Jahresrückblick

Die 50 besten Alben des Jahres 2021: Plätze 30-21

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Es ist wieder so weit: Jahresendzeit ist Listenzeit. Und auch wir haben es uns in schöner Tradition nicht nehmen lassen, im gedruckten Musikexpress 01/2022 das Popjahr 2021 Revue passieren lassen. Herzstück unseres großen, 43-seitigen Jahresrückblicks ist einmal mehr unsere Liste der „50 Platten des Jahres“. Eben diese Liste wollen wir Euch nun auch online nicht länger vorenthalten und veröffentlichen sie sukzessive – vielleicht mag ja jemand die „besinnlichen“ Tage (lies nicht: Lockdown) dafür nutzen, bisher nicht entdeckte, 2021 erschienene Musik nachzuhören. Hier, nach den Plätzen 50-41 und 40-31, die Plätze 30-21, mit Lorde, Mustafa und Fritzi Ernst. Gönnt Euch!

P.S.: Und wenn Ihr anderer Meinung seid, teilt sie uns gerne mit – in unserem Pop Poll 2021 könnt Ihr nebenbei jede Menge Preise gewinnen.

30. Moor Mother – BLACK ENCYLOPEDIA OF THE AIR (Anti, VÖ: 17.09.)

Die Sache ist kompliziert, das Leben als Schwarze, als Frau erst recht. Das hört man der Musik an. Wie die Wut, die die Verse von Camae Ayewam, die mächtigen Worte, noch heller leuchten lässt, sie zum Strahlen bringt. Und die Verzweiflung, die der menschlichen Existenz zu unnachgiebig innewohnt, und das Chaos, das wir Leben nennen, und in dem irrsinnigen Patchwork aus Hip-Hop-Beats und Sprach-Samples, Jazz-Fetzen und nur scheinbar erratischen Sounds seine logische, seine heilige Entsprechung. (Thomas Winkler)

29. Moritz Krämer – DIE TRAURIGEN HUMMER (Tapete/Indigo, 01.10.)

Die große Geste kommt bei Moritz Krämer immer klein daher. Nicht nur in Form final badender Krustentiere, sondern vor allem als sehr genaue, aber eben immer jenseits der Klischees laufender Beschreibungen aus, nun ja, dem Zustand des Menschseins. Der wird einerseits mit so ausgestellten Melodien nachgezeichnet, dass man zunächst an Kinderlieder denken muss. Andererseits besitzen die Songs eine Lakonie, die schmerzt, aber ins Schwarze trifft, nachzuhören etwa im kleinen, großen „Austauschbar“. (Jochen Overbeck)

28. Ja, Panik – DIE GRUPPE (Bureau B/Indigo, VÖ: 30.04.)

Don’t call it a comeback: Sieben Jahre nach ihrem bisher letzten Album LIBERTATIA und diverse Bücher, Soloplatten, Theaterauftritte und Reisen ihrer Mitglieder später haben die Wiener Wahlberliner von Ja, Panik eine neue Platte aufgenommen. Zwischen Kunstprojekt, Kapitalismuskritik und Selbstzitaten textet Sänger und Flaneur Andreas Spechtl auf DIE GRUPPE zu Film-Noir-Klängen erneut in bestem Denglisch. Für ein neues Manifest hat es nicht gereicht, auch Indie-Rock-Tanzbodenfüller sucht man vergebens. Es tut trotzdem sehr gut, diese Gruppe wieder zu hören. (Fabian Soethof)

27. Mustafa – WHEN SMOKE RISES (Regent Park/Young Turks/Beggars, VÖ: 28.05.)

Unter den besten neuen Songwritern ist der 25-jährige Kanadier mit sudanesischen Wurzeln der mit Abstand beeindruckendste. Mustafa The Poet schrieb u.a. bereits für The Weeknd und mit Sampha, wird von James Blake produziert, zeigt sich beeinflusst von Sufjan Stevens, Smoke Dawg und dem Islam und singt so engelsgleich wie Anohni oder City & Colour. Die Namen lenken ab: Sein minimalistisches Debüt klingt wie aus einem zeitlosen Paralleluniversum und gleichzeitig dem harten Hier und Jetzt. Brüchig und bedrückend erzählt er von Kriegen, Gewalt, Straßengangs, aber auch von Liebe und schlägt musikalische Brücken zwischen dem Westen und dem Mittleren Osten wie niemand vor ihm. (Fabian Soethof)

