich anhört, steckt so viel mehr dahinter.

Genau das liebe ich an Musik. Du kannst die Schwere von Musik verstecken, wenn du willst.

„Downers“ war bis jetzt Dein größter Erfolg. Er sticht aus den anderen heraus. Er ist ausführlicher produziert, elektronischer und beatlastig. MAN MADE ist allerdings genau das Gegenteil, von aller Technik scheinbar verlassen. War das eine bewusste Entscheidung?

Auf jeden Fall. Seitdem die Band mitmacht, hat der Schaffungsprozess uns unweigerlich zu diesem Punkt geführt. Es wurde zu einem multimedialen Projekt, ein Gleichgewicht zwischen Technik und puren Instrumenten.

Apropos Multimedia: Am Ende von „Make Noise“ hört es sich so an, als würden im Hintergrund Krankenwagen-Sirenen ertönen. Wie ist das denn passiert?

Warte, ehrlich jetzt? Da ist eine Krankenwagen-Sirene? Das habe ich nicht gehört!

Doch wirklich, ich schwöre!

Niemals!

Greentea Pengs Stimme wird leiser, als sie sich zu einer Person umdreht, die mit ihr im Raum sitzt.

Mama, hast Du eine Sirene in „Make Noise“ gehört?

Ihre Stimme wird wieder lauter.

Ich muss es mir noch mal anhören!

Womöglich fuhr der Krankenwagen auch nur vor meinem eigenen Fenster vorbei, während ich den Song hörte.

Greentea Peng lacht.

Ich liebe das! Okay, aber ganz im Ernst, „Make Noise“ ist mein absoluter Lieblingssong auf dem ganzen Album. Es ist das Manifest meiner Intention. Obwohl er der erste Song ist, fühlt er sich bereits wie die Zusammenfassung an.

Wie ordnest Du Deine Musik in Relation zu populärer Musik heutzutage ein?

Wenn ich mit dem Taxi durch die Stadt fahre und Musik über das Radio höre, merke ich, dass meine Songs wirklich sehr anders klingen. Es gibt so viel Musik, die existiert, aber was schlussendlich in der Öffentlichkeit ausgestrahlt wird, ist absolut lahm und langweilig. Manchmal steige ich aus dem Taxi raus und es fühlt sich so an, als hätte ich Hunderte von Gehirnzellen verloren. Das soll nicht heißen, dass es darüber hinaus nicht wunderbare Musik gibt. Doch die wird nicht unterstützt, die wird nicht ausgestrahlt.

Vielleicht haben Taxi-Fahrende auch einfach einen schlechten Musikgeschmack?

Nah, es ist einfach der Mainstream, oder? Nur ein paar von uns schwimmen in eine andere Richtung.

Dein Album lebt unter anderem von der hohen Qualität Deiner Band. Kannst Du mir was zu den Mitgliedern erzählen?

Wahnsinn und Genie gehen für Greentea Peng Hand in Hand

Die Band heißt The Seng Seng Family. Sie begleiten mich schon seit zwei Jahren, die zwei Bassisten haben mich damals für meinen ersten Headliner-Gig gebucht und schlussendlich meine ganze Band zusammengestellt. Seitdem sind wir verliebt und machen wundervolle Musik. Es waren schon immer dieselben Leute, vom ersten Tag an. Es ist ein Familienprojekt und so sollte es bleiben. Ein paar Leute wollten mich überreden, Features mit anderen großen Namen zu machen, für die Zahlen. Aber ich wusste, dass dieses Album eine Familienangelegenheit bleiben musste.

Dieser Zusammenhalt tut dem Album gut, weil die Musik so geschmeidig mit Deinen Vocals einhergeht. Willst Du von Deinen Lieblingstexten auf dem Album erzählen? Du darfst auch mehr als eine Zeile nennen!

Ich mag alle Lyrics auf „Earnest“: „But if my mind binds me here, are my words to God earnest“. Ich mag auch „This is for the collective and not the culture“, oder „Free all my brothers on a weed charge please“. Es gibt echt ganz gute Lyrics auf dem Album. Ich will nicht lügen, ich hab’ echt abgeliefert!

Sie lacht wieder, ein wenig selbstironisch, doch eigentlich stolz.

Ich hatte so viel zu erzählen. Ich dachte, ich werde verrückt. Musik war immer ein guter Weg für mich, meine Umgebung zu verarbeiten, meine Kommentare auf unsere Gesellschaft musikalisch zu übersetzen. Diese Themen nehmen mich komplett ein.

Es gibt ein paar weitere Tracks auf dem Album, die sich anhören, als hätten sie bereits Singles sein müssen. „Dingaling“ zum Beispiel. Planst Du noch weitere Singles und Visuals?

„Dingaling“ droppt in neun Minuten! „Free My People“ wird dann die letzte Vorab-Single sein, die gleichzeitig mit dem Album rauskommt.

Kannst Du uns zum Schluss die perfekte Umgebung beschreiben, um Dein Album zu hören?

Was für eine schöne Frage! Es müssen gute Lautsprecher sein, nicht nur so übers Handy. Ich möchte, dass Leute darin versinken können, davon komplett eingenommen werden können. Mach es dir gemütlich, roll dir einen Joint, mach dir einen Tee. Mach dir ein angenehmes Licht an, es muss warm sein, wie in der Sonne. Du musst dich wohlfühlen, wohl genug fühlen, zu weinen, wohl genug fühlen, zu tanzen. Vielleicht kannst du dich in ein Baumhaus setzen. Ein Baumhaus mit richtig guten Lautsprechern.

MAN MADE von Greentea Peng erscheint am 4. Juni 2021.

Text und Interview: Luisa Hemmerling

Stefy Pocket PR
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