Konzertbericht

Her live in Berlin: So viel Liebe im Raum

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Her benötigen nur fünf Minuten, um die Anwesenden in verliebtes Schwärmen verfallen zu lassen. „Five Minutes“ heißt passenderweise der Song, den das französische Duo Victor Solf und Simon Carpentier zum Ende ihres Berlin-Konzerts in der Kantine am Berghain spielen. Eine perfekte Popnummer, die in ihrer Simplizität brilliert und Hers immenses Talent für atmosphärisches Songwriting aufzeigt.

Es ist erst der zweite Auftritt in Deutschland für Her. Im Juli spielten sie am frühen Nachmittag beim Liebhaber-Festival Appletree Garden und verblüfften schon da die Frühaufsteher mit ihrem sinnlichen Soulpop. Es ist eher unwahrscheinlich, dass alle Besucher, die sich im Schatten des Berghains eingefunden haben, schon auf der Diepholzener Waldlichtung den sehnsüchtigen Wehliedern der Franzosen gelauscht haben. Doch die ehemalige Kraftwerkskantine gilt als Berlins Hype-Inkubator, hier stellen sich musikalische Hoffnungen und SoundCloud-Durchstarter dem mürrischen Hauptstadt-Publikum. Wer dieses 200-Seelen-Loch füllt, dem steht großes bevor. Her, das zeigt sich an diesem Abend, steht ganz eindeutig großes bevor.

Victor Solf kann sich schon kurz nach der Ankunft auf der niedrigen Bühne des Venues ein Lächeln und die geballte Siegerfaust nicht verkneifen. Der Laden ist sehr gut gefüllt, die Gesichter erwartungsfroh scheinend. Besonders er freut sich über das rege Interesse, erzählt von seinem deutschen Vater, seiner Kindheit in Düsseldorf und wie wichtig es ihm sei, hier in Deutschland ein Publikum zu haben. Als habe er damit nicht schon genügend Sympathien gewonnen, setzt die Backingband und sein musikalischer Partner Simon zu „Union“ an, der wunderschönen Liebeserklärung an seine Frau, bei der man sich nichts sehnlicher wünscht als engumschlungen mit seiner Liebsten zu tanzen.

Her singen über Liebe, Sehnsucht, Leidenschaft, Sex. Dabei strahlen sie jederzeit eine unfassbare Klasse aus, die durch ihre stilsicheren bordeauxroten Anzüge nur noch unterstrichen wird. Nein, das da oben auf der Bühne sind keine Aufreißer, keine Blender. Das sind Liebhaber, Lebenspartner, die dem Thema „Liebe“ in der Popmusik das zurück geben, was sie durch Plastikpop und DSDS verloren hat: ihre Seele.



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