26. Deafheaven – INFINITY GRANITE (Sargent House/Cargo, VÖ: 20.08.)

Im Grunde gibt es genau zwei Sorten von Acts: Jene, die sich stetig reproduzieren, und jene, die sich immer weiterentwickeln. Deafheaven zeigen mit INFINITE GRANITE sehr deutlich, zu welchen sie zählen. Verzuckerten sie 2013 auf SUNBATHER ihren Black Metal noch mit einem Hauch Shoegaze, kehren sie die Perspektive nun radikal um. Ein atmosphärisches Werk inklusive gedankenversunkenem Gesang, das an eine Mischung aus Slowdive und Postrock-Einflüssen erinnert und bei dem man die Parallelen zu Alcests SHELTER nicht von der Hand weisen kann. (Sven Kabelitz)

25. Lorde – SOLAR POWER (Universal, VÖ: 20.08.)

Nach dem MELODRAMA kommt die Sonne. Die Frühvollendete hat ihr Handy in den Pazifik geworfen, komisches Kraut geraucht und ein Album aufgenommen, das bei gleich zwei Generationen alle Nostalgieknöpfe drückt: Auf SOLAR POWER führen Lorde und Produktionsallzweckwaffe Jack Antonoff Westküsten-Folk nach Lana-Del-Rey-Bauart, der sich ja wiederum bei Mazzy Star und den Psychedelikern der 60er bedient, mit dem sonnigen Spätneunziger-Pop von Natalie Imbruglia zum großen, wundervollen Hippie-Happening zusammen. (Julia Lorenz)

24. Greentea Peng – MAN MADE (Caroline/Universal, VÖ: 04.06.)

MAN MADE hätte in dieser Form auch aus der Untergrundszene Bristols des späten letzten Jahrhunderts entwachsen können, es stammt aber aus dem Südlondon der 2020er. Vieles hier badet knietief im Sound der 90er-Jahre. Aria Wells alias Greentea Peng umarmt die unterschiedlichsten Genres dieser Welt und nutzt sie als Inspiration für ihr farbenreiches R’n’B- Kaleidoskop. Ein federleichtes Album für mehrere Generationen, auf dem ihr das Kunststück gelingt, den Ansatz ins Hier und Jetzt zu retten und Nostalgie heraufzubeschwören. (Sven Kabelitz)

23. Spellling – THE TURNING WHEEL (Sacred Bones/Cargo, VÖ: 25.06.)

Mitte in der Pandemie kam Tia Cabral auf die glorreiche Idee, ihre neuen komplexen Songs mit einem riesigen Ensemble umzusetzen. Der Hintergedanke: An eine Tour ist aktuell eh nicht zu denken, da darf man sich ein solches, kaum auf die Bühne zu bringendes Konzept trauen. Stand das Projekt Spellling bislang für dunklen Pop für Donnie-Darko-Nostalgiepartys, schenkte Cabral den Stücken von THE TURNING WHEEL genügend Zeit und instrumentelle Vielfalt für ein paar Artpop-Sonderrunden. Nichts klingt wie zu erwarten auf diesem Wunderwerk. Die Platte ist geprägt von der Vielfalt der Beteiligten, von ihrer Liebe zur Musik und zum Detail. (André Boße)

22. Fritzi Ernst – KEINE TERMINE (Bitte Freimachen/Membran, VÖ: 11.06.)

Nachdem die grellen Schnipo Schranke vor einigen Jahren überraschend und wenig harmonisch implodierten, hatte Fritzi Ernst, Teil jenes Duos, das Thema Musik erst mal beiseitegelegt. Es dauerte, bis sie wieder Vertrauen fassen konnte – in die Popwelt, in andere Musiker*innen und vor allem auch in sich selbst. Das Debütalbum KEINE TERMINE klingt wie der Soundtrack dieses Prozesses. Hinreißende Klavier-Stücke über Zweifel, Introvertiertheit und Schweinehundüberwindungsstrategien. Fritzi Ernst auf ihrer Heldinnenreise zwischen Witz und Wahn zu begleiten, ist das schönste Alles-wird-wieder-gut dieses Musikjahres. (Linus Volkmann)

21. The War On Drugs – I DON’T LIVE HERE ANYMORE (Atlantic/Warner, VÖ: 29.10.)

Orgeln und Steel Guitars für ein Halleluja: Zwischen Americana, Heartland Rock, Psychedelic, Blues, Indie-Folk und Pop-Liebäugeleien ist The War On Drugs die nächste kleine Großtat gelungen. Hymnen wie „Harmonia’s Dream“ („It’s so hard finding friends“), sich zu Rocksongs auftürmende träumerische Balladen („I Don’t Wanna Wait“), Backgroundchöre im Titeltrack, Sehnsuchtslyrics – das fünfte Album von Adam Granduciels mit Grammys ausgezeichneter Band aus Philadelphia vereint mindestens für geneigte bis gesetztere Gitarrenfans von Trauer bis Aufbruch fast alle Emotionen, die der Herbst im 2021er-Speziellen wie im Allgemeinen so bereithält. (Fabian Soethof)


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