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Im Indie-Zirkus auf der Reeperbahn: So war’s bei der MUSIKEXPRESS Klubtour in Hamburg

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Magisch ist das ja schon, wenn sich abends vor den Tanzenden Türmen, Hamburgs modernen Vorzeige-Hochhäusern direkt an der Reeperbahn, die Luke zum Mojo Club öffnet. Tagsüber ist die schwere Türe unscheinbar in den Boden eingelassen, nur das große dunkle M mit Silber-Umrankung weist auf den darunter liegenden Kult-Laden mitten auf Sankt Pauli hin. Doch bei Dunkelheit bahnt diese Türe den Weg zum Club. Tief hinein ins Herz von Soul und vor allem Jazz, dem Genre, für das das Mojo mit seinen Partys seit Jahrzehnten bekannt ist. Der heutige Abend steht musikalisch allerdings ganz im Zeichen des Indie-Rocks und Trash-Punks, interpretiert und vorgetragen von der Hamburger Band Fotos und anschließend vom Schweizer Performance-Maestro Bonaparte samt Band und Performance-Künstlerinnen.

Bevor die Lokalhelden von Fotos ihre Show beginnen, müssen die Fans erstmal die Berghain-artige Schlange zum Club überwinden. Hamburg zeigt sich am Samstagabend dabei wettertechnisch von seiner klassischen Seite: Nieselregen und leicht steife Brise. Für die gelassenen und daran gewöhnten Hanseaten anscheinend kein großes Ding. „Zieht man sich halt was Anständiges an“, hört man in der Schlange die Leute sagen. Doch die Wärme (das Mojo ist schließlich eine Art Keller-Klub) und die Stimmung (geil!geil!geil!) drinnen lassen das kühle Wetter draußen schnell vergessen.

Fotos spielen vor allem Songs aus ihrem im März erschienenen vierten Album KIDS. Die Fans in den ersten Reihen singen absolut textsicher die Verse von neuen Stücken wie „Melodie des Todes“, „Fluss“ und „Niemand“ mit. Der Rest der Mojo-Gäste reiht sich bei den Klassikern vom selbstbetitelten Debütalbum von 2006 ein. Lieder wie „Komm zurück“, das nicht geplante, aber von Schlagzeuger Benedikt Schnermann spontan angezählte „So fremd“ und „Giganten“, versetzen einen zurück in die Hochphase des Indies Mitte der Nuller Jahre. Erinnerungen kommen auf an damals, als weltweit britischer Indierock die Charts dominierte und in Deutschland die hiesigen Götter vor allem aus Hamburg kamen und in unserer Sprache Hymnen für die Ewigkeit kreierten. Für Fotos ist es das letzte Konzert 2017 und die Freude darüber, dass sie es im Rahmen der MUSIKEXPRESS Klubtour geben, eint Publikum und Band wohl gleichermaßen, als Sänger Tom Hessler sich bei den Zuhörern bedankt.

Hier und heute zählt nur, ein Teil vom Zirkus des Massen-Dompteurs Bonaparte sein zu dürfen

Nach dieser melancholischen Zeitreise haut einen der dann folgende Bruch umso krasser um. In nur wenigen Takten zeigen Bonapartes kreatives Mastermind Tobias Jundt und seine Band, wofür der Name Bonaparte in der Musikwelt steht. Schwarze, riesige Ballons fliegen durch den Raum, zwei weibliche Artisten verrenken sich kunstvoll ekstatisch und nur in durchsichtige Plastikfolie gehüllt auf der Bühne. Beim Hit „Anti Anti“ brennt die Hütte endgültig. Ballons platzen, daraus fällt Glitzer-Staub auf die tanzenden und singenden Fans im Mojo. Eingehüllt in eine Mixtur aus Glitter, Schweiß und Konfetti wird sogar in den ersten Reihen mittig wild gepogt.

Bei „Manana Forever“ denkt man vor allem daran, dass es in diesem Moment so richtig schnuppe ist, was morgen passiert. Hier und heute zählt nur, ein Teil vom Zirkus des Massen-Dompteurs Bonaparte sein zu dürfen. Losgelöst von allem irdischen Mühsal mal so richtig die Sau rauszulassen. Und so schippern gegen Ende des Konzerts aufblasbare Schwäne über die Köpfe der Fans hinweg. In denen räkeln sich die mittlerweile nackten Tänzerinnen vollgemalt mit Farbe und Glitzer und das Publikum wird im Rausch der Nacht verschlungen. An diesen Abend voller Flashbacks, Farbe und künstlerischer Ekstase denkt Hamburg hoffentlich noch lange zurück. Das schlechte Wetter hat man bis da zum Glück wieder vergessen.

Anmerkung der Redaktion: Für die Kleidungsordnung für den nächsten Termin der Klubtour am 2. Oktober in Rostock gilt dasselbe wie in Hamburch: Regenmäntel nicht vergessen!  😉

Alle Infos zur Klubtour findet Ihr auch auf unserer Themenseite unter musikexpress.de/klubtour

 

Thomas Neukum
Thomas Neukum
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